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Post vom Abgrund der Seele

Wie ein amerikanisches Kunstprojekt gewöhnlichen Menschen außergewöhnliche Geständnisse entlockt

Auf die Postkarte hat der Absender mit flottem Strich eine junge Frau gezeichnet, die einen Brief schreibt. Darüber steht der Satz: „Manchmal beantworte ich meine E-Mails erst nach drei Tagen. Nur damit meine Freunde nicht denken, ich hätte nichts Besseres zu tun.“ Eine andere Postkarte zeigt ein extraschlankes Model im goldenen Dress. Überschrieben ist das Foto mit den Worten: „Ich beneide Magersüchtige für ihre Willenskraft.“ Ein weiterer Absender hat auf roter Pappe zwei kindliche Gesichter gekritzelt, dazu die Botschaft gesetzt: „Ich wünschte, ich wäre der andere Zwilling.“

Drei- bis vierhundert solch anonymer Geständnisse landen Woche für Woche in Frank Warrens Briefkasten. Dabei ist der 41jährige Familienvater aus einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Maryland beileibe kein Seelsorger, sondern hauptberuflich Vertreter für medizinische Produkte und nebenberuflich Künstler. Als „artist by accident“ bezeichnet er sich selbst und sein aktuelles Projekt nennt er Post Secret. Es begann damit, dass Warren vor einem Jahr auf einer Kunstausstellung in Washington leere Postkarten mit einer knappen Anweisung an die Gäste verteilte: „Sie sind eingeladen, auf dieser Karte anonym ein Geheimnis preiszugeben – es muss nur wahr sein und Sie dürfen es noch niemandem zuvor erzählt haben.“

Nach schleppender Anlaufphase sind Warren inzwischen Tausende von Kleinkunstwerken aus aller Welt zugeschickt worden. Und seitdem die US-Band All American Rejects im Musikvideo zum ihrem aktuellen Hit „Dirty Little Secrets“ vor einer Kulisse aus Postsecret- Karten spielt, kann sich Warren vor Zuschriften kaum retten. Die besten Motive veröffentlicht er regelmäßig auf seiner Website postsecret.com. Über zwei Millionen Besucher klicken mittlerweile jeden Monat auf Warrens digitale Pinwand. Sie interessieren sich vor allem für die intimen Geständnisse der anonymen Absender, die häufig direkt aus den Abgründen der menschlichen Seele zu kommen scheinen. Dabei unterscheidet sich postsecret.com angenehm von den vielen anderen Beicht- Blogs im Internet, auf denen täglich in großem Ausmaß Herz und Seele spazieren geführt, das Innerste nach außen gekehrt wird. Während auf den Seiten von grouphug.us oder notproud.com unverdauter Weltschmerz schnell und ungefiltert per copy and paste abgeladen werden kann, verlangt die Teilnahme an Post Secret einige Anstrengungen. Nur wer die kreative Hürde des Zeichnens und Textens genommen hat, erhält die Chance, sich öffentlich zu outen.

Dass viele der Geständnisse künstlerisch konstruiert wirken – und es wahrscheinlich auch sind – tut dem Projekt nur gut. Die ebenso bewusste wie eitle Ästhetisierung von Selbstzweifeln und absurden Phantasien macht den besonderen Reiz der Minikunstwerke aus. Warrens erste Einzelausstellung in einer Washingtoner Galerie erinnert bisweilen an einen Kreativwettbewerb von Grafikdesignern und Nachwuchstextern, die bewusst mit dem Medium Postkarte spielen. So klebt ein Teilnehmer einen Strafzettel auf und schreibt dazu: „Ich habe mein Knöllchen mit dem eines anderen Falschparkers vertauscht. Er hat meins bezahlt. Ich habe seins zu Post Secret geschickt.“ Auf einer anderen Collage aus Notizzetteln, Heftklammern und Tesafilm heißt es: „Ich verschwende wahllos Bürobedarf, weil ich meinen Chef hasse“.

Doch neben solch harmlosen Offenbarungen mit sorgfältig inszenierten Pointen finden sich viele Motive, die so schockierend sind, dass der Betrachter vielleicht gar nicht wissen möchte, ob sie auf wahren Begebenheiten und echten Gefühlen beruhen oder nicht. Da gibt es das Foto von einer Rasierklinge in einer geöffneten Hand. Entlang der ausgestreckten Finger schlängelt sich in kleinen krakeligen Buchstaben der Text: „Ich wünschte, meine Eltern, würden mir von sich aus ihre Hilfe anbieten.“ Beziehungsprobleme und Sozialangst, Körperkult und Selbstbild, sowie Sexualität und Missbrauch sind die Themen, die am häufigsten variiert werden.

Mit seinem Projekt unterstützt Warren die Suizidpräventionsaktion Hopeline. Er glaubt fest daran, dass der praktische, handwerkliche Prozess des Kartenbastelns für viele Teilnehmer auch eine therapeutische Wirkung hat. Wenn Warren in seinen ausgebeulten Kaufhausjeans, dem weinrotem Hemd und dem mit Fünf-Tage-Bart über sein Projekt berichtet, sieht er fast aus wie der Religionslehrer aus der Mittelstufe. Und mit seiner sanften Stimme spricht er auch ein bisschen so: „Wer unsere Postkarten betrachtet, stellt fest, dass er mit seinen Phantasien und Ängsten nicht alleine ist – egal, wie abgründig sie sein mögen. Jeder findet sich irgendwo wieder.“
Überprüfen lässt sich das in dem gerade veröffentlichten Bildband „Post Secret – Extraordinary Confessions from Ordinary Lives“, erschienen bei Regan Books (288 Seiten, $24,95).

Nikolas Winter"Wichtige Links zu diesem Text"
Website des Kunstprojekts mit Abbildungen

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19 Antworten

Kommentare

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    Ein sehr interessantes Projekt des Künstlers, das praktische Lebenshilfe darstellt. Danke für den Hinweis.

    19.10.2008, 16:38 von tie.he
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    besten dank für diesen tipp!

    12.02.2008, 18:06 von unicorna
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    Zusammen mit dem Gruender der amerikanischen Seite habe ich nun eine deutsche Variante der Webseite in Betrieb genommen, unter postsecretdeutsch.de
    Schaut doch mal vorbei und schickt mir eines Eurer Geheimnisse...

    12.02.2008, 16:52 von postsecretdeutsch
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    wow! tolle sache!

    13.08.2007, 22:35 von BlondBlauBloed
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    ist ja voll interessant! find ich voll gut.
    lg

    02.07.2007, 13:38 von w_ode
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    Der Text hat mich dazu bewegt mal auf der homepage vorbeizuschauen. Auf jeden fall sehr sehr interessant und beruhigend, weil man feststellt, dass man mit seinen abgründen nicht ganz so allein ist, wie man dachte.

    19.01.2007, 08:13 von Trineline
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    wow, das inspiriert mich total. Sehr guter Text, dankeschön...

    21.11.2006, 21:08 von Lampshade
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