chrisbow 15.05.2012, 11:51 Uhr 17 0

Roche und Böhmermann: Abgesang auf die Kultur!

"Freizeit ist gut, aber nur dann, wenn man kultiviert ist. Denn beschränkte Mittel und dazu keine Kultur, da kann man nur vor dem Fernseher enden."

Ich erinner mich noch an die legendär gewordene Show "Je später der Abend", besser gesagt an jene Folge, da Klaus Kinski einen Mann aus dem Publikum beschimpft, während Manfred Krug seelenruhig daneben sitzt und eine Zigarette raucht. Das war im Jahre 1977. Eine Retro-Sendung, die an diesen Stil anzuknüpfen versucht, flimmert neuerdings über ZDF Kultur, sie trägt den Namen der beiden Moderatoren Roche und Böhmermann.

In dieser Talkrunde sitzen die Gäste um einen Zensurknopf, den sie selbst drücken können (oder auch nicht), trinken Whisky, rauchen und stellen nebenbei ihre neusten künstlerischen Ergüsse vor; oder berichten, wie Max Schradin, Ex-Mitarbeiter von 9live, einfach nur in wenigen Minuten über ihr Leben. Es geht nicht um investigativen Journalismus, wie die Moderatoren immer wieder ironisch bezeugen, es geht nicht um Vorbereitung, sondern um die Sendung selbst. Der Grünenpolitiker Boris Palmer moniert zu Recht am Ende der Folge vom 22.04.2012, dass es den Moderatoren mehr darum ginge, sich selbst reden zu hören.

Fast schon paradox ist es, wenn Sammy DeLuxe sich zugleich eine Zigarette anzündet und davon berichtet, was er im Leben gelernt hätte, dass er ein schlechtes Vorbild gewesen sei, als er früher über Drogen textete. Die hippen Moderatoren geben ihm natürlich Recht und wechsel schnell zu Brüsten, dem Kernthema der Sendung, das einzige, was sie an ihrem einzigen weiblichen Gast, Palina Rojinski, zu interessieren scheint.

Doch mangelnde Vorbereitung, mangelnde Kompetenz und mangelnde Reflektion wären noch erträglich, würde sich die Sendung nicht das Label eines Kulturprogramms geben. Wenn das Kultur ist, Rauchen wieder salonfähig zu machen und Moderatoren, denen es mehr um sich selbst als um die Gäste geht, dann mag das mehr als erschüttern. Klar, „im Stil des frühen Fernsehens, nur neu gemacht“ ist sie ganz im Sinne der konservativ-linken Prenzelbergkultur, die sich zwar gern als progressiv bezeichnet, aber dann doch im Abendprogramm in die Siebziger, in jene Show "Je später der Abend", fliehen will. Medienwissenschaftler bezeichnen dies als klassischen Eskapismus in die Zeit, „da die Welt noch in Ordnung schien“.

Dies wäre nicht tragisch, würde die Sendung nicht selbst ihren kulturellen Niedergang noch zelebrieren. Höhepunkt des Tiefpunkts ist es, als sich Böhmermann, der Nichtraucher, am 15.04.2012 aus Protest eine Zigarette anzündet. Aus Protest deshalb, weil Farin Urlaub, Frontmann der Band "Die Ärzte", aus Überzeugung kurz vor Sendebing seinen Auftritt absagt, weil diese Rauchern ein Forum biete. Böhmermann wirkt wie ein beleidigter Pubertierender, so wie die ganze Sendung wie eine pubertäre Imitation des "späten Abends" wirkt. Debattiert das philosophische Quartett noch darüber, ob die Welt noch zu retten sei, kann ich an dieser Stelle nur sagen: Eine Welt, in der das Kultur sein soll, braucht nicht gerettet zu werden.


Tags: Roche, Böhmermann
17 Antworten

Kommentare

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    Ich muss sagen als ich die Sendung das erste Mal gesehen habe wusste ich nicht ob sie gut oder schlecht war. Was aber feststeht ist dass sie etwas neues probiert! Und ich finde dass ist lobenswert in einer Zeit von true blood und dem ganzen Einheitsbrei auf privaten Sendern...ich würde mich außerdem sehr freuen wenn die privaten Sender den Mut beweisen würden eine neue Sendung in ihr Hauptprgramm aufzunehmen. Mal keinen Aufguss von Gottschalk oder anderen sondern vielleicht was mit Joko und Klaas um auch das erhoffte junge Publikum zu aktivieren, da ich das Programm auf zdf_neo sehr gut finde.

