Phantagrafie 04.05.2011, 13:20 Uhr 1 0

Hinter den sieben Bergen und wo der Pfeffer wächst

Ich reise im Kopf, schreibe ein Buch ohne Seiten, laufe mit einem Schaumstoffschwert durch den Wald. Ich bin zu groß für sowas? Ganz sicher nicht.

"Was macht ihr da? Spielen? Kümmer dich lieber mal um den Ernst des Lebens!"

Das war es, was mein Vater dazu sagte, als ich versuchte ihm zu erklären was Rollenspiel ist und dass ich damit den Großteil meiner Freizeit verbrachte. Es war ihm nicht zu verübeln. Ich war 16, hatte keinerlei Vorstellungen von Zukunft und tat nichts ausser meine Zeit in der Schule zu verbringen, mit meiner (schlechten und lauten) Garagenband zu singen und eben...zu spielen.

Was Rollenspiel (RP) letztendlich ist, darüber kann sich jeder selbst schlau machen, Begriffe wie MMORPG haben das Genre bereits bekannt gemacht und für solche die davon noch nie gehört haben ist nur zu sagen: es ist wie ein Buch zu lesen, nur dass man selbst Protagonist ist oder die Entscheidungen des Protagonisten steuern kann.
Meine persönliche RP-Geschichte begann mit Pen & Paper. Ein Spielleiter denkt sich innerhalb einer Phantasiewelt Geschichten aus, du denkst dir eine Person aus die du darstellen willst und schon gehts los. Am Schönsten ist das natürlich in einem kleinen aber feinen Freundeskreis.
Es gibt Regelbücher zu solchen Welten, spezielle Würfel, ellenlange Texte zu jedem winzigen Dorf auf fiktiven Landkarten und so weiter, die Produktpalette ist riesig.

Worum es mir aber letztendlich geht ist das Erleben einer anderen Person. Wie bin ich wenn ich jemand anders wäre? Je länger man sich mit der fiktiven Person befasst, desto lebendiger wird sie. Es ist vielleicht vergleichbar mit einem Autor der eine Romanfigur erfindet und sie durch die Handlung seines Buchs begleitet: je mehr die Person erlebt, desto mehr wächst sie, wird schlüssiger und echter.
Es ist wirklich erstaunlich wie sehr sich diese Alter Egos entwickeln können. Mittlerweile habe ich das Gefühl meine Charactere nicht mehr zu spielen, sie handeln selbsttätig. Mein Mund oder Körper dient lediglich dazu ihnen die Möglichkeit zur Kommunikation zu geben. Wenn sie etwas tun, was ich nicht erwartet hätte, dann erscheint es mir immer so als decke ich einfach nur ein Teilchen des Puzzles auf, nicht als erfände ich etwas Neues dazu.
Die Fähigkeit in der Phantasie zu Reisen und diese Person, die man mit groben, skizzenhaften Gedanken aus der Wiege gehoben hat zu begleiten, ist Faszination pur.

Abgesehen von all den Negativmeinungen, die es zu diesem Thema gibt (Realitätsflucht, Kultismus, psychische Störung) und den allgemein bekannten positiven Aspekten (kommunikativ, kreativitätsfördernd) beschäftigt sich auch eine Doktorandin der Universität Essen in ihrer (noch nicht veröffentlichten) Doktorarbeit mit einem neuen und völlig vernachlässigten Ansatz: Rollenspiel ist Kunst. Ein schöpferischer Akt.
Genau so sehe ich das. Ich betreibe Kunst und erschaffe/entdecke Gedankenwelten bis ins kleinste Detail.

Ich habe mich im Lauf der Zeit mit allen mir bekannten Spielarten des Genres (LiveRollenspiel, OnlineRP Pen&Paper und Briefspiel) auseinander gesetzt und viele Menschen kennen gelernt die dieses Hobby aus unterschiedlichstenGründen betreiben. Klar...den typischen Nerd und Relatitäsflüchtling habe ich auch schon getroffen...aber im Grunde sind RPler allesamt kreative, phantasievolle Menschen, die einfach nicht vergessen haben, dass Spielen für uns alle mal so natürlich war wie Atmen.

Deswegen liebe ich mein Hobby. Mein inneres Kind fühlt sich pudelwohl und in meinem Kopf kann ich auch mal nach "Weit-weit-weg" reisen, wenn mir hier die finanziellen Mittel für Weltreisen nicht gegeben sind.
Mein Vater hat sich mittlerweile an meine "Seltsamkeiten" gewöhnt und erkannt, dass ich trotz Spielereien im Ernst des Lebens angekommen bin. Ich halte mir lediglich eine gedankliche Hintertür offen...

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Kommentare

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    Ein netter Artikel. Ich bin selber Fan, aber ich glaube, hier auf NEON gibt es kaum User, die dem gleichen Hobby frönen. Spiel & Spaß kann ich denen gegenüber, die dafür nur wenig bis nichts übrig haben, nicht rational begründen, zumal wenn ich eingestehen muss, dass ich seit 1994, damals noch auf Textbasis, Online-RPGs oder, wie man heute sagt, MMORPGs spiele, wobei das Mitte der 90er mit dem „Massievely“ aus technischen Gründen nicht so zutraf, bei mehr als 200 Spielern gleichzeitig online verabschiedete sich das Spiel.
    Mit Live- bzw. RL-RPGs habe ich nichts zu tun und die Zeit der Pen&Paper RPGs ging auch an mir vorbei. Insofern bin ich kein „echter“ Rollenspieler, aber was kümmert es, was für mich zählt ist der Spaß und der Kontakt, zu einigen Menschen, die ich nach all den Jahren als Freunde bezeichnen mag.
    Wie gesagt, eine Nische der Freizeitgestaltung, die, so glaube ich, hier bei Neon weitestgehend auf keine Gegenliebe stößt, aber ich mag diesen netten kleinen Artikel von Dir.

    04.05.2011, 15:06 von Cyro
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      @Cyro Dankeschön!
      Ich habe schon vermutet, dass ich mit meinem komischen Hobby auf relativ verlorenem Posten stehe, aber wenn ich schonmal hier bin, kann ich ja etwas darüber erzählen.

      Freut mich jedenfalls sehr, dass es zumindest dich als "Spieler" erreicht hat!

      04.05.2011, 15:10 von Phantagrafie
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