KlimaX 21.08.2009, 14:03 Uhr 0 0

Regie im Klima-Theater

Regisseur Heiko Michels im Gespräch mit Maryvonne Riedelsheimer

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Für KlimaX hat sich der Berliner Regisseur Heiko Michels mit 400 Jahren Klimawandel beschäftigt. Doch wie bringt man das komplexe Thema auf die Bühne? Ein Gespräch über Klimaszenarien und Theatralität.

Maryvonne Riedelsheimer: Worin seht ihr das Potential für eine theatrale Auseinandersetzung mit dem Klimawandel?

Heiko Michels: Zunächst halte ich es für dringend, dass man für das Thema Klima einen anderen Verhandlungsort sucht als wissenschaftliche Diskurse, die wir nicht wirklich einsehen und verstehen können oder Journalismus. Da ich ein Theatermann bin benutze ich das Theater um zu denken und zu verhandeln. Und wenn man auf die Suche geht, tun sich mannigfaltige Potentiale auf, wo es Schnittpunkte von Theater und von Denken über Klima gibt. Zum Beispiel eine Frage von Atmosphäre, eine Frage die im Theater immer verhandelt wird und die man mit einer leichten Verschiebung auch auf Fragen von Gesamtatmosphäre bringen kann.
Oder auch Fragen der Grenzziehung, die, wenn man über Klima nachdenkt, eine große Rolle spielen. Grenzen der Wahrnehmung; was will ich sehen, was will ich nicht sehen, welche kulturellen Grenzen schließen aus, dass ich bestimmte Aspekte nicht begreifen kann/will/ soll. Es ist aber tatsächlich auch einfach eine Tragödie, wenn man darüber nachdenkt, was da in einem ganz globalen Komplex abläuft.

Maryvonne Riedelsheimer: Ist also das Klima an sich schon theatral?

Heiko Michels: Das ist ja das Tolle am Klimawandel, dass unser Wetter immer theatraler wird: Tornados häufen sich, Sonneuntergänge sind mit mehr Aerosolspuren einfach röter. und Plötzlich können uns riesige Klimatheater angucken, mit richtigen Toten, Flüchtlingen, Dramen und so weiter. Da ist jetzt natürlich eine gewisse Ironie drin. Es gibt auch wirklich einen Klimakatastrophen-Tourismus. Da gibt es einen Schnittpunkt von Theater und Klima, den man auch mal in einer anderen Form bedenken muss.
Die zweite Sache ist die Form der Wissenschaft. Es gibt 9000 vernetzte Computer, die Klimamodelle entwerfen, die sich speisen aus Klimageschichte, aus der Berechnung aller Blattgrößen, die der Sonne zugewandt sind auf der gesamten Welt. Die gesamten Wassersysteme, die Biosysteme, die Geschichte, das alles wird in diese Computer eingespeist. Doch trotzdem kann man nicht begreifen, wie dadurch das Klima verändert wird. Man füttert sie also mit Was-Wäre-Wenn-Informationen. Und das, was der Computer dann entwirft nennt sich Klimaszenario, weil es auch keine Prognose ist. Man kann es nur noch als theatrales Szenario, das vielleicht möglich wäre, als Fiction begreifen. Und da stehen wir jetzt mit unserer kleinen weißen Kiste dazwischen und suchen sehr menschlich Klima zu begreifen und auf unseren Körper zu bringen.

Maryvonne Riedelsheimer: Und wie bringst du dieses unglaublich große Drama auf einen kleinen Körper?

Heiko Michels: Die Frage ist doch, wie verhalte ich mich durch ein Außen, durch ein Klima, durch ein Wetter, durch Einflüsse die auf meinen Körper treffen und nicht durch eine Seele die etwas will, die in mir drin ist. Ich glaube unsere Verhaltensweisen sind durch äußerliche Strukturen bestimmt, die nicht nur durch soziale Gefüge entstehen, wie es ja seit Brecht schon ganz klar verhandelt wird, sondern immer auch durch klimatische Veränderungen. Der Mensch denkt anders, wenn es heißer oder kälter ist. Solche Fragen in der Probenarbeit zu stellen und zu probieren, durch Veränderung der Licht- und Raumbedingungen, der Temperatur, das schafft neue Formen der Bewegung, des Agierens, oder einen Text zu sprechen. Indem ich mich nicht einfühlen muss, indem er zur Konfrontation wird und zur Lust ihn zu greifen und zu begreifen. Die Lust des Text-Greifens. Das möchte ich spürbar machen. Und damit sehe ich aber auch den Menschen als forschendes, als sich selbst verstehendes Wesen, das seine Umgebung erforscht. Und damit kann man Denkanstöße für die Wahrnehmung der konkreten Umwelt provozieren. Und wenn die Texte dann auf klimatische Fragen verweisen, kann diese kleine Umwelt in der ich denke, einen Bezug zu einer größeren Umwelt schaffen.

Maryvonne Riedelsheimer: Das heißt die Schauspieler sind Teilhaber eines Forschungsprojekts?

Heiko Michels: Genau. Sie sind Mitdenkende und Mitspielende, mit Lust und Spielwille, jeder mit seinen eigenen Fähigkeiten die Sache zu greifen. Es ist ja auch eine Sängerin und eine Tänzerin dabei. Es ist kein homogenes Sprechtheater-Ensemble und genau dadurch ergibt sich eine wunderbare Choreographie des Klimas.

Maryvonne Riedelsheimer: In KlimaX nutzt ihr viele Texte aus der Wissenschaft. Welche Rolle spielt Wissenschaftlichkeit in eurer Arbeit?

Heiko Michels: Genau da liegt ja das Potential Klima zu denken. An dem Grenzpunkt an dem man Wissenschaft begreifen kann zwischen praktischem Handeln und Verhandeln, Wissenschaft als Form der Experimentalwissenschaft. Wenn man über Klima verhandelt, dann interessieren uns ja grade diese Punkte. Wo wurde das Wetter das Klima, Fragen der Atmosphäre aus den Humanwissenschaften ausgegliedert. Und das war im 17. Jahrhundert, wo ein Aufspaltungsprozess der Wissenschaften stattfand, also auch vorab der Industriellen Revolution. Wo Maschinen gebaut wurden, die das Klima extrem beeinflusst haben wo ein Weltbild des Forschritts entworfen wurde. Da wurde aus dem praktischen Denken des Menschen über sich selbst, das Wetter und die Atmosphäre, ausgegliedert. Und wenn man über Klima verhandelt muss man zurück und muss Theater als Wissenschaft und Wissenschaft als theatrales Modell denken. Das wird dann aber häufig ein sehr sinnliches Spiel, was auch gar nicht wissenschaftlich oder theoretisch ist, sondern wo man an Momente der Experimental-Lust gerät und konkrete Fragen an den Raum stellt und nicht vorgefertigte Antworten als poetischen oder dramatischen Text präsentiert. Und das Ergebnis ist beeindruckend. Link entfernt

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