    05.06.2012, 06:37 von Idefix
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      Halt mich jetzt für konservativ, aber Neuartigkeit habe ich noch nie als voreingenommenes Qualitätskriterium angesehen...außerdem versuchte ich ja durch den Hinweis auf "Je später der Abend" sowie deren Claim aufzuzeigen dass es eigentlich gar nicht so neuartig ist.

      Ich habe nichts gegen neue Sendeformate, ganz im Gegenteil ich begrüße sie auch sehr...aber ich finde, man sollte sie nicht naiv schauen, sondern kritisch hinterfragen. Es ist einfach RTL2-Formate zu kritisieren, aber bei Sendungen, die sich selbst das Label des Niveaus verpassen und sagen, hey, ich benutze Ironie - wenn du das nicht verstanen hast, fehlt dir einfach die Intelligenz, ist das schon schwieriger. Anlass für mich diesen Artikel zu schreiben, war letztendlich ein Credo - Schweigen bedeutet Zustimmung - und das heißt, perspektivisch gesehen, dass ich nicht will, dass so etwas salonfähig wird, etwa der Zensurknopf - es ist ganz gut, dass man im Fernsehen nicht alles sagen darf, was einem gerade so durch den Kopf schwirrt - wenn man vorher ein wenig reflektiert, was man da gerade vom Stapel lässt... aber nur dann, wenn man den Bildungsauftrag über den Unterhaltungsaspekt stellt.

      Aber danke für deinen Kommentar :)

      05.06.2012, 08:27 von chrisbow
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      gern geschehen!


      05.06.2012, 09:07 von Idefix
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    Um was geht es jetzt genau? Um das Rauchen? Um die Kultur? Rauchen gehört zu einer Kultur. Jedenfalls hast Du mich neugierig gemacht, schade, dass ich die Sendung verpasst habe.

    17.05.2012, 13:04 von Mrs.McH
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      Ach, ich kann sie kann ja online sehen :-)

      17.05.2012, 13:05 von Mrs.McH
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      Ich versuche nicht einzunicken und habe Ohrfiepen...

      17.05.2012, 13:11 von Mrs.McH
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      Eigentlich geht es darum, dass sich die Sendung als etwas verkauft, was sie nicht ist, nämlich Kulturprogramm, dass sie das Rauchen unreflektiert als ihre Hommage auf die Siebziger betrachten, weißt du, man regt sich über Scriptet-Reality-Shows auf, aber eine Show, die sagt, sie erhebe den Anspruch für das Bildungsbürgertum zu sein, diese wir laissez faire als Experiment hingenommen. Die Containerüberwachungsshows waren auch mal ein Experiment...doch wohin hat es sich entwickelt? Es ist dann doch im Grunde das gleiche ist, wie Bohlens Gesangstalentsuche (die ja eben nicht nach Gesangstalenten sucht), dann will ich an dieser Stelle zumindest meinen Protest verkünden, denn Schweigen heißt ja bekanntlich Zustimmung. Ich will letztendlich darauf aufmerksam machen, dass das, was da gezeigt wird, glaubt, sich unter dem Deckmantel der Ironie alles erlauben zu können...ähnlich wie dieser Text, der hier gerade kursiert "Frauen wollen die Weltherrschaft" oder so ähnlich... solche Sachen gestalten die Vorstellung der Menschen über die Welt immer ein wenig mit. Jetzt wirst du sagen, ja aber das ist doch nur eine Show...um mal die Auswirkung dessen zu zeigen, wie Shows die Fernsehlandschaft verändern können, verweise ich auf eine Nachmittagssendung der öffentlich rechtlichen Sender, sie hieß damals "Streit um 3" und in dieser wurden alltägliche Gerichtsfälle behandelt, zwei Statisten stritten sich darüber, was passiert, wenn ein Nachbar sich bei der Nachbarschaftshilfe verletzt und sonstige Kleinigkeiten...sie war gut, sie war lebensnah, und sie zog den privaten Sendern Einschaltquoten ab. Diese begriffen recht schnell, dass die Menschen gern solche Sendungen sehen und machten ihre eigenen Versionen "Salesch","Hold" und co bombardierten das Nachmittagsprogramm, diese waren natürlich hipper, aufregender, es ging um Sexthemen, spannende Verwicklungen, gescriptete Realität, das Resultat war, dass ein halbes Jahr später die kleine informative Unterhaltungssendung "Streit um 3" eingestellt wurde. Nun denn, was passiert, wenn Frau Rosches Format sich durchsetzt? Was passiert, wenn Talkrunden nicht mehr Themen behandeln sondern nur noch gröhlend über Brüste sprechen, dabei rauchen und trinken, und das nur, um vom großen Kuchen der Fernsehzuschauer etwas abzubekommen? Klar ist Frau Roches Sendung spannender als eine Diskussion des philosophischen Quartetts, aber das auch nur, weil sie nichts mit dem Leben zu tun hat, weil sie keine Inhalte mehr vermittelt, weil es nur noch pure Unterhaltung ist. Wenn die Menschen beim Fernsehschauen den Informationen aus dem Weg gehen, vor dem Alltag flüchten, dann nennt man das, wie oben gesagt Eskapismus, eder hat diese eskapistische Neigung, ich auch, doch am Ende ist die Frage, was machen wir mit einer Gesellschaft, die nur noch vor dem Leben wegläuft? Ich weiß, ich verurteile das Fernsehpublikum seiner Unmündigkeit, aber sieht man sich mal ne Folge Fernsehkritik.TV an, dann stellt man schnell fest, wie sehr das Fernsehen die Realität verzerrt...okay.... jetzt hab ich mal wieder totgeredet, es gäbe noch so viel mehr zu sagen, was bleibt, ist eigentlich nur ein Wunsch, mal wieder, schau dir die Sendung an und frag dich, was machen die da eigentlich?

