Von der Nutzlosigkeit der Tugend
In Tamara Jenkins Tragikkomödie "Die Geschwister Savage" (ab 24. April im Kino) sind die Alten wieder Kinder.
Philip Seymour Hoffmann ist ganz großes Kino: Nach "Before The Devil Knows You´re Dead" und seiner Rolle als unangepasst-bulliger CIA-Agent in der Politkomödie "Charlie Wilsons War" spielt er auch in "Die Geschwister Savage" mit gewohnt genialer Unförmigkeit und einer wunderbaren Mischung aus Verletzlichkeit und Härte.
Tamara Jenkins zweite Regiearbeit, Premiere war im Januar beim Sundance Filmfestival, ist eine skurril-komische und aufrichtig traurige Familiengeschichte um einen pflegebedürftigen Vater - und ist zu Unrecht, trotz Nominierung, bei der diesjährigen Oscar Verleihung leer ausgegangen.
Dem deutschen Titel fehlt die Präzision und Mehrdeutigkeit des Originals ("The Savages"). Denn die eigentlich Wilden sind nicht die Geschwister Wendy (Laura Linney) und Jon (Philip Seymour Hoffmann), sondern ihr verhasster, seit Jahren nicht mehr gesehener und mittlerweile an Demenz erkrankter Vater Lenny (Philip Bosco); gleich zu Beginn des Films beschmiert dieser aus Wut auf den Pfleger im entfernten Rentnerparadies Sun City, Arizona, die Badezimmerwand mit seinen Fäkalien.
Wendy und Jon führen ein emotional entleertes Leben: Beide schreiben erfolglos, die 39-jährige Wendy hält sich in New York mit öden Zeitarbeitsjobs über Wasser und hängt mehr an ihrer Katze und am Hund des verheirateten Liebhabers (Peter Friedmann), als am Mann selber; ihr älterer Bruder ist Professor in Buffalo, quält sich mit einer Arbeit über Bertolt Brecht und verschließt sein Herz gegenüber seiner polnischen Freundin, die nach Ablauf ihres Visums abreisen muss. Dann stirbt Lennys Lebensgefährtin. Er wird daraufhin aus dem Haus im sonnigen Arizona geworfen und muss in ein Heim an der verschneiten Ostküste umgesiedelt werden – kein leichtes Unternehmen, wie eine unendlich peinliche Flugzeugszene beweist.
Laura Linneys Schauspiel steht dem Hoffmanns in nichts nach. In ihrem Gesicht spiegeln sich die Abneigung, Hilflosigkeit und das Mitleid Wendys beim Anblick des Vaters sowie die Beharrlichkeit, mit der sie darauf wartet, vom Leben entschädigt zu werden. Da Wendy im Grunde weiß, dass Warten hier umsonst ist, beantragt sie Schmerzensgeld beim Fond für die Opfer des 11. September – wohne sie doch in der Nähe des Tatorts - und finanziert sich so das Schreiben.
Der zentrale Moment des Films ist ein Wutanfall Jons vor der Kulisse eines mehr nach Spa als nach Altensitz aussehenden Anwesens: Wendys Versuch, den Vater hier mit allen Mitteln unterzubringen sei keinesfalls selbstlos, die schöne Fassade sei für die Angehörigen und nicht die Betroffenen – um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen.
Jon Savage unterrichtet nicht umsonst Brechts Theorie des epischen Theaters und wird vom Salomon-Song aus Mutter Courage über die Schädlichkeit der Tugenden bewegt ("Ihr saht den weisen Salomon / Ihr wißt, was aus ihm wurd´! / Die Weisheit hatte ihn soweit gebracht - / Beneidenswert, wer frei davon!"). Vor seinen Augen entlarvt sich der vermeintliche Altruismus der Menschen, er selber kann weder Mitleid noch Freundlichkeit vortäuschen, wo sie nicht gefühlt werden. Lenny habe sich schließlich auch nie um seine Kinder gekümmert.
In „The Savages“ tragen Wendy und Jon die Namen der Darling-Geschwister aus J. M. Barries "Peter Pan" – müssen sie doch noch ebenso reifen wie ihre kindlichen Namensvettern, was in diesem Fall so viel heisst wie ihre Vergangenheit verarbeiten und hinter sich lassen. Als Wendys „semi-autobiographisches“ Theaterstück endlich am Broadway inszeniert wird (nur so viel sei hier vom versöhnlichen Schluss verraten), klingt das Märchen vom fliegenden Jungen, der niemals alt werden will, ein zweites Mal an: Klein-Jon wird auf einem Küchentisch sitzend vom Vater brutal geprügelt und dann langsam, mithilfe einer Seil-Konstruktion, nach oben gezogen - er entflieht der Wirklichkeit in seinen Gedanken. Schienen die seelischen Kindheitswunden der Geschwister Savage bis dahin nur durch, werden sie schließlich in der Theaterfiktion für den Zuschauer real. Und das ist nur einer von vielen filmischen Kniffen der Regisseurin.
Tamara Jenkins Film hat es nicht nötig, den Zuschauer auf Gefühle zu stoßen oder übermäßig zu dramatisieren. Ohnehin ist die Kindheit der Protagonisten wahrscheinlich viel zu alltäglich, um als traumatisch zu gelten - worin gerade die spezielle Tragik liegt. Selbst Lenny ist kein herzloser Tyrann, seine Angst vor dem, was mit ihm passiert äußert sich in Wutanfällen und den Tränen in seinen Augen beim Anblick eines Friedhofs.
Was diesen Film stellenweise fast unerträglich intensiv macht ist die Nähe der Figuren zu den eigenen Erfahrungen. Jenkins schafft es, den Schmerz über Altern, Krankheit und Tod spürbar zu machen – den der Betroffenen und den der Angehörigen. Glücklicherweise ist auch die Komik der menschlichen, allzu menschlichen Situationen in „The Savages“ eine echte. Mit Weisheit kommt man ihnen nicht bei.



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