manuelsantiago 14.10.2006, 20:25 Uhr 1 0

Jürgen Kuttners Psychoterror oder...

"Wir lassen uns das Singen nicht verbieten!" (Ein Videoschnipselabend zum Thema "Protest im warmen Nest")

Das Kind hat drei Bauklötze im Mund und kotzt sie nun schon zum dreizehnten Mal auf den Tisch, während der danebenstehende Bub seinem Freund leicht ungläubig dabei zusieht. Im Hintergrund läuft ein Mädchen schon zum dreizehnten Mal von rechts nach links ohne jedoch das Bild verlassen zu können.

Mit dieser etwas eigenen Videoinstalation beginnt Jürgen Kuttner, dem ein oder anderen bekannt durch seine schon zum Kult gewordenen Auftritte am Berliner Volkstheater, seine "Videoschnipselshow" "Protest im warmen Nest".
Der Bub schaut verwegen in die Kamera, beugt sich vor und entläd seinen beeindruckenden Mundinhalt auf die Tischplatte - wo dieser allerdings nicht bleibt, sondern hastenichgesehen über die Kante schliddert und sich dem Blick des fassungslosen Zuschauers damit entzieht.
Großes Kino, mag man denken, aber nach dem fünfundzwanzigsten Mal doch irgendwie irritierend.
"Vielleicht einfach mal anfangen zu klatschen?" denkt eine nicht mehr ganz junge Dame links hinter mir laut. Ich will antworten, da betritt das Objekt der Begierde aber schon die Bühne.
Stürmischer Applaus, Erleichterung und Aggression in einem, brandet auf, während Kuttner sein Weinglas neben den Laptop stellt, die Flasche entkorkt und sich einschenkt.

Protestieren hätten wir sollen, sagt er, der uns nun damit beglücken will, indem er uns zeigt wie sowas hätte aussehen können. Die Stühle, sind ja schließlich nich seine, hätten wir zerdeppern können, und unseren Unmut laut in die Welt hinausschreien sollen, sagt er, während er Zettel sortiert, an seinem Weinglas nippt und wie ein Lausbub grinst.
Ham wir abba nich! Schade! sagt er, und beginnt mit seinem Programm.
Zu allererst aber mal Grundsätzliches: Protest, aus dem lateinischen pro-testis, bedeutet übersetzt soviel wie "für etwas Zeugnis ablegen", also für etwas einstehen. Wenn man eine Meinung hat und diese auch vertritt ist man automatisch in einer protestierenden Handlung - egal um was es geht.

So gesehen - und damit leitet er den ersten Beitrag seiner Videoschätze ein - kann man den dort zu sehenden Jugendlichen, eine gewisse Protesthaltung nicht ganz absprechen, wenn sie, Mitte der Achziger, Amerikanischen Militärs und deren Angehörigen ihre Zuneigung versichern, die diese just in diesem Moment am liebsten gar nicht besäßen...

Kuttners Rethorik ist brilliant. Sie hier nachzuerzählen wäre nicht nur Dumm, es wäre geradezu vermessen. Gleiches gilt für seine Videoschnipsel. Komisch sind sie, Skuril, Grotesk. Immer nahe an der Schmerzgrenze und, wie im Fall der Tina York, manchmal auch darüber hinaus.
Bei ihrem "Wir lassen uns das singen nicht verbieten..." kräuseln sich einem die Zehennägel. "Fremdschämen" wird zum geflügelten Wort des Abends, während Kuttner seine Schätze zelebriert!
Da wären z.B.
der alter Mann, der seiner nicht viel jüngeren Freundin ein Geburtstagsständchen singt - großartig!
Max Fritsche (Russel Crowes deutsche Stimme bzw. der "Diego" aus Ice-Age I und II), der einen blödsinnigen Slager trällert - daraus auch der Titel "Protest im warmen Nest"
und noch viele mehr, die aufzuzählen sinnlos wäre, weil der Leser dieses Artikels sich selber ein Bild machen muss.

Letztendlich bleibt reflektorisch nur zu sagen, dass Kuttner ein ebenso geistreicher wie unkonventioneller Unterhalter ist, der mit viel Liebe, Aufwand und Herzblut, oft satirisch und auf eigene Art bösartig, seine Videoschnipsel aussucht, bearbeitet und kommentiert und so beinahe unbemerkt den Zuschauer auf eine gewollt naiv-unschuldige Weise manipuliert - dergestalt nämlich, daß mir als Zuschauer erst nach einigen Tagen, und diesem zurückblickenden Artikel klar wurde, daß es nicht meine Sicht der Dinge, meine Wahrnehmung war die diesen Abend erlebte, sondern immer seine die er mir durch seine Texte, Gesten und die verwendeten Ausschnitte freiwillig aufzwang, indem er mich nur sehen ließ was er sah.
Andererseits: Genauso funktioniert Theater und so muß es auch funktionieren - Nur gut, wenn man das auch weiß...

1 Antworten

Kommentare

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    Wer Jürgen kennt, der scheißt auf Sarah ;-).

    11.05.2007, 12:01 von TheReturnOfU-Punkt
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