      Zu sehen, noch, in der Mediathek des ZDF ;)

      17.05.2012, 13:26 von chrisbow
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      dass sich die Sendung als etwas verkauft, was sie nicht ist,

      So etwas begegnet einem doch jeden Tag, jeder zweite Mensch ist so... oder... jeder? Ich habe schon angefangen, mir die Sendung anzusehen, ich werde jedoch immer unruhig, am Rechner TV zu sehen. Sobald das WLAN wieder funktioniert, werde ich es mir mal auf dem TV holen und Dir gerne ein Feedback geben. Das erste was mir jedoch auffiel: Frau Roche ist in diesem Format nicht sie selbst. Nicht dass ich sie persönlich kenne, aber ich hatte eben sehr schnell diesen Eindruck... nicht authentisch... habe schon direkt die Lust am weitersehen verloren. Es wären höchstens die Gäste, die mich interessieren könnten, wie mein persönlicher Held Sven Marquardt.

      17.05.2012, 13:37 von Mrs.McH
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      Jap, kannst du gern machen, die Sache mit dem Feedback. Zu Frau Roche habe ich eine spezielle Meinung, doch and er Stelle würde ich das Feld der Argumentation noch weiter verlassen...

      17.05.2012, 13:46 von chrisbow
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    Ich wünsche mir, dass man Kultur und ihr Subkulturen mehr Handlungsspielraum läßt. Ich finde es bemerkenswert, dass eine Talkshow eine Quote von 0,6% (14-49 Jahren) erreicht. Man nehme sich mal andere TV-Formate mit der selben Zielgruppe vor und stellt fest, dass man ohne Einspielungen von bloßgestellten Mitmenschen, riesiger Bigband im Hintergrund und mehere Hundert Gästen, die von Anheizern völlig apathisch verwirrt Klatschen, eine unterhaltsame Abendbeschäftigung geschaffen hat. Und wenn wir ehrlich sind fehlt es an alternativen Formaten, die ein wenig anspruchsvollere Unterhaltung bieten. Ich würde "Roche & Böhmermann" nie mit dem literarischen Quartett vergleichen, obwohl optisch sicherlich Bezug genommen wird. Was mich wirklich stört ist das Thema Rauchen, welches ständig aufgegriffen und todgetreten, wieder aufersteht und wieder heroisch zerschmettert wird. Ich hoffe, dass die Leute, die lstatistisch zur Zielgruppe gehören, sich über ihre Verlangen und Süchte im Klaren sind und sich nicht von einem rauchendem Samy Deluxe aus ihrer Bahn werfen lassen. Schade, dass der Autor des Artikels "Roche und Böhmermann: Abgesang auf die Kultur!" leider sich zu sehr ärgert (man hört schon ein bisschen seine persönliche Einstellung heraus) und verläßt seinen Pfad als objektiver Jurnalist, um Richter und Henker zu werden. Wir sollten alle froh sein um en wenig Abwechslung von Superstar, Schwiegermutter gesucht und menschenunwürdigen Modelcastings. Ich bin es auf jeden Fall und genieße die Sendung mit einem Schluck Singel Malt. Selbstverständlich ohne Ziggi, es würde den Geschmack des guten Tropfens zerstören.

