Von der Kunst Einzukaufen
Einkaufen kann jeder, einfach alles in den Korb, was auf dem Zettel steht und fertig.
Von wegen. Einkaufen ist kompliziert, Einkaufen bedarf höchster Konzentration. Niemand will mit mir einkaufen gehen, weil sie dann immer genervt sind, dass ich so langsam werde und so lange brauche, aber wenn ich die Leute sehe, die wahllos alles, wonach es ihnen im Moment gelüstet, in ihren Korb schmeißen, frage ich mich, ob sie denn kein Gefühl, kein Sinn für Ästhetik haben.
Ich kenne einen Jungen, der sehr viel Zeit fürs Wäscheaufhängen verwendet, die einzelnen Stücke müssen sich farblich zusammenfügen und auch die Größe muss aufeinander abgestimmt werden. Beim Einkaufen kommt noch die geschmackliche Komponente hinzu, es ist zum Beispiel unmöglich gleichzeitig Zucker und Bier zu kaufen.
Besonders schlimm ist es, wenn einem von vorneherein die Möglichkeit zerstört wird, den perfekten Einkaufskorb zu kreieren, weil irgendwelche Trottel beschlossen haben, hässliche rote oder blaue Einkaufskörbe aus Plastik an den Eingang zu stellen, anstatt der schönen schlichten Drahtkörbe, die ich sehr schätze, die aber auch immer seltener werden. Einkaufswägen sind zwar auch aus Draht, aber die fallen weg, weil der Raum im Gegensatz zu den Produkten zuviel Platz einnimmt, das ist nur etwas für die Wocheneinkäufe der Großfamilien. Um dieses Problem zu umgehen, habe ich mir einen schlichten, geflochtenen Korb zugelegt.
Die einzelnen Komponenten müssen aufeinander abgestimmt werden, sie müssen sich zu einer Komposition zusammenfügen. Deshalb, so könnte man meinen, sei es im Bioladen einfacher einzukaufen, die Produkte sind dort in der Tat viel besser aufeinander abgestimmt, es gibt hübsche braune Papiertüten für das Obst, die Farben sind nicht grell, sondern dezent natürlich. Aber so einfach ist es nicht, der perfekte Einkaufskorb braucht einen Bruch. Und das ist schwierig, keinen brutalen Bruch, der das Gesamtwerk zerstört. Es muss ein Bruch sein, der sich einfügt, der passend ist und sich trotzdem abhebt.
Eine sehr schöne Kombination finde ich immer Tomaten und Basilikum, das passt farblich, das passt geschmacklich. Aber Mozarella dazu ist wiederum zu harmonisch, außerdem sieht es grauenhaft aus, diese amorphe Masse in geschmackloser Verpackung. Diese Verpackungen sind ein Kapitel für sich, ich frage mich immer, wer dafür zuständig ist. Deshalb ist es auch stets eine große Herausforderung bei Penny einzukaufen. Hier scheiden sich die Geister, während es bei Kaisers oder Rewe auch für Laien verhältnismäßig einfach ist, wird es bei Penny zu einer weitaus komplexeren Aufgabe, die ein Höchstmaß an Feingefühl und Sensibilität erfordert, aber es ist nicht unmöglich selbst bei Penny einen passablen Einkaufskorb hinzukriegen.
Wir haben also Tomaten und Basilikum im Korb, wohlgemerkt lose Strauchtomaten, keine Plastiktüte und auch kein Netz. Der Anfang wäre geschafft, nun kann man ähnliche Produkte, wie Obst und Gemüse dazu passend auswählen. Dann kommt die Schwierigkeit. Der Bruch. Eine Lösung wäre ein Gegenstand, der im Haushalt unentbehrlich ist, Spülmittel etwa, schon allein seine Zweckmäßigkeit rechtfertigt den Kauf. Ich würde zu cremeweißem Spülmittel tendieren, die anderen Farben scheinen mir zu grell.
Die größte Hürde ist allerdings die Kasse. Hier steht man zusätzlich unter Zeitdruck und muss nun die sorgfältig ausgewählten Produkte so schnell wie möglich aufs Band legen, ohne ihre natürliche Ordnung zu zerstören. Wenn man Glück hat, ist die Schlange lang und man kann sich im Kopf die Reihenfolge schon vorher zurechtlegen. Es ist ratsam die robusteren Produkte anfangs aufs Band zu legen, weil sie ja auch im Korb zuunterst liegen werden. Natürlich dürfen die Sachen nicht kreuz und quer auf dem Band liegen, eine Ordnung muss unter Zeitdruck gefunden werden, die vorgegeben Formen müssen zusammengefügt werden. Das Schwierige auf dem Band ist, dass mögliche Unstimmigkeiten in der Wahl ungeschminkt zu Tage treten, die man im Korb noch durch Überlagerung anderer Produkte vertuschen konnte.
Wenn das Bezahlen geschafft ist, macht sich wiederum der Korb bezahlt, denn man ist nicht auf Kartons oder, noch schlimmer, diese furchtbaren Plastiktüten angewiesen; der Einkauf wird durch den Korb erst richtig rund, der Korb ist das Leitmotiv des Einkaufs, das Gerüst, der Begleiter von Anfang bis Ende.
Tipp: Wenn es sich keinesfalls umgehen lässt, gewisse Produkte zu kaufen, die absolut nicht ins Sortiment passen wollen, empfehle ich, sie einfach unter dem Pullover aus dem Laden zu schmuggeln.





Kommentare
Der Artikel ist wundersam unfasslich genial.
08.06.2010, 18:26 von SieLiebt.Und doch, bei Penny ist so ein künstlerischer Einkauf auch möglich. Ich denke nur immer die Verkäuferinnen müssen mich für verrückt erklären, wie ich Ewigkeiten meinen Einkauf sortiere und Stück für Stück prüfe.
Aber so macht es erst Spaß. Und ich finde so kann es auch erst möglich sein, den Lebensmitteln, welche doch einen so enorm wichtigen Platz in unserem Leben beanspruchen, den nötigen Respekt entgegen zu bringen.
Einkaufen ? Lästige Sache. Muss schnell gehen, wie alle Dinge, die ich nicht mag, die aber sein müssen. Also:
10.05.2010, 14:42 von Cyro1. Überlegen was man braucht.
2. Ankunft Supermarkt.
3. Benötigte Dinge in den Einkaufskorb werfen oder legen. Manchmal im vorbeigehen etwas sehen was als Kauf nicht geplant war und es trotzdem mitnehmen. Ebenso Dinge die man vorher schlicht vergessen hat zu bedenken.
4. Kürzeste Schlange an der Kasse finden. Automatisch leicht verstimmt sein, wenn Punkt 2 länger als 3 – 5 Minuten dauerte. Verstimmung schlägt in leichte Wut um, wenn man wieder mal Regale abklappern musste weil das Produkt nun woanders liegt. Wutsteigerung bei langen Schlangen und dem Pech eine Schnecke an der Kasse zu haben. Die Kaufhausluft schlaucht, das lange stehen nervt und wird auf Dauer anstrengend. Selbstbeherrschung sinkt, wenn Leute mit viel Kleingeld zahlen müssen. Oder mit Karte. Das dauert. Verdammt ... geht’s endlich weiter ?!
5. Versuchen freundlich und entspannt auszusehen. Höflich sein. Meist ist an der Kasse doch keine Schnecke, und ein wenig Verständnis ist angesagt.
6. Ware einpacken und bezahlen. Mit Scheinen. Hey, ihr Leute hinter mir, ich suche nicht stundenlang nach Kleingeld oder blockiere den Laden eine Ewigkeit, indem ich mit Karte bezahle. Man soll ja mit gutem Vorbild vorangehen, also verhaltet euch gefälligst auch so.
7.Ware in Tüten / Kartons packen. Supermarkt verlassen.
Punkt 2 – 7 sollten maximal 10 Minuten dauern. Zum Teufel mit Ästhetik oder Einkaufskunst oder anderen Unfug. Ab nach Hause und sich mit etwas befassen, was man mag. Der Einkauf für die nächsten paar Tage ist ja nun hoffentlich gesichert.
Kein Zettel, kein Korb und harmonisch ist bei meinem Einkauf auch nichts. Muss wohl noch hart an mir arbeiten! :)
24.02.2009, 14:44 von tie.heEine Alltagslast in ein Alltagsereignis umgesetzt. Sehr gut geschrieben!
23.07.2008, 22:26 von dotFM.FM
Ich hab den Text schmunzelnd gelesen, weil ich in die Geschäfte reinstürm, Korb schnapp, links und rechts die Regale entlangflitz und mir grad das schnapp worauf ich Lust hab, zur Kasse flitz, die Omi mit dem monströs gefülltem Wagen noch so knapp überhol, raus, Kippe an, fertig. Aber jedem sein "Einkaufsstil", solange die "Genusskäufer" nicht den Weg versperren...^^
20.07.2008, 18:41 von LeyluraLegbreakerHerrlich verrückt, und herrlich dass es nicht nur mir so geht. Leider sieht mein Freund alles etwas funktioneller, aber ich kann z.B. organische Lebensmittel nicht in Plastik packen.
14.05.2008, 20:23 von Kiwi-MonsterIch stehe ab und an auch ewig vor den Regalen, vielleicht suche ich unterbewusst zueinander passende Produkte aus. Vordergründig darauf geachtet habe ich noch nie. Einkaufen kann mit mir allerdings auch sehr lange dauern.
06.03.2008, 20:29 von derbarschich würde sagen es ist nie ein fehler bewusst einkaufen zu gehen, auf was man dann achtet ist jedem selbst überlassen, hauptsache man ist mit allen sinnen dabei!
07.02.2008, 23:15 von ninchen-luLOL....das ist einfach so putzig!
22.10.2007, 11:09 von scrambled.egg@LudwigMartin: mag sein. Wenn ich aber odradek das nächste Mal in Körbchen greife, um ein paar Sachen durcheinanderzubringen, wird es ihr ganz bestimmt nicht mehr gut gehen
03.09.2007, 15:58 von runner_ch@chessige: mein Beitrag ist frei jeglichen Zynismus', drücke ich doch lediglich mein Mitleid aus. Im übrigen habe ich nichts gegen originelle Menschen. Nebenbei gesagt, haben wir alle unsere Neurosen, einfach mehr oder weniger stark ausgeprägt