Oliver_Stolle 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Vorsicht, Kunst!

In wenigen Jahren wurde zeitgenössische Kunst vom sperrigen Exotenfach zur hochgejubelten Popkultur. Ein Streifzug durch ein Land im Kunsttaumel.

Tiefer Berliner Osten, grauer Winter, gegenüber ein Großhandel für Fleischereibedarf, bleiche Mauern aus Klinkerstein. Gerade öffnet ein freundlicher junger Mann im olivgrünen Hemd das Metalltor, ein Herr im Trenchcoat huscht heraus und übernimmt dankbar das Taxi. »Ein norwegischer Galerist«, erklärt der junge Mann, dann führt er den Besucher durch eine Halle in
einen überraschend lichten, locker acht Meter hohen Raum, den er zusammen mit einem dänischen Kollegen seit kurzer Zeit gemietet hat. Dort prangen von einer Konstruktion aus Dachlatten große Neonbuchstaben: »SAILSTORFER«.
Michael Sailstorfer lässt den Besucher das Ding in Ruhe betrachten, und als man sich gerade abwendet, aha, irgendwie kapiert, der Künstler feiert sich selbst, zumindest porträtiert er sich, das hatte man ja auch in einem Katalog
gelesen, erklärt er: »Der Computer ist im Moment noch auf Englisch programmiert, an der deutschen Fassung wird gerade gearbeitet.« Die Buchstaben leuchten nur scheinbar in willkürlicher Reihenfolge auf. Tatsächlich buchstabieren sie alle denkbaren Anagramme, die man aus dem Nachnamen
des Künstlers bilden kann.
Eine einfache Idee steht immer am Anfang, erklärt Sailstorfer, 28. So war es auch bei der »Herterichstraße 119«, einer Arbeit, die er noch als Student der Münchner Kunstakademie anfertigte, eine Couch, gebaut aus den Resten eines Hauses, das abgerissen werden sollte. Sechs Jahre ist das her, die Jahresausstellung der Hochschule war ausgelagert, und prompt landete die Couch in einer Münchner Galerie, wo sie ein Berliner Kurator sah und den Studenten einlud, in der Hauptstadt auszustellen.
Sailstorfers Karriere hat die Dynamik seiner Arbeit »Sternschnuppe«, in der er eine Straßenlaterne mit einem Katapult von der Rückseite seiner Mercedes-Limousine abschießt. Einzelausstellung im Münchner Lenbachhaus, zahlreiche Gruppenausstellungen noch während der Ausbildung, jetzt der Ars-Viva-Preis des BDI. Das mag vor allem an der Schlüssigkeit seines Schaffens liegen. Es steht aber auch für eine Zeit, in der junge Kunst ein Maß an Aufmerksamkeit bekommt, wie es nicht einmal während des letzten Booms in den 80er Jahren der Fall war. Weltweit werden derzeit für moderne Kunst Preise gezahlt, die alle Rekorde brechen. Und weil irgendwann keine Picassos und Monets mehr zu haben waren, rückte die ganz junge, die zeitgenössische Kunst ins Interesse der Sammler.

