init-admin 14.11.2007, 12:07 Uhr 0 0

Vom Glotzen gelernt

DVD-Box heißt Sucht in Folge. Aber wer hat behauptet, dass Sofajunkies verblöden? NEON-Autoren erklären, was ihre Lieblingsserie ihnen beigebracht hat

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Curb Your Enthusiasm

Gesehen von: Marc Deckert.

Diese Serie hat eine wunderbare Botschaft für alle Zuschauer, die glauben, das Leben wäre nur für Menschen demütigend, die kein Geld, keine Freunde, keinen Erfolg oder keinen Sex haben. Die Botschaft lautet: Vergiss es! Selbst, wenn dir die Welt zu Füßen liegt, hören die Demütigungen nie auf. Larry David hat alles, was man sich wünschen kann. Der Schöpfer der er folgreichen 90er-Jahre-Sitcom »Seinfeld« spielt sich in seiner zweiten Hitserie selbst: einen Drehbuchautor, der ausgesorgt hat, in einer Villa in Los Angeles lebt, zusammen mit seiner klugen und überaus toleranten Frau. Larrys Leben könnte eine einzige Dinnerparty sein, wäre da nicht in jeder Folge eine neue Hürde, die den Umgang erschwert – sei es die Cordhose, deren Faltenwurf beim Sitzen so aussieht als habe er eine Dauererektion, die neuen Turnschuhe, die quietschen, oder der geliehene Hund, der Schwarze und Lesben hasst. Jede Episode basiert auf einem losen Script, viele der Dialoge mit Larrys (größtenteils echten) Freunden sind improvisiert, was die peinlichen Situationen noch realer und unerträglicher macht. Wie soll man einer Hausbediensteten erklären, dass sie besser einen BH tragen sollte? Wie dem Freund sagen, dass man gern die Baseball-Dauerkarte seines gerade verstorbenen Vaters übernehmen würde? Das Zusehen ist schmerzhaft, der Weg zur Niederlage mit guten Absichten gepflastert. Manchmal ringt sich Larry sogar zu moralischem Handeln und Prinzipien treue durch. Aber Prinzipientreue bringt nun mal nichts, wenn alle anderen das Prinzip nicht kapieren. Für die Zuschauer besteht der ganze Spaß darin, die ersten Samenkörner des Unheils zu erkennen und sich zusammenzureimen, wie Larrys finale Erniedrigung aussieht. Eins kann man verraten: Es kommt immer schlimmer. Curb Your Enthusiasm – USA, seit 2000, 5 Staffeln, 50 Episoden (Warner Home Video)



Gilmore Girls

Gesehen von: Marc Schürmann

Kann sein, dass ich der einzige Mann bin, der die »Gilmore Girls« guckt. Ganz entschieden ist das eine Serie für Frauen. Sie handelt von Liebe und Treue und Niederlagen und fast ausschließlich von Frauen. Namentlich von Lorelai Gilmore und ihrer Tochter Rory. Ich bin wie eine Termite im Ameisenstaat oder wie eine Ulme im Nadelwald und ich fühle mich durchaus uneingeladen. Aber ich lernte zu verstehen. Dass Frauen alles wollen und, weil sie es nicht bekommen, alles hassen. Dass in der Wahrnehmung von Frauen immer die anderen schuld sind. Wenn ein Mann da ist, der. Sonst die Eltern. Dass Frauen einen Schutzwall von Ritualen um sich errichten, etwa Kitschfilmabende, zu denen sie Männern zeitweise Zutritt gewähren, nur um zu demonstrieren, dass sie ihn eigentlich nicht gewähren. Dass Frauen jeden Wutausbruch schon vorher bereuen, ihn aber brauchen, um zur Versöhnung fähig zu sein. Dass Sex für Frauen dazugehört, mehr nicht. Das alles ist nicht sehr schmeichelhaft für Frauen. Es trifft auch nicht auf alle zu. Aber auf die besten. Gilmore Girls – USA, seit 2000, 7 Staffeln, 153 Episoden (Warner Home Video)