    15.05.2012, 15:58 von schaKARL
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      Naja, wer Schreibfehler findet kann sie gerne behalten.

      15.05.2012, 16:00 von schaKARL
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      Eigentlich wollte ich mich ja nicht äußern, aber ein paar Fragen habe ich dann doch noch:

      Ist Quote ein Argument für oder gegen eine Sendung?

      Was glaubst, du, woran liegt es, dass gerade diese Sendung gegenüber ernstzunehmenderen Formaten einen Vorzug erhält? Vielleicht weil sie rauchen und trinken und darin eine Laissez-faire-Mentalität zum Ausdruck bringen?

      Bist du der Meinung, dass ein paar Menschen, die im Kreis sitzen, Alkohol trinken und rauchen und eigentlich nichts zu erzählen haben, ein Zugewinn neben den dir aufgezählten Sendeformaten ist?

      Was glaubst du, wo genau das Zielpublikum anzusetzen ist, wenn Leute wie die oben aufgezählten dorthin kommen? Also eher bei den über 30ern oder unter 30ern? Und zuletzt, für wie stabil hälst du vierzehnjährige, die diese Sendung schauen in ihrer Entscheidung mit dem Rauchen nicht anzufangen?

      Und zuletzt, was hälst du im Fernsehen für bedenklich, dass es gezeigt wird? Also, wo setzt du an und sagst, das geht nun wirklich zu weit?

      Dass der Text eine gewisse Polemik enthält ist klar und ist, da gebe ich dir recht, wirklich meiner, man kann schon sagen Wut gegen diese Sendung geschuldet, da sie für mich, und dies ist nun vollkommen persönlich gewertet, das schlechteste ist, was ich je gesehen habe, es kommt für mich sogar noch vor DSDS, da letztere Show zumindest nicht vorgibt intelligent zu sein.

      15.05.2012, 18:16 von chrisbow
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    Tja...
    70er-Hipstertum ermöglicht es, 'trendy' zu sein. ohne sein inneres Gartenzaun-Spießertum aufgeben zu müssen.

    Deswegen ist das auch so in. Erfolg haben immer Produkte, die gegensätzliche Eigenschaften in Einklang zu bringen wissen.

    Was die Sendung angeht... Nie gesehen...

    Was die 'Kultur' angeht... Nun ja... Kultur ist ja keine Geschmacksfrage...

    15.05.2012, 13:38 von sailor
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    Ich fand das ganze sehr lustig

    15.05.2012, 13:09 von MisterGambit
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    Du guckst ein Sendung mit Charlotte Roach [sic!], die sich dem Helmut-Schmidt-Protestrauchen verschrieben hat. Was erwartest du? :)
    Die Gäste, die du hier aufzählst, tun ein Übriges, um Einschalten zu verhindern. Frage mich, wie die den Grünen da hin bekommen haben. Gab es nach der Sendung ein kostenloses Buffet?

    Aber immerhin: Dafür haben ARD und ZDF ja ihre Spartenkanäle, um solche Sachen auszuprobieren.

    15.05.2012, 12:56 von wordmage
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    Ich find solche Formate affig aber zieh dich doch mal an dem Rauchen nicht so hoch, meine Güte.

    15.05.2012, 12:54 von FrauKopf
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    Der wievielte Abgesang wäre denn das? Naja, hat es unterhaltungswert oder ist es einfach nur fad?

    15.05.2012, 12:07 von EliasRafael
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