Dominik_Schuette 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

»Who gives a fuck?«

Der Schotte EWAN MCGREGOR spielt zusammen mit Knautschgesicht Jim Carrey ein schwules Paar- prompt will Hollywood nichts davon wissen.

ewan, wie war es, mit Jim Carrey zu knutschen?
Es war wirklich schön, Jim zu küssen! Ganz ehrlich: Wie wir uns im Film verlieben und zu zweit in der Gefängniszelle tanzen, während diese wunderbare Musik läuft - das ist vermutlich die romantischste Szene, die ich jemals gedreht habe. Es hat Riesenspaß gemacht. Weil wir es strikt professionell angegangen sind. Ganz straight.

Äh ?
Habe ich »straight« gesagt?

Ja, umgangssprachlich für »heterosexuell«.
Ist auf jeden Fall das falsche Wort.

Der Film, von dem wir sprechen - »I love you, Phillip Morris« -, basiert auf einer wahren Geschichte, ist sehr lustig, und mit Ihnen und Jim Carrey sind zwei Superstars an Bord. Eigentlich sind das die besten Voraussetzungen für großen Erfolg. Dennoch fanden die Produzenten lange nicht mal einen Verleih in den USA und Großbritannien. Wie erklären Sie sich das?
Stimmt, normalerweise würde solch ein Film sofort vom Markt weggekauft. Hier war das anders. Während der Finanzkrise lief es allerdings bei ganz vielen Projekten so. Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie früher. Alle Beteiligten sind total nervös.

Sie erklären sich das mit der Finanzkrise?
Ja sicher, nüchternen Geschäftsleuten in grauen Anzügen ist ein Film, der von einem schwulen Paar erzählt, wahrscheinlich zu riskant.

Die Frage bleibt, warum diese Berührungsangst nur in den USA und in Großbritannien auftrat? In Frankreich und Deutschland wurden sofort Abnehmer gefunden.
Beim Thema Sex sind die Amerikaner und die Briten nun mal verkrampft. Das gilt erst recht, wenn es auch noch um Homosexualität geht - und einen vollkommen selbstverständlichen Umgang mit dem Thema.

Sean Penn hat vergangenes Jahr für die Rolle des schwulen Bürgerrechtlers Harvey Milk den Oscar gewonnen, und »Brokeback Mountain« war ein riesiger Erfolg vor ein paar Jahren. Da sollte man doch im Wortsinne denken: Who gives a fuck?
Richtig, who gives a fuck, natürlich. Auf mich brauchen Sie nicht einzureden. Ich frage mich ebenfalls, warum ein schwules Liebespaar noch eine derartige Sensation ist. Männer schlafen seit Urzeiten mit Männern.

Hatten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt Zweifel, ob Sie die Rolle annehmen sollten?
Nein, hatte ich nicht. Der Anruf kam, und ich sagte sofort zu, weil ich die Geschichte so mochte. Denn sie handelt nicht von zwei Schwulen, sondern von zwei Menschen, die sich verlieben. Ich spiele ja auch keinen Schwulen, sondern Phillip Morris, einen sehr interessanten Mann, der eben zufälligerweise Sex mit Männern hat. Warum hätte ich also Zweifel haben sollen?

Ihr britischer Kollege Rupert Everett ist einer der wenigen Schauspieler, die ganz offen mit der eigenen Homosexualität umgehen. Er hat kürzlich verbittert festgestellt, dass Hollywood von religiösen Fundamentalisten beherrscht werde. In der Filmindustrie ginge es ungefähr so liberal zu wie bei Al Kaida, sagt er.
Das Zitat gefällt mir, aber Rupert malt da ganz schön schwarz. Hollywood steht als Synonym für den amerikanischen Film - und da kann man sich einer ungeheuren Vielfalt erfreuen, wenn man sich die Mühe macht hinzugucken. Einerseits beherrschen flache Massenproduktionen den Markt, andererseits sind auch wahnsinnig gute Autoren und Regisseure im Independentbereich am Werk.

Die ihre Projekte nicht finanziert oder nicht ins Kino kriegen.
Sie kämpfen ums blanke Überleben, das stimmt. Aber ich sage Ihnen was: Eventuell ist das ja gar nicht so schlecht? Wenn nur noch die besten Leute Filme drehen.

Das Überleben des Stärkeren?
Vielleicht bin ich auch nur ein hoffnungsloser Optimist.

Sie waren Teil von Cool Britannia, Mitte der 90er, als Tony Blair noch jung war, Danny Boyle seine besten Filme drehte, Oasis noch gute Songs schrieben und ?
machen wir?s kurz: als Great Britain noch »great« war.

Da haben jetzt Sie gesagt.
Ja, hab ich.