Father Ted

Gesehen von: Kathrin Hartmann

Drei katholische Priester wurden vom Bischof auf die karge irische Insel Craggy Island verbannt, weil sie gegen ihr Amt verstoßen ha - ben. Dort machen sie nur Quatsch: Father Jack Hackett ist Alkoholiker, hasst Nonnen und brüllt »Feck off!«, »Arse!«, »Drink!« oder »Girls!« durch die Gegend. Father Ted Crilly raucht zu viel und träumt davon, Rockstar zu sein. Father Dougal McGuire ist so unschuldig, dass ihm ein Platz im Himmel sicher wäre. Leider glaubt er nicht an das ewige Leben, sondern an Fantasiewesen (»Spiderbabys«). Komisch ist die Serie vor allem wegen der Fallhöhe: In der katholischen Kirche mit ihrem ganzen heiligen Bimbam, mit strengen Ritualen und Hierarchien, mit Tod, Teufel, Auferstehung und Wundern, ist ein Pfarrer kein normaler Mensch, sondern ein Hochwürden. Drum sind bei ihm menschliche Entgleisungen viel überraschender und lustiger als etwa bei einem protestantischen Pastor, in dessen Gottesdienst sich die Leute an den Händen fassen und zu Klampfenmusik singen. Wenn Jack nackt schlafwandelt oder Ted und Dougal beim Eurovision Song Contest auftreten, dann bereitet das ein ähnliches kindliches Vergnügen wie ein Papstfurz, der in eine hochfeierliche Andacht kracht. »Father Ted« hat dazu eine anarchische Botschaft: Wenn die Autorität sowieso weg ist, kann man entweder ein trauriges Leben führen oder ein Leben als Outlaw. Father Ted – GB, ab 1995, 3 Staffeln, 25 Episoden (2 Entertain Video)



Boston Legal

Gesehen von: Michael Ebert

Die meisten Menschen sehen Fernsehserien, um sich unterhalten zu lassen. Ich sehe »Boston Legal«, um zu lernen, wie man einigermaßen gut durchs Leben kommt. Erst mal ist »Boston Legal« eine weitere Anwaltsserie von David E. Kelley, der für die Neurotikerinnen im Publikum schon Ally McBeal erfunden hat – ebenfalls eine Anwältin aus Boston, ein bisschen verdreht und Single wie die meisten Charaktere aus »Boston Legal«. Dort sind alle Anwälte der Kanzlei »Crane, Poole & Schmidt« außerdem gut an gezogen und vertreten jeden, der sie bezahlen kann. Hauptfiguren sind zwei Männer: William Shatner (jawohl, Captain Kirk) als Denny Crane – dement, egoman, Sexist, Republikaner … also so ziemlich alles, was nervt. Sein Kollege und Freund Alan Shore (James Spader) ist ein so brillanter Anwalt, dass er sich den Luxus leisten kann, nicht gemocht zu werden. Auf den ersten Blick sind beide unerträglich. Auf den zweiten Blick muss man sie verehren: für die Innigkeit, mit der sie ihre Freundschaft pflegen, für die Unerschrockenheit, mit der sie Wahrheiten aussprechen, für die Gleichgültigkeit, mit der sie Vorgesetzten und Speichelleckern gegenübertreten. Wenn die Arbeit uns alle wirklich irgend wann zu Arschgeigen de formieren sollte, dann sollten wir alle »Boston Legal« sehen – um zu lernen, wie wir bitte wenigstens zu Arschgeigen mit Würde, Selbstironie und unverrückbaren Überzeugungen werden können. Boston Legal – USA, seit 2004, 2 Staffeln, 45 Episoden (20th Century Fox)



