schauby 05.08.2004, 19:15 Uhr 3 0

Wolfzeit

Unter den vielen Kino-Visionen der Apokalypse hatten wenige die kühle Präzision von Michael Hanekes Wolfzeit

Wenn man einigermaßen wach und feinfühlig ist, sind Filme von Michael Haneke immer ein Schlag ins Gesicht. Er kennt keine Gnade. Nichts ist geschönt, idealisiert oder konventionell filmisch. Warum auch? Der Eindruck, es hätte einfach jemand unbemerkt eine Kamera auf die normal-abgründigsten Irrwege und Hässlichkeiten menschlichen Umgangs gehalten, reißt selten ab. So auch Wolfzeit.

Der Film beginnt ganz harmlos in einer Waldidylle. Eine Familie mit ihren zwei Kindern fährt zu einem abgelegenen Urlaubshäuschen in die Natur. Die Konfrontation mit einer dort bereits anwesenden, verwahrlosten und offensichtlich eingebrochenen Familie auf der Flucht ebenfalls mit Kindern, die das nötigste zu brauchen scheinen, wird der Beginn eines schmerzlichen Lernprozesses. Ohne Vorwarnung und unvermittelt wird der Vater vom Vater der "Besetzerfamilie" erschossen.
Völlig entsetzt fliehen sie und suchen Hilfe in einer kleinen Ortschaft. Vergebens. Die wenigen Menschen, die sie dort antreffen, wirken wie verstörte Tiere und scheinen fern uns bekannter gesellschaftlicher Normen. Sie sind weder Zombies, noch blutunterlaufende Hirntote aber irgendetwas ist passiert. Die Mutter mit ihren zwei Kindern, begibt sich auf eine Odyssey nach Antworten. Sie treffen auf Leidensgenossen, ebenfalls auf der Suche nach Zivilisation, die zersetzt ist von einer unbekannten Katastrophe. Da Menschen vermutlich ähnlich "mutieren" in Auflösung ihrer bekannten Sicherheiten, bleibt der unmittelbare Auslöser der Katastrophe ganz bewußt im dunkeln.


Die aufkommende Beklemmung verstärkt sich nicht zuletzt auch durch einen völligen Verzicht auf Suggestivmusik oder musikalischer Untermalung. Mit dem inflationären Einsatz davon in üblichen Filmen, werden in Wolfzeit die Filmkonsumgewohnheiten, zu recht völlig über den Kitschhaufen geworfen. Nur für einen kurzen Moment im Film, spielt irgendwo ein heiseres Miniradio ein paar Töne von Beethoven. Bezeichnend wie grotesk. Die bestürzende Dramatik wird in teilweise quälend langen Einstellungen bis über die Schmerzgrenze hinaus ausgereizt. Aber nicht umsonst, denn man stellt erschütternd fest, Menschen können so sein und sind so. Die erstickend guten Absichten, entpuppen sich als die Unfähigkeit zum Zusammenleben der Empathiefriedhöfe, gerade da wo die Not nicht größer sein könnte. Hier sind sie so in die Enge getrieben, reduziert und immer am seidenen Faden ihrer Bedürfnisse, dass es scheint als wären die letzten Reste von Moral und Ethik ein unerträglicher Ballast geworden.

Nur noch die Kinder sind nicht verblendet von zynischer Gleichgültigkeit und dem Wahnsinn der Zustände, was in offenbar durchaus realistischer Hoffungslosigkeit der Umgebung im Selbstmordversuch eines kleinen Jungen endet. Der überraschende Trost eines zu Hilfe eilenden Mannes, rettet im das Leben, aber ob es lebenswert ist bleibt fraglich.

Hier werden menschliche Untiefen und Knoten der Gesellschaften aufgezeigt, die möglicherweise fragiler im Zaum gehalten werden, als wir glauben. Eine brutale, wie nüchterne Dimension, die auf lange Sicht hin, nichts anderes mehr als ein Dokumentarfilm sein könnte, wenn wir uns auch künftig selbstgerecht weit entfernt davon wähnen.

3 Antworten

Kommentare

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    weiss jemand wie der song von john zorn heisst, der am anfang von funny games gespielt wird?

    29.03.2005, 00:33 von eelsophil
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      @[Benutzer gelöscht] tja ja....
      vielleicht weil es ein verdammt unbequemes thema ist, was mehr fragen stellt als es beruhigende antworten gibt.

      und nicht in mundgerechten häppchen einer märchenidylle serviert wird.

      oder die leute einfach an etwas erinnert, was sie gern still unterm teppich haben.

      auf video-konserve müßte der streifen bald im handel zuhaben sein

      schon andere filme von haneke gesehen?

      - salut

      08.09.2004, 22:37 von schauby
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      @[Benutzer gelöscht] funny games ist auch ein film, der ziemlich hart in die knochen fährt. es geht um medien und gewalt.
      der zuschauer macht sich gewissermaßen zum mittäter, aber mehr will ich nicht verraten.

      09.09.2004, 19:27 von schauby

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