Am deutlichsten konnte man das in den vergangenen Jahren an deutscher Malerei aus der sogenannten Neuen Leipziger Schule sehen, aber auch Arbeiten von Berliner Künstlern wie Jonathan Meese oder Daniel Richter werden für mehrere hunderttausend Euro versteigert. Von Basel über London bis New York reiht sich eine Messe an die nächste, bis im Winter auf der Art Basel Miami der
internationale Jetset zusammen mit den Künstlern in Champagnerströmen badet. Was noch vor wenigen Jahren als sperrig und schlecht kommunizierbar galt, ist zum einzig gültigen Statussymbol geworden. Models und Filmschauspieler lassen sich auf der Armory Show oder Frieze Art Fair fotografieren. Aber auch die Mittelschicht kauft eifrig Kunst. Passend klärte die Welt am Sonntag ihre Leser auf, ob man bei einer Vernissage Schwarz tragen müsse und wann man eigentlich Sammler sei und nicht mehr nur sein Haus einrichte – wenn man nämlich mehr Bilder habe als Wände.
Als wäre das alles nicht schon zu viel, häufen sich in diesem Sommer museale Großkunstereignisse. Es erinnert an jene Planetenkonstellationen, die in Indien alle 144 Jahre tausende von Bettelmönchen aus ihren Höhlen locken. Allein im Juni starten – neben der Art Basel, der wichtigsten Kunstmesse – die Documenta in Kassel, die Biennale in Venedig, Skulptur.Projekte in Münster und zeitgleich eine Ausstellung in Hannover, die den ganzen Zirkus zu einem Schlagwort verdichtet: Made in Germany.
Kann ein System, das als letzte Bastion der Unabhängigkeit gilt von den Kräften, die den Rest der Welt bewegen, da noch funktionieren? Macht so viel Geld die Kunst nicht kaputt? Zumindest die Kunstkritik rechnet mit einem Moment der Wahrheit, in dem endgültig klar werde, dass ein Großteil des aktuellen Booms nichts weiter sei als ein Blase. »Die Produktion und die Sammlungen«, schreibt
Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum drohenden Kunstsommer, »werden immer uniformer, die Qualität der eilig nachgeschobenen Ware immer dünner, die Trendmacher immer seltsamer.«
»Es ist heute sicher einfacher, eine Karriere als Künstler zu starten als vor 20 Jahren«, erklärt Sailstorfer später. Er sitzt an einem einfachen Holztisch in einer großzügigen Vierzimmerwohnung am Rosa-Luxemburg-Platz, die er gerade
bezogen hat. »Die Gefahr, dass man nur noch Quatsch produziert, wird größer, wenn man weiß, dass man mit jedem gemalten Bild 50 000 Euro reicher ist.«
Seine bayerische Bodenständigkeit scheint wie eine Schutzhülle um ihn zu schweben. »Ich betrachte die letzten Jahre erst mal nur als guten Start. Ich versuche aber, langfristig zu denken.« Im Juni ist er bei Made in Germany dabei, das reiche auch völlig. »Wenn du im Sommer bei mehreren Ausstellungen gleichzeitig mitmachst«, sagt er, »hast du so einen Run danach, den kannst du gar nicht bewältigen.«
Dabei ist es nicht so, dass Sailstorfer bis dahin nichts zu tun hätte: Er muss von Moskau bis zum Emirat Schardscha auf der arabischen Halbinsel Ausstellungen bewältigen, außerdem läuft ein Projekt mit Unterwasserskultpuren, die er an
verschiedenen Stellen in der Ostsee versenkt. Und der alte Bundeswehrbus in der großen Halle vor seinem Atelier soll zu einem Eisstand umgearbeitet werden, für die New Yorker Armory Show Ende Februar. Jetzt geht er aber erst mal auf ein Bier, später auf eine Ausstellungseröffnung in einer Hinterhofgalerie. Irgendwo wäre dann auch noch eine Party, der Künstler winkt ab. Er will am nächsten Tag etwas arbeiten, sein Schreibtisch muss auch mal wieder aufgeräumt werden.

Wenn schon der Künstler sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, muss zumindest der Galerist Gas geben. In Johann Königs Räumen in der Nähe des Potsdamer Platzes wurde eben eine Schubladenskulptur der Amerikanerin Lisa
Lapins ki abgebaut, schon steht der nächste Künstler im Raum und will, dass eine der Milchglasscheiben im Dach ersetzt wird, da er ein Teleskop in den Nachthimmel richten will. Jordan Wolfson ist noch jünger als Michael Sailstorfer
und mit seinen 26 Jahren fast so jung wie sein Galerist.
Die stets freundlichen Mädchen, die den ganzen Tag hinter dem Betonpult am Eingang sitzen, bringen schwarzen Kaffee, König und seine Partnerin Kirsa Geiser beantworten Fragen. »Wir versuchen eher, Druck von unseren Künstlern
zu nehmen«, sagt König. »Klar wollen die immer Ausstellungen machen. Aber wir helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit die Reserven nicht so schnell aufgebraucht sind.« Geiser ergänzt: »Wir verkaufen hier ja nicht einfach
ab. Wir haben ein Interesse daran, dass unsere Künstler Sachen denken, die so noch nicht gedacht wurden, die erstaunen oder überraschen.«


Eine Ausstellung verdichtet den Zirkus um die junge Kunst zu einem Schlagwort: Made in Germany