Monaco Franze – Der ewige Stenz

Gesehen von: Kerstin Kullmann

Ich weiß wirklich nicht, ob man Münchner sein muss, um den Charakter des Monaco Franze zu verstehen. Ich vermute nicht, denn ich bin zwar selbst Münchnerin, trotzdem ist mir noch nie ein Typ wie der Monaco Franze, den Helmut Fischer gespielt hat, begegnet. Schade eigentlich, denn ich hätte gerne mein Herz an ihn verloren. Er hätte es gebrochen, und ein paar Wochen später wäre ich heulend auf den Stufen eines Münchner Nachtlokals gesessen, in dem der »Monaco« (die Betonung liegt auf dem ersten o und fällt dann ein wenig abschätzig herunter) seinen Ausgang pflegt, und hätte ihn angebettelt, zu mir zurückzukommen. Er wäre nicht gekommen. Er wäre noch am gleichen Abend zurückgedackelt zu seiner Frau, dem »Spatzl«, der kultivierten An nette von Soettingen, der er zärtlich den Kopf streichelt und »Schau wie ich schau« ins Ohr flüstert. Was ihn bei seiner Frau hält, hätte ich nie verstanden, denn »Kultur«, sagt der Franze, das wäre da, wo er herkommt (dem vormals räudigen Münchner Westend), »dass sich einer regelmäßig wäscht.« Ich hätte ein Meer von Tränen durchkreuzt, ihn zu verwinden, den Rumtreiber, der seinen Sekt aus Champagnerschalen trinkt und sagt, dass ihn Menschen interessieren, »vor allem Frauen«. Alles andere sei fad, auch sein Job bei der Kriminalpolizei. Mit dem Kollegen Manni Kopfeck nutzt er erkennungsdienstliche Ermittlungen ohnehin nur, um Weiber aufzureißen (»A gmahde Wiesn? Meinst?«). Zwischen dem nördlichen Schwabing und dem Sendlinger Tor war keine vor Monacos windhundigem Charme sicher. Denn: Frauen lassen sich gerne unglücklich machen. Aber nur einmal. Monaco Franze – Der ewige Stenz – BRD, 1983, 10 Folgen auf 3 DVDs (Euro Video)



Spaced

Gesehen von: Oliver Nagel

Wer mit Ende zwanzig noch von einer Karriere als Comiczeichner träumt, aber stattdessen im Monsterkostüm Handwerbung für einen Comicladen verteilt, wer mit fast dreißig gerne Journalist wäre, aber immer, wenn es ans Schreiben geht, lieber putzt, aufräumt oder eine Party gibt, wer in einem Alter, wo andere Kinder und Eigenheim haben, immer noch mit dem Skateboard herumfährt, der: sollte eigentlich mal er - wachsen werden. So wie Tim und Daisy in »Spaced «. Er ein bisschen zu alt, um sich noch die Haare zu blondieren, sie ein bisschen zu pummelig, um bei Vorstellungsgesprächen mit äußeren Reizen zu punkten. Aber beide voller juveniler Begeisterung und Bürger der freien Republik Popkultur, in der der Alltag zu einer Montage aus Medienversatzstücken werden kann: Das gräßliche moderne Tanztheaterstück wird zum Zombiefilm, ein kurzes Sinnieren über London zur Parodie auf Woody Allens »Manhattan«. So clever und dicht sind die An spielungen in »Spaced« (die Macher drehten später »Shaun of the Dead« und »Hot Fuzz«), dass es auf den DVDs »Homage-O-Meter«-Untertitel gibt. So sympathisch und echt sind die Figuren, dass man sich sofort mit ihnen identifiziert: Ja scheiße, mein Leben ist auch eine Mischung aus »Evil Dead 2« und den »Simpsons«! Jeder Slapstickunfall, jeder tragische Abschied: Alles war schon mal da, es geschieht nichts Neues in der postmodernen Welt. Aber das ist okay. Spaced – GB, ab 1999, 2 Staffeln, 14 Episoden (Channel 4 DVD)



The Office

Gesehen von: Fabrice Braun

»The Office« hilft, den Job besser zu ertragen. Schließlich kennt fast jeder einen Chef, der wie David Brent (Ricky Gervais) davon überzeugt ist, der beste Chef der Welt zu sein, ob - wohl er in Wahrheit eine Witzfigur ist. »The Office« wird in Deutschland gerne mit der Pro- Sieben-Comedy »Stromberg« verglichen. Das ist richtig, weil Stromberg eine erstaunlich schmerzfreie Kopie der BBC-Sendung ist – und es ist falsch, weil sich die beiden Protagonisten Bernd Stromberg und David Brent völlig unterscheiden: Stromberg ist ein Idiot, Brent eine tragische Figur. Er möchte mehr sein als ein kleiner Abteilungsleiter, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Brent möchte ein Popstar sein, ein Komiker, ein Musiker, ein Schauspieler – alles, nur kein durchschnittlicher Mensch, der im tristen Büro eines Papiergroßhandels in einem Vorort von London sitzt. Deshalb verwechselt er sein Büro mit einer Bühne, erzählt jedem, dass er früher in einer Rockband war, liefert sich bei der Bürofeier ein Tanzduell mit einem Konkurrenten und spielt beim Motivationsseminar selbstkomponierte Lieder. Brent macht sich lächerlich, weil er noch an die neoliberale Ideologie des Jeder-kann-es-schaffen glaubt und mehr noch an ihre RTL-Variante: Jeder kann ein Star sein. Dabei ist es längst zu spät für ihn. Die wenigsten von uns werden es jemals zu etwas Besonderem bringen. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist es, das nicht zu akzeptieren. The Office – GB, ab 2001, 2 Staffeln, 12 Episoden (WVG/20th Century Fox)



