jlauer74 23.03.2009, 13:45 Uhr 0 1

Time to say Goddbye!

Oder ein Abgesang auf "Wetten dass..?"

Time to say goodbye

Vom richtigen Zeitpunkt aufzuhören.

Habt ihr am letzten Samstag „Wetten dass..?“ gesehen?
Ich hab’s mir seit längerer Zeit mal wieder gegeben und war ziemlich konsterniert ob des Schwachsinns, der hier den Zuschauern über weite Strecken der deutlich mehr als zwei Stunden zugemutet wurde.
Zugegeben, ich hätte ja einfach um- oder ausschalten können; doch war ich einfach scharf auf das von Florian Illies beschriebene „Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun.“

Pustekuchen!

Um 23:00 Uhr musste ich mir eingestehen, dass das sorglose Kindheitsgefühl so einfach nicht mehr heraufzubeschwören ist. Also schaue ich mir noch an, wie der eine Klitschko einen bedauernswerten Kubaner vermöbelt, trinke dazu noch zwei Bier und gehe –erwachsen geworden- ins Bett.

Was war passiert?

Zunächst schien alles normal: Gottschalk taucht in komischen Klamotten auf, gibt ein paar schön vorbereitete Witzchen zum Besten und schickt einen Meister Proper auf die Reise, der sich seine Abwrackprämie mit dem Zusammenfalten von Bratpfannen verdient und nun seines gleichen suchen soll. So weit gewohnt, so gut bekannt.
Dann kommt Mario Barth: laut, aufdringlich und hält sich für unglaublich witzig, weil er mit seinem Brachialhumor und seinem aufgesetzten Berliner Dialekt die Massen begeistert. Er will, wie bei Gottschalk üblich, seinen neuen Film promoten. Das tut er dann auch und hält dann in der Folge glücklicherweise weitgehend die „Berliner Schnauze“, nicht aber ohne noch damit zu kokettieren, dass er im Unterhaltungsfach und nicht im Feuilleton sein Geld verdient. Niveaulose Verarsche mit Ansage also! Unehrlichkeit kann man ihm demzufolge nicht unterstellen. Außerdem liest er Bücher! Toll!
Der nächste, der kommt, wirkt noch debiler als Barth. Der Gast aus den USA, Kevin James, hat das Konzept der Show nicht verstanden. Er versucht krampfhaft sich in den Vordergrund zu spielen, irritiert die Wettkandidaten und inszeniert eine alberne Selbstdarstellung, die vielleicht zu Hause dicke Schenkelklopfer hervorrufen mag, in München aber nur hochgezogene Augenbrauen und höflich-distanzierten Applaus hervorruft. Die Krönung dieser peinlichen Vorstellung stellt dann der Tanz mit dem Fahrgerät aus seinem Film, den er selbstverständlich (s.o.) promoten darf, dar. Hier wartet jeder nur darauf, dass er bitte stolpern möge, sodass er das weitere Geschehen von außen verfolgen muss und dem Publikum bei dieser Vorstellung wenigstens ein schadenfroher Lacher vergönnt wäre. Die Hoffnung stirbt aber auch hier zuletzt, sodass sich Mr. James bis zum Schluss auf dem Sofa lümmeln darf. Selbst Gottschalk lässt sich nach der Tanzeinlage zu einer sarkastischen Bemerkung hinreißen („Hätte er mit seiner Einschätzung richtig gelegen, hätten wir hierauf verzichten müssen“).
Iris Berben ist dann der Lichtblick des Abends. Obwohl etwas nervös wirkend, meistert sie Gottschalks Altherrenhumor, verbessert den schlecht vorbereiteten Moderator bei der Anzahl der in ihrem Buch vorgestellten Frauenschicksale (25 statt, wie Gottschalk behauptet, 35) und darf dann auch ihren Fernsehfilm vorstellen (s.o.).
Leider ist sie es dann, die später den Abstieg ins Unterschichten-TV mitmachen und blind Ekelspeisen verkosten muss. Ob Gottschalk hier einen kurzen Moment an seinen neuen Freund Marcel Reich-Ranicki und dessen Kritik bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises gedacht hat, als er Frau Berben die Stierhoden in den Mund schob und hektisch darum bemüht war, dass dies auch für die Zuschauer sichtbar eingeblendet wird? Immerhin wurden die von einem Starkoch zubereitet. Aber an diesem Firmament muss man sich auch mächtig anstrengen, um herauszuleuchten und den Schein nicht verblassen zu lassen, „eben drum“, Herr Schuhbeck.
Mit der großen, kühlen Skifahrerin Maria Riesch und dem Opernsänger Rolando Villuzón, der wie ein gedopter Derwisch daherkommt, tritt ein Paar auf, das ungleicher nicht sein könnte und auch brav ein unterschiedliches Votum abgibt, was den Ausgang ihrer Wette angeht und so Gottschalk in die gezinkten Karten spielt, denn die nächste Wette muss von den prominenten Paten verloren werden, damit auch die in München scheinbar obligatorische Blaskappelle ihren Auftritt hat und Herr Villuzón die Weise von den lustigen Holzhackerbuan mit kundtun kann. Hierzu zucken dann Edmund Stoiber und seine Muschi in der ersten Reihe im Takt und die Münchner Welt ist in Ordnung.
Im weiteren Verlauf der Sendung wirkt Gottschalk fahrig und unkonzentriert, findet Fettnäpfchen aber mit traumwandlerischer Sicherheit:
So werden bei der Ankündigung der schwedischen Band Mando Diao auch die Sangeskünste von deren Landsleuten gelobt: Abba, A-ha. Letztere sind natürlich Norweger, aber wie sagte schon Andi Möller: „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“ Der war aber Fußballer.
Apropos Fußballer! Die gab’s ja auch noch. Zumindest einen. Der andere war nur ein Imitator. Die sind aber doch laut der aktuellen NEON (Seite 12) seit dem 23.2.2009 ausgestorben!
Das ZDF hat aber –getreu seinem Ruf als Oma-Sender- noch einen gefunden. Und was für einen!

