zzebra 04.07.2006, 08:33 Uhr 21 1

Über Hitler kann man nicht lachen

Alles auf Locker. Dani Levy ("Alles auf Zucker!") dreht eine Komödie über Adolf Hitler.

Ist das ein Zeitgeist? Wird man den wieder los? Man stelle sich vor, Sönke Wortmann hätte sich an das Sujet gewagt. Oder Rainer Werner Fassbinder. Mein Gott, denkt man aufatmend, zum Glück ist Levy Jude. Da kann nichts schief gehen. Das muss politisch korrekt sein. Das hat schließlich den Freischein der Opferrolle.

Ist es nicht. Über Hitler kann man nicht lachen. Nicht wirklich. Nicht, wenn einem Zeit und Geschichte nicht gleichgültig sein. Nicht, wenn man sich nicht in 60 Jahren Frieden und Freiheit gesonnt hat. Da hilft es auch nicht, dass Helge Schneider den Adolf gibt, als hinterließe dieser Duftmarken des Slapstick. Das Parfum Hitler hängt zu schwer im Raum, als dass es als leichte komödiantische Brise wahrgenommen werden könnte. Zumindest, wenn man nachdenkt. Aber das will Levy nicht. Nachgedacht ist schließlich schon genug worden. Nun soll man ablachen über Adolf. Es wird ein eingekerkertes Lachen sein. Zumindest sollte es das.

Denn es ist vermintes Gelände, auf das sich Levy wagt. Will er den Reifegrad der Deutschen austesten? Direkt Betroffene werden wohl kaum schmunzeln können. Man stelle sich diesen Film nicht im Jahre 2007, sondern drei Jahrzehnte früher vor. Ein kollektiver Aufschrei wäre durch Volk, Presse und Botschaften gegangen. Mit der Losung: In deutschen Kinos darf man nicht über Hitler lachen. Der Bundestag hätte im Eilverfahren eine Gesetzesnovelle verabschiedet. Genscher wäre höchstpersönlich nach Tel Aviv gereist.

Aber vielleicht ist es genau das, was Levy herausfinden will, wenn er die Deutschen über Hitler lachen sehen will: Wie weit geht ihre Geschichtsträchtigkeit? Wie weit noch sind sie leidensfähig? Soll ein Geschichtsbewusstsein auf aktive Erinnerung reduziert werden? Ist das angedachte Endziel deutscher Historie einer gestutzte Reliquie, die bei Bedarf bemüht und in Form von Kränzen, salbungsvollen Worten und betroffenen Mienen auf dem Höhepunkt zeremoniellen Treibens punktgenau akquiriert wird?

Der psychologische Radiergummi Levys mag noch so gut gemacht (oder gemeint) sein, kein Korrekturmittel dieser Art tilgt die einmal hinterlassene Handschrift gänzlich aus. Kein mit wohlplatzierten Nachhallpausen angereichertes Pointenfeuer kann ein geschichtsbewusstes Gemüt auflockern. Zumindest kein deutsches. Schon gar kein jüdisches. Wirklich locker geht anders. Riesige Hakenkreuzbanner und schmetternde "Sieg Heil!"-Rufe müssen wohl in jedem von dieser Zeit noch aktiv Betroffenen ein schauriges Gefühl hinterlassen. Lachen geht anders.

Vielleicht funktioniert so ein Film wirklich nur, weil die Zeit Wunden heilt. Weil eine Spaßära angebrochen ist. Eine Mir-kann-schon-nichts-passieren-Phase. Ein fester Verlass auf die zuverlässig einsetzende Bedarfsregelautomatik. Oder ist solch ein behutsam antastendes Wagnis gleichbedeutend damit, dass Geschichte doch wiederholbar ist? Der Mensch schlussendlich einfacher vergisst als seinen Verstand bemüht? Auch das lehrt Geschichte. Eine erschreckende Erkenntnis. Dann wäre der Film gleichzeitig unbewusst das, was er nicht sein wollte: eine Tragikomödie.

Roberto Benigni ("Das Leben ist schön") und Steven Spielberg ("Schindlers Liste") mussten sich mit der Kritik auseinandersetzen, dass ihre Filme zu kitschig und trivial, quasi Rührstücke wären, die diese grauenhaften Zeiten nicht angemessen würdigten. Das ist noch nicht lange her und die Intention beider war zweifelsohne gewissensrein.

Levy selbst meint dazu beschwichtigend, dass in diesen experimentellen Zeiten alles erlaubt sei. Es dürften Tabus gebrochen und Grenzen des Guten Geschmacks verletzt werden, "so lange das Gewissen auf der richtigen Seite steht". Gilt das für alle? Dürfte ein solch experimentierender Regisseur auch Mitglied der NPD sein? Allein der Gedanke daran lässt einen erschauern, achtete man doch minutiös darauf, diesmal keine Statisten und Komparsen aus der rechten Szene auf dem Set zu haben, wie es bei "Der Untergang" der Fall war. Sehr beruhigend: Man bleibt trotz allem wachsam.

Die Requisiten wurden zudem akribisch durchnummeriert und beim Verlassen des Geländes werden die Akteure gefilzt. Von wegen normal. Von wegen lockerer Umgang mit der Geschichte. Über Hitler kann man lachen. Ja. Gelacht werden darf über ihn allerdings nur im Kintopp. Und auch dieses Lachen sollte man am Ausgang vollzählig wieder abgeben. Zumindest in Deutschland. Wenigstens dort.



"Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Hitler"
Regie: Dani Levy
Darsteller: Helge Schneider, Klaus Maria Brandauer, Ulrich Noethen u.a.
Erscheinungstermin: 4. Januar 2007"Wichtige Links zu diesem Text"
Spiegel
Stern
Berlin online

1

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Oh, du hast schon im Juli drüber geschrieben!

    Ich habe da zwar auch gemischte Gefühle, mache es aber vom Inhalt und der Art des Humors im Film abhängig.
    Über die Hitler-Tagebücher in 'Schtonk' habe ich Tränen gelacht. Über den 'Bonker' von Moers neulich ebenso.
    Also: mal sehen.

    06.01.2007, 12:06 von NinaBerth
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Natürlich darf man.

    04.01.2007, 19:53 von sabbelwasser
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nanu? Neuer Artikel mit alten Kommentaren? War der Artikel so schon im Sommer online?

    Ich habe gestern in den Tagesthemen die kurzen Ausschnitte gesehen und war durch hochkarätige Besetzungsliste und opulente Ausstattung schon fast überzeugt, mir den Film "trotzdem" anzusehen. Doch dann kam die Bett-Szene mit dem zu kurz weggekommen Schneider-Hitler und Katja "das Grauen" Riemann und mir war klar - nicht mein Humor, mag ich nicht, brauche ich nicht.

    Hat jemand den ganzen Film schon gesehen?

    04.01.2007, 15:30 von Pamina
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Über Hitler lachen tut not. Dafür empfehle ich auch "Sein oder Nichtsein" von Ernst Lubitsch (1942, irgendwo anders las ich 1936).

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Lubitsch

    14.09.2006, 11:53 von ulfsch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    >Ob anderen Leuten die Komödie gefällt ist mir so was
    >von egal, wie gesagt sind die Kritiken gut gehe ich rein."

    das ist ja mal 'n geiler satz. denk doch nochmal drüber nach! ;-)

    meiner meinung nach kann man über alles lachen, und eigentlich lachen die "deutschen" ja auch über sich selbst. weil sie auf solch einen kasper reingefallen sind.

    25.07.2006, 12:34 von DonFarlaub
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Darin sehe ich ja gerade Dilemma: mit heutigem Abstand betrachtet waren solche Figuren sicherlich lächerlich. Andererseits: kann eine Person alleine nur auf Lächerlichkeit beschränkt werden, obwohl sie Rassenausrottungen plante, Millionen Menschen ihr zum Opfer fielen und ganze Volksgruppen fast ausrottete?

    Wenn lachen, dann mit Bauschmerzen...

    10.07.2006, 16:14 von lasos
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Guten Abend Mephy,

      ich denke, ähnlich wie Lasos unten antwortet, daß eine große Gefahr darin liegt, diese Gestalten "nur" als lächerlich darzustellen. Dies käme einer Verhöhnung ihrer Opfer gleich. Wenn man sie der Lächerlichkeit preisgibt, eröffnet man vielleicht einen Weg sich unbefangener mit ihnen zu beschäftigen. Aber mit ihnen ernsthaft beschäftigen sollten auch alle nachfolgenden Generationen.

      Das Wissen um ihre Lächerlichkeit im Verbunde mit dem Wissen, um die Unvorstellbarkeit Ihrer Verbrechen an dem menschlichen Teil von uns allen.