Extras

Gesehen von: Christoph Gröner

Auch für die Serie »Extras« über das glamourlose Fußvolk der Filmsets nutzen die »The Office«-Macher Ricky Gervais und Stephen Merchant ihre Narrenfreiheit. Reihenweise Hollywoodstars (Kate Winslet! Ben Stiller!! Robert DeNiro!!!) geben in Kleinstrollen Parodien ihrer eigenen Images. Und mit der Hauptfigur, wieder von Gervais gespielt, geht das Fremdschämen weiter: Andy Millman, 43, ist seit Jahren ein »Extra«, ein Komparse; von Film zu Film unterwegs, von sexistischen zu rassistischen Fettnäpfchen, die seinen größten Traum – ein einziges Mal vor der Kamera eine Textzeile sprechen – in weite Ferne rücken lassen. Das ist so tragisch-komisch wie »The Office« und in der zweiten Staffel eine Lektion fürs Leben. Millman wird mit einer schwachsinnigen TVSerie doch noch berühmt, hasst sie, entscheidet sich aber für das Geld. Mit seinem Selbstmitleid wird so grausam aufgeräumt, dass es dem Zuschauer jede Leistungsneurose austreibt. Millman schüttet David Bowie im Pub sein Herz aus. Der ist inspiriert, setzt sich ans Klavier und improvisiert ein Lied – über den »pathetic litte fat man«. Extras – GB, seit 2005, 2 Staffeln, 12 Episoden (UniversalPictures)



Prison Break

Gesehen von: Ingo Mocek

Ich kann mich nicht durchsetzen. Sei es die Konferenz, auf der ich wieder niemanden davon überzeugen konnte, dass die Ge schichte über Fabergé-Eier ins Heft muss. Sei es die Einigung auf ein Haustier für mich und meinen Freund. Sogar mein eigener Körper gehorcht nicht. Der Wirbel im Vorderhaar, er ist stärker. Stärker auch als mein Lieblingsfriseur – doch halt: Es war mein Friseur Niels, der mir den Befehl gab: »Prison Break!« Warum, habe ich schnell erkannt: In der US-Fernsehserie, die vom Ausbruch und der anschließenden Flucht zweier Brüder aus dem Gefängnis Fox River handelt, gibt es nur hoffnungslose Fälle, Menschen, die nie bekommen, was sie wollen. Allen voran Michael Scofield und Lincoln Burrows: Eigentlich wollen sie, dass man sie in Ruhe lässt. Stattdessen sind sie – unfreiwillig – einer riesengroßen Monsterverschwörung auf der Spur. Auch ihre Wegbegleiter Fernando Sucre (hoffnungslos verliebt), »T-Bag« (hoffnungsloser Psychopath) und John Abruzzi (hoffnungslos: ein Pate ohne Gefolgschaft) kämpfen gegen allmächtige Gegner. Aber sie geben nicht auf, ist das Ziel, das sich von Staffel eins (ausbrechen) zu Staffel zwei (überleben) verschiebt, noch so weit. Gegen die Geschwindigkeit der Wendungen von »Prison Break« wirken deutsche Serien wie unter Lähmung entstanden. Ich lernte, nicht zu jammern, sondern etwas zu tun. Und sei das: »Prison Break« gucken. Danke, Niels! Prison Break – USA, seit 2005, 2 Staffeln, 44 Episoden (20th Century Fox)

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