Von diesem Geist scheint nicht viel übrig zu sein: Blair ist zurückgetreten, und anstelle von Bands und jungen Filmemachern sorgen Börsenhaie und Bad Banker für Schlagzeilen. Spüren Sie den Unterschied zwischen heute und der Zeit, als Sie mit Danny Boyle »Trainspotting« drehten?
Ich persönlich? Ja, ich spüre sogar einen Riesenunterschied, absolut, nur liegt der in mir selbst begründet. Ich bin älter geworden, habe eine Familie gegründet, meinen Lebensstil von Grund auf geändert. Ich bin jetzt einfach mal ehrlich zu Ihnen und sage: So ?nen Kram kriege ich nicht mehr mit.

Dann reisen wir doch ein wenig zurück in der Zeit. Ist Ihnen eigentlich der sprichwörtliche britische Stock im Arsch erspart geblieben, weil Ihre Eltern Sie liberal erzogen haben?
Besonders liberal waren die beiden nicht. Aber sie haben mich bedingungslos unterstützt - das war entscheidend. Sie haben zum Beispiel erkannt und akzeptiert, dass ich in der Schule todunglücklich gewesen bin. Ich war mir so sicher, dass ich Schauspieler werden will, dass sich diese Sicherheit auf sie übertragen hat. Das muss man erst mal zulassen als Eltern. Was mich dann echt gewundert hat: Als ich die Schule abbrach, haben sie sich überhaupt keine Sorgen mehr gemacht. Das war irre mutig, vor allem von meinem Vater. Er verzichtete darauf, mich in irgendeinen Job zu zwingen, der auf den ersten Blick mehr Sicherheit bedeutet hätte.

Sind Sie in einer derart konservativen Welt aufgewachsen, dass es ein mutiger Akt für Ihren Vater war, den Sohn machen zu lassen, was er wollte?
Meine Eltern waren Lehrer, und wir lebten in einer kleinen Stadt in Schottland - mehr oder weniger ein Bauerndorf. Da ging es tierisch konservativ zu.

Wer brachte die große Welt in das kleine Dorf?
Mein Onkel. Er war als Schauspieler erfolgreich und ein sehr extravaganter Typ. Dank ihm konnten alle sehen: Okay, es ist möglich, eine solche Karriere zu verfolgen, ohne innerhalb kurzer Zeit zu verhungern.

Wurde bei Ihnen zu Hause vor dem Essen gebetet.
Nein, Religion hat nie eine Rolle gespielt in meinem Leben.

Sind Sie da froh darüber?
Nö. Religion kann ein großer Segen sein - wenn man wirklich an etwas glaubt, findet man dadurch bestimmt viel Trost. Mir wurde das nur einfach nicht mit auf den Weg gegeben, aber ich habe viel darüber nachgedacht: Warum werden Menschen Priester, warum widmen sie ihr Leben einem Gott? Das ist eine absolute Handlung, die kaum Selbstzweifel zulässt. Wenn dann eine Fassade aufrechterhalten werden muss, können natürlich Probleme entstehen.

Sie spielten Obi-Wan Kenobi, auch eine Art Geistlichen. Bieten die Jedi-Ritter eigentlich irgend was an in Sachen Sexualmoral?
Sie sind sehr moralische Menschen, keine Frage. Obi- Wan Kenobi zuvorderst. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es am Set von »Star Wars» jemals um Sex gegangen wäre.

Sie waren sehr oft nackt zu sehen in Filmen. Man hat bereits mehrfach leinwandfüllend Ihren Penis gesehen. War Ihnen das nie peinlich?
Nein. Jedes Blankziehen war durch die Geschichte gerechtfertigt.

Sie haben mit Roman Polanski zusammengearbeitet, ist das nicht per se schon ein moralisches Dilemma?
Nö, wieso?

Weil der Mann eine Minderjährige missbraucht hat und deshalb sein Haus nicht mehr verlassen darf.
Aber mehr weiß ich darüber auch nicht. Sie? Ich habe nie mit ihm über das Thema diskutiert. Ich habe auch nie mit ihm über seine rechtlichen Schwierigkeiten gesprochen. Als ich mit ihm gearbeitet habe, stand er auch noch nicht unter Hausarrest. Ich habe ihn einfach als großartigen Regisseur und tollen Kerl kennen gelernt. Allerdings ist er auch ganz schön krass. Ein Perfektionist, der komischerweise immer Recht hat.

Was dachten Sie, als er verhaftet wurde?
Ich war echt traurig, weil er mir ans Herz gewachsen war. Aber ich werde seine Situation nicht weiter kommentieren.

Da sind Sie so ziemlich der Einzige.
Dann ist das eben so. Seine Situation hat mit mir nichts zu tun. Also Schluss jetzt.

Ewan, wenn Sie tatsächlich mit einem Mann zusammen sein wollten, wer wäre das - außer Jim Carrey?
Ich wäre gerne Philip Seymour Hoffmans Freund.

Der Dicke aus »Magnolia«, der später Truman Capote spielte.
Ich kenne ihn nicht mal persönlich, aber wir würden optisch bestimmt toll zusammenpassen. Wir gäben dieses seltsame Paar ab, das jeder Mensch in seinem Bekanntenkreis hat, würden auf die besten Partys eingeladen und alle angesagten Künstler kennen lernen.

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