Kunst
Was einem so alles einfällt, wenn man einen sieht, der einen bunten Schal trägt.
Ein junger Herr betritt den Gastraum. Den gestreiften verknitterten Schal ganz lässig um den Rollkragen seines Pullovers gebunden. So wie man das jetzt trägt. Erwachsene Männer, die gestreifte und verknitterte Schaltücher um den Hals tragen und die auch in geheizten Räumen nicht ausziehen. Irgendwann habe ich eingesehen, dass das ein Akseswoar ist. Sieht ein bisschen schwul aus, oder? Ein Schal in der Wohnung. Tz. Künstler haben so was getragen früher. Aber bei denen ist es ja ohnehin scheißegal, was sie anziehen. Die sind ja auf der Welt, um umfassend als Ganzes nicht verstanden zu werden. Kunst eben. Zeitgenössisch. So wie eine Tomate, wie die Leiterin der kommenden dOCUMENTA im Interview sagt. Eine Tomate ist Kunst, weil sie ganz viele Rottöne im Verlauf des Reifevorgangs entwickelt. Das Rot ist die Kunst. Die Intelligenz der Tomate ist die Kunst. Ein Apfelbaum ist Kunst, weil er auch intelligent ist und tut, was ein Baum so macht. Wachsen. Sagt sie. 2 haben sie schon eingepflanzt. Und Tomaten gibt’s ja sowieso.
5 junge Damen trinken Cocktails und Bier und spaßen dabei. Jeder Mensch ist ein Künstler, sagt Beuys und parkt seinen alten VW Bus voller Rodelschlitten rückwärts ein. Die Damen sehr ausgelassen am Nebentisch. Der Abend noch lang. Schon jetzt rote Backen. Ansteckende Heiterkeit. Ich frage nach Feuer. 3 Feuerzeuge auf einmal. Flamme. Was ja noch keiner gemacht hat, ist kotzen. So als Kunst. Exkremente haben sie schon verschmiert. Warhol hat auf Kupfer gepisst. Aber gekotzt hat, soweit ich weiß, noch keiner, um damit Geld zu verdienen. Kotzen ist Kunst. Zwar meinen viele, es ist Kunst, nicht zu kotzen nach 4 Caipirinha, 5 Jägermeister, 8 Bier und einer halben Flasche Rotwein. Aber diese Kunst kann man ja nicht herzeigen. Unterdrückte Kunst. Wenn das Ganze allerdings mit einer angedauten Salamipizza, einem Whoppermenü oder einem Döner mit allem über den Fußboden gebrüllt wird, ist es Kunst. Manche Fladen, die man Sonntagmorgen in der Innenstadt findet, könnte man direkt einrahmen. Streetart. Auswurf eines Lebensgefühls aus unschuldiger Ausgelassenheit in einem sozialen Gruppenprozess. Das Ganze im bildhaften Kontext zur Intelligenz der Naturgesetze, die sich dem Übermaß der zivilisatorischen Dekadenz verweigern und es ausschreien auf diese abgelehnte, wie unausweichliche Welt aus Beton ohne Blumen. Sehr gesellschaftskritisch. Man kann variieren und der Kreativität ist keine Grenze gesetzt. Eine ganze Flasche Wodka mit einem Kilo Tomaten über das jungfräuliche Blütenweiß von Mamas Gästebetttüchern. Unwiederbringlich. Die Veränderung. Wahlweise das Hochflornatur des Wohnzimmerteppichs als Grundierung. Der Widerspruch. Die versinnbildlichte Defloration der bourgeoisen Verlogenheit. Mama im Zornesrot Ton in Ton konfrontiert mit dieser Aussage des Künstlers. Eine lebhafte Auseinandersetzung über das kulturelle Schaffen im Spannungsfeld der Generationenkonflikte. Auseinandersetzung. Aufbruch. Interaktion. Prozesshaftigkeit. Gebrochenes deutsch. So etwa.
Ich nicke mir selbst zu, freue mich auf die dOCUMENTA, blättere um. Bayern spielt heute in Basel. Gomez, wie er aus dem Bus steigt. Einen verknitterten Schal um den Hals.



Kommentare
"Jeder Mensch ist ein Künstler, sagt Beuys und parkt seinen alten VW Bus voller Rodelschlitten rückwärts ein."
01.03.2012, 00:17 von hihihimmelBrilliant!
Sah der Kerl mit dem Schal etwa so aus?
26.02.2012, 22:09 von DalekDen kann ich auch nicht ab - EXTEERRRMINAAAATE
Gut. Seit langem nochmal was, das einfach nur gefällt.
26.02.2012, 21:11 von SarahJoesy...und da sag Du mir noch mal Du seist nicht witzig! ;-)
25.02.2012, 10:07 von AnderSindInMirHerrlich! Alles. Besonders: Unterdrückte Kunst.
23.02.2012, 20:47 von SonglineLiebe Grüße
Song
Haha, wie herrlich. Schön gebrüllt.
23.02.2012, 19:42 von nyx_nyxWenn dir das alles, aufgrund eines Typen mit Schal einfällt, traut man sich ja gar nicht mehr, dir je unter die Augen zu treten, sobald man das hier gelesen hat.
und ich hätte noch Stunden weiterlesen können..
23.02.2012, 19:22 von LIEBEMACHEN.gutes Thema.
Kotzkunst auf Gehwegen ist mir zu vergänglich. Aber man könnte doch analog zu 'Artists shit' sowas in ein.......Einmachglas füllen.Vielleicht noch n Schal drum knittern.
23.02.2012, 13:15 von TAFKAW_reloadeddu übertriffst dich !
22.02.2012, 23:32 von GluecksaktivistinWie ich diesen Satz mag.
22.02.2012, 22:37 von weAreAnimals