Matze Knop.

Kennt ihr nicht? Ich auch nicht. Bis Samstag. Ich hoffte, Karneval und Fasching auf dem Bildschirm wären zumindest für ein Jahr glücklich überstanden, da springt ein durchgeknallter Zausel im Bayerntrikot über den Bildschirm und gibt den Toni, den Luca, Italiener in Bayern. Was der in hektischer Manier an klischeebeladenen Platituden (Kostprobe: "Ich habe Freikarten für meine Familie besorgt: 136 Personen in Block B" oder "Der Frisör fragte mich: schneiden oder Ölwechsel") vom Stapel lässt, erinnert mehr an Klamotten aus den 60er Jahren als an eine große Samstagabendshow anno 2009 und nur in bescheidenen Ansätzen an den Stürmerstar vom örtlichen FC.
Aber wenn man schon mal in München gastiert, braucht der von Gottschalk geschätzte FCB natürlich seinen Auftritt und so wurde kurz vor Schluss noch Franck Ribery auf das Sofa eingewechselt.
Der durfte dann die Wette präsentieren, die für einiges an diesem Abend entschädigte: Ein Mann lässt 15 Autos über seinen strammen Bach fahren.
Das ist ja mal was!
Folgerichtig wurde dieser Herr auch Wettkönig. Trotzdem, auch 9,23 Mio. Zuschauer können sich irren. "Wetten dass..?" ist ein Dinosaurier. Die hatten auch ihre große Zeit und sind dann brav ausgestorben. Der Moderator ist ein Auslaufmodell. Ob es nostalgische Gründe oder die sprichwörtliche Nibelungentreue sind, die das Format immer noch am Leben erhalten, wage ich nicht zu sagen. Die Qualität kann es jedenfalls nicht sein und der Moderator auch nicht. Scheinbar haben wir aber keinen anderen."Wichtige Links zu diesem Text"
Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises
Kevin James bei Wetten dass..?
Kevin James tanzt Walzer mit Segway bei "Wetten, dass...?"
Luca Toni Double
"Wetten dass..?" Bauchmuskeln

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