Schokokatzenchefin 10.11.2011, 12:23 Uhr 0 0

Von tanzenden Sesseln und flirtenden Schränken

Es ist ein Abend, wie er surrealer nicht sein kann.

Sessel, Sofas und Schränke entwickeln scheinbar ein Eigenleben. Sie tanzen, stubsen, klappern, kurz: kommunizieren miteinander. Leitern werden scheppernd durch den Raum geschleudert, eine rote Maus macht Jagd auf ein Paar Beine und Styroporplatten schweben in Star-Trek-Manier durch den Raum. Die Regisseure Peter Schulz und Nic Schmitt untersuchen in ihrem neusten Projekt „Tanz ohne Tänzer“ was genau eine Choreografie eigentlich zu einer Choreografie macht. Hierbei gehen sie von den Mitteln der Performance aus und lassen sich vom zeitgenössischen Tanz inspirieren. „Wir haben diesmal viel mit Körperveränderungen gearbeitet, um herauszufinden was Tanz eigentlich ist“, berichtet Schmitt. Das Ergebnis aus vielen Improvisationen sind sieben ganz unterschiedliche Szenen, die, jede auf ihre ganz originelle Art, unterhalten sollen. Schmitt und Schulz gestalten das Programm zusammen mit vier Künstlern des pad-Ensembles. Und die müssen einiges über sich ergehen lassen: beispielsweise einen Sessel vor den Oberkörper halten. Das Publikum sieht nur nackte Beine, und dann wird getanzt. Ein etwas eingestaubter Sessel mit menschlichen Beinen legt im Spotlight eine flotte Sohle aufs Parkett. Die rund 30 Zuschauer, darunter auch Kinder, sind begeistert. Ein andermal tanzt ein provisorischer Stoffkleiderschrank einen Pas-de-Deux mit einer roten Sofa-Ecke. Auf der pad-Bühne können sich aber auch eine geflochtene Truhe und ein Tisch in Hunde-Manier umkreisen, beäugen und beschnuppern. Schließlich kommt es zum Kampf. Der Truhe wird es zu heikel, sie entledigt sich ihres Bewegers, der flüchtet sich in die Kulissen. Gewonnen hat somit der Tisch. Aber nicht nur das. Wie immer: einer muss auch mal aufräumen. Die Schränke, Sessel und Sofa-Ecken haben ihren Auftritt gehabt. Diesen leidlichen Dienst hat der Hausmeister, dargestellt von dem Performer Udo Heinrichs. Er wird aber von einer rassigen und unsterblich verliebten Latina im roten Kleid umgarnt, was ihm gar nicht passt und von der Arbeit abhält. Die junge Dame will jedoch partout seine Abweisung nicht akzeptieren und wird kurzerhand in die geflochtene Truhe gepackt und ebenfalls von der Bühne geschoben. Bei „Tanz ohne Tänzer“ sind außerdem Styroporplatten nicht nur zur Wärmedämmung da. Hier fliegen sie schwerelos durch den Raum, werden höchst fachmännisch gestapelt und wieder umgestellt, oder linkisch vor den anderen versteckt. Sogar modeln kann man mit ihnen. Die verschiedenen Szenen sind von klassischen Opern-Arien, Filmmusik oder einfach nur Geräuschen unterlegt. Manchmal auch passend. Die Ideen von Schulz und Schmitt sind originell, doch das Projekt besteht hauptsächlich aus Performance-Elementen. Die Regisseure entwickeln zwar im weitesten Sinne eine Art Choreografie, aber tänzerische Elemente bleiben die Ausnahme. Einen Tanz ohne Tänzer gibt es nicht.

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