Fünf Künstler der Galerie werden bei Made in Germany vertreten sein, einer davon zusätzlich bei Skulptur.Projekte in Münster. Selbstverständlich sieht man Johann König auf den wichtigsten Kunstmessen in London und New York. »Natürlich wollen wir Geld verdienen«, sagt König. »Aber mit den Sachen, die man bei uns kauft, kann man keine tausendprozentige Rendite machen. Solche Gewinne sind vielleicht mit Leipziger Malerei möglich und seit neustem auch mit Kunst aus China. Unmittelbar profitieren wir allenfalls von der insgesamt positiven Grundstimmung.«
Gehäuft haben sich außerdem die Bewerbungen junger Künstler, die sich von Johann König vertreten lassen wollen. »Zum größten Teil setzen die sich inhaltlich nicht mit unserer Arbeit auseinander. Die schicken einfach Mappen
mit gegenständlicher Malerei.« Wen wundert’s? Die Gerüchte, dass ein ganzer Abschlussjahrgang der Klasse Neo Rauch an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst von Sammlern aufgekauft wurde, werden ständig weitergetragen. Und auch in anderen Akademien schleichen Kuratoren und Galeristen herum, um frisches Material zu finden.
Die auszubildenden Maler der Kunsthochschule Berlin Weißensee wurden in einen Flachbau im Monbijoupark ausgelagert. Am Ende eines Linoleumganges finden wir den Studenten Malte Hückstädt. »Klar werden Leute angesprochen«,
bestätigt er, »die arbeiten dann aber mit großer Wahrscheinlichkeit genauso, wie der Markt es erwartet.«
Hückstädt besprüht gerade eine Kugel mit Krakenarmen aus Pappmaché mit Farbe, die ganze hintere Wand seines Arbeitsraumes ist mit Folien und Müll beklebt, die wie-derum bemalt sind. »Vielleicht hat meine ablehnende Haltung
gegenüber dem aktuellen Kunstbetrieb ja wirklich was damit zu tun, dass hier direkt vor der Tür 400 Galerien zeitgenössische Kunst ausstellen«, bekennt der 24-Jährige. »Der ganze Stadtteil ist vollgestopft, das ist wie auf einem Fleischmarkt.

« Ein Mitstudent gesellt sich gut gelaunt dazu. »Was interessiert mich der Zirkus da draußen«, protestiert er, während er nach einem Gefäß sucht, um Leim anzurühren. »Das ist so weit weg wie der Irakkrieg.« Antje Majewski, selbst erst Ende dreißig, kann die Antihaltung ihrer Studenten nachvollziehen. Natürlich biete die allgemeine Aufmerksamkeit jungen Künstlern Chancen.
Andererseits sei es schwieriger, sich Beachtung zu verschaffen, die länger als ein paar Jahre anhält. Dass man in Berlin nicht unbedingt schnell Erfolg haben müsse, um als Künstler überleben zu können, findet die Professorin eher gut: »In
anderen Städten bist du mit Atelier schnell bei 2000 Euro Fixkosten. Da arbeitest du viel zielgerichteter und steckst irgendeine bescheuerte Position für dich ab.«
Eine Studentin, die von einer Galerie am Kurfürstendamm angesprochen wurde, warnte sie, dass man sie nur als Neo-Rauch-Epigonin verkaufen würde, solange Sammler das wünschten, und sie sich damit die Chance verbaute, sich als eigenständige Künstlerin zu positionieren. Vergeblich.
Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb die Kunst als ein System außerhalb der Gesellschaft, das die Gesellschaft sich leistet, um sich selbst zu beobachten. Kann so ein System funktionieren, wenn reiche Sammler und gewinnorientierte
Galeristen bestimmen, was gut ist und was schlecht? Nicolaus Schafhausen, der den jüngsten Malereitrend mit der Ausstellung Deutsche Malerei 2003 miterfunden hat, ist heute Museumsdirektor in Rotterdam. »Kunstproduktionen
und Ausstellungen werden immer kostspieliger«, erklärt der Kurator des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig. »Die Preise auch der ganz jungen Kunst steigen in irrationale Höhen.« Gleichzeitig sparten Städte und der Staat bei den Museen. Viele Ausstellungen seien ohne die Unterstützung privater Geldgeber nicht mehr zu stemmen. Trotzdem, glaubt Schafhausen, sei Unabhängigkeit möglich: »Aufmerksamkeit schafft langfristig Freiräume.« Deswegen sei auch an den Großereignissen 2007 nichts auszusetzen. Die Leistung bestehe darin, mit einem inhaltlich komplexen Programm hohe Besucherzahlen zu erreichen.
Wenn es so weitergeht, steht der Allgegenwart schlauer und alle Bevölkerungsschichten erreichender Kunst also nichts mehr im Weg. Der erste Künstler, von dem bekannt wurde, dass er für die Documenta nominiert ist, steht bereits für großen Publikumserfolg. Er ist ein spanischer Starkoch.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare