spiegelbilder
Emelie und Raphael liegen in der Mitte der Bühne, beide in Weiß gekleidet zusammengerollt. Musik, Licht, Bilder werden auf die beiden projiziert,...
EMELIE:
Das Leben ist eine einzige große Pfütze! Jawohl! Eine Pfütze und irgendeine höhere Instanz wirft Menschenleben wie Regentropfen auf die von Leben brodelnde Oberfläche. Jeder Mensch zieht seine Kreise - als ließe man kleine Steinchen über einen See springen - und wenn sich zwei Wellenberge berühren, haben sich zwei Menschen kennen gelernt und einen Teil ihrer Zeit miteinander verbracht. Und je nachdem, wie groß ein Tropfen ist, macht er unterschiedlich große und viele Wellen und irgendwann hört er einfach auf zu sein und ist zu einem Teil der Pfütze geworden. Die Historie als Wasserloch. (Sie lacht)
RAPHAEL:
Vita brevis - Das ist alles, was ich vom Leben weiß - das Leben ist kurz. Führt man sich dazu noch die Unwahrscheinlichkeit unseres Seins vor Augen, grenzt es gerade zu an eine Frechheit, dass wir leben. Als fügte jemand eine unmögliche Variable in ein Gleichungssystem ein, so dass es immer lösbar scheint. Diese Variable entspricht einem jedem Lebewesen und so begegnen wir uns alle in dieser Lebensformel, von der wir groteskerweise wissen, dass sie eigentlich unmöglich ist, wenn nicht wir selbst der Schlüssel wären. Unsere Historie als eine unmögliche Anreihung von Zufällen, ausgedrückt in der Existenz von uns allen.
EMELIE:
Und ich bin ein Teil dieser Geschichte. Hübsch, nicht wahr? (Sie lacht) Wir werden auf ein kleines Schlammloch geworfen, um uns dort in wenigen Sekunden zu verwirklichen. Die Möglichkeiten eines Wassertropfens scheinen zugegebenermaßen nicht gerade sehr gewaltig. Dennoch gibt es doch nichts wichtigeres als das Schneiden unterschiedlicher Menschenleben, die gemeinsamen Berührpunkte. Wenn man jemandem nur auf der Straße begegnet oder wenn man neben ihm wohnt, wenn man sich unterhält, wenn man...
RAPHAEL:
Unser Leben, genauer betrachtet, schwankt auf der mathematischen Grenze zur Unmöglichkeit. Diese Unsicherheit soll mich trösten? Mich zu etwas Besonderem machen? Viel mehr stellt sich mir doch die Frage, warum nicht einfach "Nichts" ist, dann könnte zumindest niemand dieses "Nichts" hinterfragen. Wir wären einen Schritt weiter; und nicht existent. (lacht)
Aber was heißt schon Existenz in der unendlichen Zeit? Wir sind und bleiben das Zusammenspiel der Naturgesetze, kurz, nichtig. Zufällige Ansammlungen von Atomen. (Pause) Wenn man...
EMELIE:
...eine Liebe findet, der man, ohne zu Zögern, sein Glück in die Hand gibt,...
RAPHAEL:
... doch nur seinen Namen in die Zeit schreiben könnte! Unlöschbar. Für ewig! Die eigene Geschichte zu Wichtigkeit erheben. Sie nicht verrinnen lassen, in der Zeit. Das Ich muss unweigerlich zum Zentrum des Nichts gemacht werden, andernfalls sieht es sich determiniert von Unsinnigkeit.
EMELIE:
...der man ins Ohr flüstert: "Sei Vorsichtig!" (Lacht) Und schon hat man mit einem Wassertropfen ein Bund fürs Leben geschlossen, und die Zukunft offenbart sich uns in einer einzigen Berührung zweier Wellenberge!
RAPHAEL:
Ich hab das Gefühl, jedes einzelne Atom meines Körpers schreit nach Verwirklichung, nach Wichtigkeit.
EMELIE:
Hand in Hand will ich die Welt genießen, sie aufsaugen und jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Tropfen neben mir spüren.
(gleichzeitig, erst RAPHAEL lauter, dann EMELIE)
RAPHAEL:
Das Glück, existieren zu dürfen, ist die Grundlage unseres Seins (x2)
EMELIE:
Unser Sein ist die Grundlage für unser ständiges Streben nach Glück. (x2)



Kommentare
magnifique!
24.08.2011, 15:42 von MademoiselleChocoich bin begeistert und würde es am liebsten sofort auf die Bühne bringen (:
@MademoiselleChoco Bitte, mach das, ich würde mich mehr als geehrt fühlen...es gibt auch noch mehr Szenenanhang und ein Semiregieanweisungkonzept :)
24.08.2011, 15:52 von ErdbeerschnuteIch meine das sehr Ernst!
ich mag die idee und auch in teilen die umsetzung.
24.08.2011, 12:58 von YOLKinhaltlich bin ich nicht ganz d'accord.
man kann nicht nach glück streben und auch niemandem sein glück in die hand geben.
was ich aber auch mag, ist diese starke tendenz zum großen, allumfassenden, die du zeigst.
@YOLK Es heißt: Das Glück, existieren zu dürfen, ist die Grundlage unseres Seins
24.08.2011, 16:00 von MensWenn man sagt: Das Glück, Existenz erkennen zu dürfen, ist die Grundlage unseres Seins.
Kommt hier eher hervor was ich an diesem Beitrag schätze. In diesem einen Satz scheint es fast belanglos dies so zu formulieren da aus der Fähigkeit Existenz zu erkennen die eigene Existenz resultiert. Nimmt man dann aber den nächsten Satz: Unser Sein ist die Grundlage für unser ständiges Streben nach Glück. Bekommt dies eine Wandlung, unsere Existenz, die das erkennen von Existenz enthält, ist in der Lage Glück - oder Qualität könnte man sagen - zu erkennen und damit auch sie anzustreben.
Schön ist dabei das Qualität oder wie hier Glück nicht als Teil der beiden Realitätsauffassungen Objekt und Subjekt, oder Geist und Materie, Emotio und Ratio verstanden wird sondern vielmehr als das Bindeglied und ihre Ursache.
Jedenfalls mein Verständnis dieses Artikels.
Vielen Dank dafür ;)
@Mens Danke für dein Verständnis und die Artikulation desselbigen :)
24.08.2011, 17:17 von Erdbeerschnuteich liebe das sehr. Solche Blickwinkel zu sehen. :)
Wow! Das ist großartig!
24.08.2011, 11:20 von Kokomiko@Kokomiko vielen lieben dank fürs reden :)
24.08.2011, 12:33 von ErdbeerschnuteHat mich ein wenig an "der Club der toten Dichter" erinnert; toller Film.
30.07.2011, 14:08 von topfbluemchen@topfbluemchen sie schon wieder, madame! :) wie das denn...also ich kennmag den film. aber wo genau?
30.07.2011, 14:09 von Erdbeerschnute@Erdbeerschnute Joah, ich...:) Nicht eine bestimmte Stelle, so im Ganzen. Die Stimmung, die vermittelt wird. Teils, als die in der Höhle sitzen, und sich Gedichte vortragen zum Beispiel.
30.07.2011, 14:13 von topfbluemchen