nicole 07.11.2005, 11:05 Uhr 2 0

(Strich-)Punkte

Das Unvermögen zu kommunizieren ist das leitgebende Motiv für Miranda Julys Spielfilmdebüt – und Bilderrahmen für originell-skurrile Ideen.

"This is me and this is you and this is everyone we know", erklärt Peter seinem kleinen Bruder das Schema des Bildes, welches er auf dem Computer gefertigt hat. Die Punkte sind als stehende Menschen zu verstehen, von oben gesehen; die Strichpunkte als stehende Menschen, neben denen Menschen liegen. All die Figuren, die einander in Miranda Julys vielfach Preis gekrönten Spielfilmdebüt begegnen, sind derartige (Strich-)Punkte: sie stehen oder liegen da, für sich allein; "du und ich" heißt es immer wieder, nicht "wir". Sie straucheln auf der Suche nach Liebe aufeinander zu, kämpfen darum, Beziehungen aufzubauen; schmerzhafte Erfahrungen werden sie dabei mitunter machen, die fein gezeichneten Figuren, die mit klugen Dialogzeilen über unser "kommunikationsloses, isoliertes Zeitalter" reflektieren. Zwei davon lässt Performancekünstlerin July im Internet kollidieren: Sie unterhalten sich, schlagen rasch derbere Töne an. Die Frau beginnt, Sehnsüchte in den scheinbar viel versprechenden Gesprächspartner zu projizieren, um später umso überraschender festzustellen, mit wem sie's überhaupt zu tun hat: einem Kind (wunderbar: der erst sechsjährige Brandon Ratcliff). Erwachsener als sie sind versuchen sich auch zwei Mädchen zu geben, die es nicht erwarten können, sexuelle Erfahrungen zu machen – um jeden Preis, gerne auch ohne große Gefühle –, während eine andere bereits im Volksschulalter beginnt, ihre Aussteuer zusammen zu kratzen. "Der Film wurde inspiriert von der Sehnsucht, die ich als Kind hatte. Die Sehnsucht nach der Zukunft, nach jemandem, der mich finden würde, nach dem Zauber des Lebens, der über mich kommen und mein Leben verändern sollte." so July. "Er wurde auch beeinflusst davon, wie sich diese Sehnsucht veränderte als ich erwachsen wurde, ängstlicher, verzogener, aber nicht weniger fantastisch hoffnungsvoll." – Wagemutige Träumer und noch nicht ganz hoffnungslose Realisten geraten bei July, welche sich neben Drehbuch und Regie auch um die Hauptrolle kümmert, in so manch skurrile und teilweise fragwürdige Begebenheit – und verwandeln sich damit in bleibende Erinnerungen.

ME AND YOU AND EVERYONE WE KNOW
USA 2005. Regie: Miranda July.
Mit Miranda July, Brad William Henke, John Hawkes u. a. Verleih: Stadtkino. 90 Min.
Filmstarts: 2. 11. 2005 (A), 23. 2. 2006 (D)
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Me and You and Everyone We Know bei imdb
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2 Antworten

Kommentare

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    Wunderbarer Film. Back and Forth. Forever.
    Unbedingt ansehen!!!

    13.12.2005, 13:28 von elaine
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    Wunderbar. Die Art von Film, in denen man gerne wohnen möchte, ich zumindest...

    10.11.2005, 11:31 von abeona
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