      Viele Grüße - trooper

      10.07.2006, 18:10 von trooper
  • 0

    Das klingt doch schon weitaus differenzierter trooper, ich stimme dir in vielen Punkten zu. Dein Beitrag führt ja noch weiter als die Diskussion gegangen ist.: "Stolz, ein Deutscher zu sein" - eines der großen Themen, über die man sich sicherlich trefflichst streiten kann. Und muss?!

    10.07.2006, 14:40 von lasos
    • 0

      @lasos Guten Abend Lasos,

      unbedingt streiten muss!

      Wobei die Qualität eines Streites stets das Lernen aus diesem stark beeinflusst.....

      Viele Grüße - trooper

      10.07.2006, 17:58 von trooper
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Guten Abend,

    prinzipiell stimme ich dem Kommentar von SheiShonagon zu. Aber ...

    Wenn eine Figur der Geschichte, auch ein Adolf Hitler der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben wird, mag sie viel an Nimbus verlieren und u. U. auch einige Anhänger oder Mitläufer abschrecken. Wer möchte schon Anhänger einer Witzfigur sein?

    Auch denke ich, wie bereits mehrfach erwähnt, daß wir Deutschen unsere Geschichte besser aufgearbeitet haben als viele anderen Völker und wir tatsächlich in den letzten 60 Jahren ein Wechselbad aller Mögliochkeiten durchlebten, mit unserer Geschichte zu leben.

    Vielleicht haben wir heute diese eine Möglichkeit gefunden: Stolz, stark, patriotisch, demokratisch und doch stets wachsam im vollen Bewusstsein unserer eigenen Geschichte.
    Trotzdem finde ich einen solchen Film, zumindest überflüssig.

    Bei uns leben, was absolut zu befürworten ist, zig Millionen Deutsche, welche nicht von Geburt an diese Staatsbürgerschaft besitzen. Nicht nur diese Gruppe Deutscher wird zu Recht sagen, was habe ich mit deutscher Geschichte zu tun? Fragen doch viele unserer Generation bereits: Was habe ich mich geschehnissen zu tun, die vor der Geburt meines Vaters liegen?
    Stein um Stein fällt die gute Geschichtsbewältigung der Deutschen, mit jeder dieser Fragen.

    Zudem haben wir, ja auch die ohne Kinder, eine Verantwortung für folgende Generationen. Je weiter eine Ereigniss in der historischen Vergangenheit liegt, desto unschärfer wird es, desto schwieriger wird es sich seiner persönlichen Verantwortung für die Geschichte bewusst zu
    werden.
    In einem Klamauk wie diesem Hitler-Film liegt auch immer der Keim zur Verharmlosung und Verniedlichung der Geschichte und dieser Gefahr sollten wir uns nicht aussetzen.

    Vielleicht nicht zuletzt durch die WM, aber vor allem durch die letzten sechzig Jahre deutscher Geschichte und der deutschen Rolle in einer friedlichen Welt, können auch wir alle froh sein hier zu leben - im wachsamen Bewusstsein unserer Vergangenheit, ohne sauertöpfisch oder grüblerisch zu werden.

    Ja, man kann lachen worüber man will, sollte sich aber der Gefahr "...war alles nicht so schlimm..." für nachfolgende Generationen bewusst sein.

    Viele Grüße - trooper

    P.S. Ein kleiner Seitenhieb noch: Das Gefühl glücklich mit einem ernsten Geschichtsverständniss zu sein, fällt einem viel leichter mit einem gesunden und stolzen Verständniss des deutschen Staates.

    07.07.2006, 22:07 von trooper
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ehrlich gesagt es interessiert mich nicht ob die Regisseure Juden oder Christen sind. Charlie Chaplin, Mel Brooks und Oliver Hirschbiegel haben alle gute Filme gemacht!

    Wenn die Kritiken gut sind gehe ich auch in die neue Komödie. In Schindlers Liste und Ist das Leben nicht schön bin ich nicht gegangen, weil ich angenehme Unterhaltung im Kino suche - und irgendwie hatte ich nicht den Eindruck das in diesen Filmen zu erleben.

    Ob anderen Leuten die Komödie gefällt ist mir so was von egal, wie gesagt sind die Kritiken gut gehe ich rein.

    07.07.2006, 20:54 von ulf
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare