sven_michaelsen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

"Das Sein verstimmt das Bewusstsein"

Der Schriftsteller THOMAS KAPIELSKI will keinen Erfolg – Ruhm genügt ihm.

Herr Kapielski, in Ihren Büchern finden sich Wortkreationen wie »Gemütsaids«, »Charmehaar «, »Schlepptop« und »je Dickens destojewski «. Trinken Sie beim Schreiben?

Ich habe mich mal drei Jahre lang systematisch tagsüber duhn gehalten. Statt kein Bier vor vier, vier Bier um zwölf. Anstatt einer Speiseröhre amtierte in mir überwiegend eine Getränkeröhre. Schreiben kann ich aber nur stocknüchtern. Andererseits gilt: Eine nüchterne Lösung, die besoffen nicht standhält, kann in den Mülleimer. Mein vorläufiges Fazit: Nüchtern bin ich besser – aber besoffen geht es mir besser!

Wie sind Sie, wenn Sie abstinent leben?

Am Anfang fühlt man sich blitzblank und träumt schön. Aber dann kommt schleichend Elend über mich in Form von trostloser Fadheit und öder Klarheit. Man wird doof und langweilig und merkt: Alkohol ist ein heilkräftiges Kontrastmittel.

Warum trinken Sie?

Kompensation von mangelndem Sexualgenuss, Enthemmung, Rückgängigmachung der Sublimation und Flucht vor dem alltäglichen Elend. Bei Leerlauf lasse ich mich volllaufen. Alkohol ist meine Jammertalsperre. Ohne taktisch gesetzte Räusche würde ich dieses Leben nicht ertragen, denn das Sein verstimmt leider das Bewusstsein.

Bei Langeweile arbeiten Sie Packpapier zu Lesezeichen um.

Exakt mit Eisenlineal und Schneidemesser! Ich schaffe mich ab bei ganz dumpfen Tätigkeiten, die einen gleichsam in nichts auflösen. Ich bin mal beim Gartenbauamt vorstellig geworden, ob sie einen Halbtagsjob haben als Friedhofsgärtner. Aber die wollten nicht. Das offenbart: Weltschmerz ist die Liege des Seins. Friedhof zu Lebzeiten hätte mich erquickt.

Eine Kernthese von Ihnen lautet: »Das Meiste wird von Leuten bewirkt, denen es nicht besonders gut geht. Man begreift sowieso nichts durch Anstrengung, aber einiges durch Langeweile.«

Alle glauben, ich würde jeden Morgen an den Schreibtisch preschen und losschreiben. Dabei leide ich ungeheuer an Langeweile. Ich sitze gleichgültig rum, lese Zeitung und trinke taoistisch Bier, um die ewigen Zeitdehnungen zu kurieren. Diese dumpfen Phasen zeitigen aber reiche Erkenntnis. Im Hirn scheinen sich Sedimentierungen zu bilden, die dann meine Schreibphasen nähren.

Sie veranstalten in Berlin regelmäßig »Kapielskis internationales Verkanntentreffen«.

Natürlich träume ich gelegentlich davon, im pelzverbrämten Bademantel mit Goldtroddeln die Schweinslederbände meiner Werkausgabe zu betrachten. Aber ich will gar keinen Erfolg. Mir genügt Ruhm.

»Wer nicht auf Menschen schießen kann, soll es mit der Existenzgründung sein lassen«, schreiben Sie.

Den Spruch hatte mein Buchhändler ins Fenster gehängt, kurz bevor er Pleite ging. Es wurden nur noch Bücher gekauft, die er nicht verkaufen wollte. Um den Umsatz zu steigern, schlug ich vor, ein Schild aufzustellen: »Hier klaut Claudia Schiffer!« Das half auch nichts. Heute verkauft er Wein, weil er sagt: »Saufen tun die Leute dann doch eher als beim Saufen Bücher lesen.«

Früher gehörten Sie diversen K-Gruppen an und kotzten gern in Cabrios.

Wir sind rumgezogen und haben offene BMWs mit roten Ledersitzen gesucht. Dann haben wir in der Umgebung so lange Schnaps verkostet und Pizza gefressen, bis man kotzen konnte. Unser Motto war: »Brecht das Brot und verteilt es unter den Reichen!«

Während Ihres Geografiestudiums sollen Ihnen Kamele gehört haben.

Ich wurde mal zu einer Forschungsstation der Freien Universität Berlin in den Tschad geschickt. Dort piekten linksgerichtete bärtige Studenten Thermometer in den Wüstensand und türkten ihre Messwerte zu Dissertationen zusammen. Es gab zwei Kamele, die Eigentum der Universität waren, bis irgendein Haushaltsausschuss meinte, es sei günstiger, die Tiere abzustoßen und bei Bedarf zu leasen. Wir fassten uns in die linken Bärte und beschlossen, die Kamele zu kaufen, sie der Uni zu vermieten und künftig auch sehr häufig zu benützen.

Ihr sechsunddreißig Semester währendes Studium haben Sie unter anderem als Stöhnfilmtester finanziert.

Die Firma produzierte Super-8-Pornos, die ich auf farbliche Defekte prüfen sollte. Damit man was wegschaffte, liefen vier Filme in Extremzeitraffer. Ich saß acht Stunden am Tag in einem ranzig riechenden Kabuff und betrachtete zwei Meter vor mir ein Andy-Warholsches- Zappelficken. Man wurde wahrnehmungs- und verhaltensgestört.

Trinken Bildende Künstler mehr als andere Künstler?

Ja, entweder fruchtbar oder furchtbar. Bei den Studenten der Künste wird sowieso viel geballert. Die sind ja noch in der Lernphase, also haben sie einen allgemeinbildnerischen Hang zum Multitoxischen. Die kiffen fast alle, nehmen bunte Hirnfresserpillen und saufen auch ganz gut. »Für euch«, predige ich denen immer, »müsste völlige Nüchternheit die absolute Sensation sein. Also wagt es!«

Als Bildender Künstler schufen Sie Werke wie »Einfaltspinsel = Ausfallspinsel« und »Drei Künstler, die besser sind als ich«.

Jeder klamme Versager versuchte es Anfang der Achtziger als Künstler – so auch ich. Je mehr Pfusch man reinlegte aus Faulheit, um so mehr mochten es die Kunstkenner. Das war die pure Hochstaffelei. Wir latschten durch Ausstellungseröffnungen der Rivalen und knallten in die Anwesenheitsalben unseren Stempel »Ditt könn wa och!«. Dies traf die allgemeine Stimmung bei uns, die wir nie in Kunstschulen gehockt und Vasen schattiert hatten. Man muss Künstler mehr quälen dürfen. Das sind erfolgssüchtige Menschen, die in ihrer Mehrzahl nichts taugen. Kunst ist die edelste Form der Arbeitslosigkeit.

Sie wurden mal Zeuge einer sonderbaren Hardcore-Performance.

Ich kannte einen Maurer, der ein wunderbarer Naturperformer war. Dem schlugen wir vor, er solle mal eine Aktion in so einem Kunstverein machen. Er hat dann für alle Nudeln mit Tomatensoße serviert. Während man speiste, brüllte er: »Kunst heißt, etwas von sich geben, und deshalb habe ich in die Tomatensoße gewichst!« Wir wussten alle nicht: Jubeln oder Kotzen? Oder Kunst?

Wie kommen Sie zu Ihrer These, es bestehe eine Verbindung »zwischen Buchliebhaberei und einer geradezu narrischen Arschgeilheit«?

Wenn Sie ein Buch aufschlagen, ist in der Mitte die Naht, und je nach Dicke und Güte der Bindung wölben sich rechts und links Pobacken. Ein aufgeschlagenes Buch ist also gleichsam der abwesende Arsch, mit dem der geneigte Leser sich sogleich befassen möchte. Da kommt die Konzentrationsschwäche beim Lesen her. Anzumerken ist: Wenn man einen Po betrachtet und infolgedessen an Bücher denkt, liegt eine noch abnormere Unkonzentriertheit vor.

Sie behaupten, über Ihrer Sippe läge ein seelischer Fluch, der en masse manisch- depressiv durchgeknallte Menschen produziere.

Diese etwas überzogenen Äußerungen meine Familie betreffend konnte ich mir erst leisten, als ich Vollwaise wurde. Von dem Moment an dachte ich: »Das waren prima Leute, aber du musst ihnen literarisch noch mal einen ordentlichen Arschtritt verpassen, weil man sich das vorher immer strikt verkneifen musste.« Wenn man sich eine Ausfälligkeit gegönnt hat gegen die abstruse Mutti, die immer die Bücher des Sohnes untersuchte und Psychoanalyse betrieb, ist man quasi quitt. Danach braucht man sich nur noch den eigenen Irrsinn vom Hals schreiben.

Ein Aphorismus von Ihnen: »Wer die Freiheit nicht liebt, soll’s mit den Frauen versuchen!«

Das sagt einer, dem eben die Ehe gescheitert ist, und der nun noch festere Beziehungen zum Weltschmerz pflegt. Es ist leider meine Erfahrung, dass um mich herum Männerüberschuss herrscht. Wir spendieren uns am Stammtisch Ballettkurse, damit wenigstens einer von uns mal unter die Frauen kommt.

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

Früher dachte ich an etwas wie: »Wegen dir bin ich tot!« Oder, gnadenlos aufrichtig: »Wegen dir bin ICH tot!« Heute neige ich zu: »Macht bloß so weiter!«

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