Quo vadis, Öffentlich-Rechtliche?
Schlimm genug, dass man nachmittags nach einem anstrengenden Tag nicht mehr Fernsehen schauen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Ein grauenhaftes Gemisch aus flimmernden Bildern, schreienden Menschen, singenden Hasen, schlechtem Zeichentrick, grausig gespielten Angeklagten, dudelnder Popmusik, chancenlosen Jugendlichen und schamlosen Containermüll schreit einem neben lauten Rufen wie »Kauf mich!«, »Boah Ey!« und etwas Geheule auch gleich »Verdummung«, »Entsensibilisierung« und »Lass dich doch aufs Kreuz legen!« ins Gesicht.
Lange sind die Zeiten vorbei, in denen man von diesen seichten Unterhaltungsformaten noch profitieren konnte und sich an der Hirnlosigkeit mancher Menschen laben konnte. Lange sind die Zeiten vorbei, in denen man noch unbeschwert über die schlechte Schauspielkunst des mutmaßlichen Blutvergifters lachen konnte. Schon vor langem hat sich das bittere Gefühl der Fremdscham eingestellt, das einen immer öfter und eindringlicher fragt: In was für einer Medienwelt leben wir eigentlich? Scham, Ekel und ein schlechtes Gewissen beherrschen den vernunftbegabten Menschen nun vor dem Fernseher und treiben das Spiel mit den Nerven soweit, dass er manchmal die Pflicht spürt, eine Zeitung zu lesen oder Nachrichten zu gucken, wenn er sich vorher auch nur einen Moment auf die verlockend seichte Fernsehwelt eingelassen hat. Es ist ein Spiel mit dem Gewissen, ein etwas krankes, für das das Fernsehen immer wieder die Würfel wirft.
Schlimm genug also, dass hunderte private Sender eben keine Scham empfinden, die Menschen verdummen zu lassen und sie über den Tisch zu ziehen. Doch auch wer sich bisher auf die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verlassen hat, mag bald völlig sein Vertrauen in die deutsche Medienwelt verloren haben. Gewiss, die Öffentlich-Rechtlichen verlieren, gerade was die jugendliche Zielgruppe angeht, immer mehr Zuschauer, jedoch ist dies noch lange kein Grund Programmreformen durchzuführen, die auf kurz oder lang zu einem privatähnlichen reinen Unterhaltungsprinzip führen. Und doch scheinen ARD und ZDF seit kurzem den gleichen trendigen Berater zu haben wie Pro7 und Co. Und gemeint ist nicht Bruce Darnell - wobei, wieso eigentlich nicht?!
Heidi Klums Busenfreund ist mit seiner Show ein gutes Beispiel für die neuen Reformversuche der ARD. »Bruce Darnell will Frauen und Männer, die mit sich selber unzufrieden sind, zu gutem Aussehen und damit zu größerem Selbstbewusstsein und einem neuen Selbstverständnis verhelfen.« Gut für die Frauen und Männer, schlecht für die Zuschauer. Mit genügend dieser Shows werden wir schon von den Privaten überschüttet. Und unabhängig davon, ob man Bruce nun für einen sympathischen Gutmenschen oder eine gespielte Heulsuse hält, so liegt doch der Sendung kein anderer Gedanke zu Grunde als einer Sendung à la »Germany’s Next Topmodel«, nämlich die zunehmende Ästhetisierung der Lebenswelt.
Während es also so scheint, als ob die ARD sich nicht traute das »Topmodel«-Konzept zu kopieren und stattdessen versuchte mit dem Sympathieträger Bruce Darnell die Zuschauer für ihr »hässliches Entlein, schöner Schwan«-Märchen zu ködern, scheint es um das ZDF ganz schlecht bestellt zu sein. Das Zweite scheut nämlich in anscheinender Not nicht davor zurück, ganze Sendungsprinzipien zu kopieren und gibt sich mit dem neuen Format »Musical-Showstar 2008« nun auch dem Castingwahn hin und die Öffentlich- Rechtlichen steigen hiermit nach der Ästhetisierungsetappe die zweite Sprosse auf der Leiter zur Volksverdummung.
Man mag sich wundern, wie das ZDF so eindeutig das Konzept des SAT 1-Formats »Ich Tarzan, du Jane!« kopieren konnte, die großen Unterhaltungschefs der Fernsehanstalten mögen darüber diskutieren, wer dies Rad erfunden habe, einerlei bleibt allerdings: Castingshows wie diese, ob sich nun alles um den Gewinn einer Rolle als singender Rollschuhfahrer, johlender Lianenschwinger oder nur um den des kurzen nächsten Aufblitzens am Pophimmel dreht, erfüllen den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen höchstens in dem Punkt, dass vernunftbegabte Menschen lernen, dass sie ihre Kinder und Freunde davon abhalten sollten, jemals an einer solchen Show teilzunehmen, bevor diese Opfer des Gedankens werden: »Haben die Armen denn keine Freunde, die ihnen sagen, wie sehr sie sich zum Affen machen?«
Das ZDF kann noch so sehr die Rolle des Intellektuellen spielen: Zwischen den Prinzipien bei Castingshows für Musicalstars und Castingshows für Popmusiker herrscht kein geistiger Unterschied. Und auch eine Brille schafft aus einer rothaarigen Jurorin keine Gelehrte, einerlei also ob nun Anja Lukaseder (RTL) oder Katja Ebstein (ZDF) ihrer gigantesken Erfahrung auf dem Jurystuhl in dummen Kommentaren Nutzen verleihen.
Und was bleibt dem ZDF dann noch? Es widmet sich schließlich dem, was wir als einziges noch an den privaten Sendern schätzen, nämlich den großen Hollywoodfilmen. Schade nur, dass die Öffentlich-Rechtlichen von den großen Hollywoodfilmen nur die ganz kleinen wählen, so zum Beispiel »Catwoman«, der die Ehrung mit fünf goldenen Himbeeren verzeichnen darf. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich doch besser weiterhin darum kümmern, Qualitätscinematografie im Fernsehen zu zeigen und zur Erhöhung der so umringten Einschaltquoten dafür sorgen, dass hochwertige Filme wie zum Beispiel »Die Reise des jungen Che« nicht sonntags um 23 Uhr gezeigt werden.
An einem Tag, an dem Musicalstars und schlechte Fantasyaction à la »Hello Kitty« das Sendeprogramm der Öffentlich-Rechtlichen beherrschen, bekommt man das gleiche beklemmende Gefühl, wie an jedem Abend, an dem das »Musikantenstadl« seine Tore öffnet: Auch auf die Öffentlich-Rechtlichen wird bald in der deutschen Fernsehwelt nicht mehr zu zählen sein. Es bleibt nur die Frage, ab wann unsere Rundfunkgebühren ermöglichen, dass Politiker bei Kerner und Beckmann auf Brautschau gehen und Herr Schäubles Überwachungsstaat live unter dem Namen »Big Schäuble« auf ARD und ZDF auf Sendung gehen kann.



Kommentare
Bis vor einiger zeit habe ich es meinen eltern noch zum vorwurf gemacht, dass wir keine privatsender empfangen. vor einiger zeit kam dann der wandel, auch wenn ich das noch nicht offen vor ihnen zugebe ;)
07.05.2009, 18:03 von schokocrispIch gebe zu, dass ich (eben weil ich es so selten zu sehen bekomme) ab und zu mal an der einen oder anderen Blödsinn-sendung hängen bleibe, wenn ich nicht vor unserem eigenen fernseher sitze.
Was mich auch erschreckt ist die tatsache, dass ich öfters mitbekomme wie sich mehrere Menschen doch tatsächlich 'ne recht lange zeit über eine FERNSEHSENDUNG unterhalten! (Ansich nichts schlechtes, sicher nicht... meist sind es nur eben gerade die sendungen, die einen faszinieren aufgrund ihres stumpsinnes...)
Liebe grüße
Schön klar ausgedrückt, ohne einem plump beleidigenden Wahn zu verfallen (was bei dem Thema sehr schwierig ist, wie ich finde). Kann auch die Meinung nur absolut bestätigen.
04.12.2008, 11:48 von MadActorLeider ist das Thema immer noch Topaktuell.
Danke.
Da sag ich nur: zum Glück gibt es ja noch Phönix, 3sat und arte - auf arte kommt übrigends die reise des jungen che schon um 21.00 ...
26.04.2008, 19:11 von gruensdie Privaten bringen ihren ganzen Mist aber ja auch nur, weil die Zielgruppe (14-49 Jahre) so geil auf den Schrott ist.
quo vadis ÖR ? geradewegs in ein schwarzes Loch, denn die Zielgruppe bleibt den Privaten treu, egal wie sehr sich ARD, ZDF und Co um billige Kopieformate irgendwelcher Schrottsendungen bemühen (siehe "Bruce" und dieses seltsame Musical-Casting).
Genau aus diesen Gründen habe ich mir DVBT geholt. Damit empfängt man NUR die ÖR. Und das tolle dabei ist, dass man sich vor'n Fernseher hauen kann und nicht verblödet, ja sogar noch was dabei lernt! Hätte ich die Privaten, würde es mich eher reizen diese auch zu schauen und ich würde beim Zappen eher auf Pro7 oder MTV hängen bleiben als auf den ÖR. Kommt natürlich auch drauf an was kommt und mich interessiert. Man weiß garnicht was man für schöne Dinge verpasst wenn man die weniger bunten Sendungen des ÖR überspringt und das leichte Futter der Privaten bevorzugt. Deswegen find ich DVBT ne tolle Sache. Macht nicht blöd und bietet dennoch gute Unterhaltung! Und wenn gerade überall nur uninteressante Sachen laufen oder die Nachrichten, die man schon früh im Radio gehört hat, dann schaltet man aus und hat Zeit für die wichtigeren Dinge.
18.04.2008, 10:27 von FABzzzIch finde es traurig, wie manche Menschen die Leere und Langeweile in ihrem eigenen Leben mit den Inhalten des Fernsehens füllen möchten. Ich erlebe es jeden Donnerstag in der Schule, wie sich über die neueste Folge von Greys Anatomy unterhalten wird. Gibt es denn nichts Wichtigeres?
17.04.2008, 20:48 von _nela_Starker Text, sehr aussagekräftig und leider wahr!
Netter Text! Toll geschrieben und absolut nachvollziehbar für mich. Aber dennoch ist das deine (und z.T. auch meine) ganz subjektive Meinung, die wohl nicht auf das Groß der Gesellschaft übertragbar ist. Mann muss hier differenzieren: ÖR Rundfunk soll nicht nur eine Elite bedienen, sondern durchaus auch Frau Meier von nebenan, auch Unterhaltung gehört zum Programmauftrag der ÖR. Wie viele Millionen alter Leute ziehen sich mit Gusto Silbereisen und Co. rein? Ohne den ÖR wäre sowas im TV nicht zu sehen, da diese Menschen aufgrund ihres Alters für die Werbung uninteressant sind - Oma und Opa würden also am Samstagabend dumm aus der Wäsche schauen. Es ist eben ein schwieriger Spagat zwischen Quote und Qualität - bei Bruce Darnell ist leider beides in die Hose gegangen...
15.04.2008, 09:15 von der_bertltja, dieses thema wird wohl auch noch in 200 Jahren diskutiert werden. und natürlich hast du völlig recht, mit deiner beschwerde.
14.04.2008, 10:33 von LoanaAllerdings zur info: die privaten sender in deutschland haben ihre existensberechtigung nur unter der bedingung, dass es das öffentlich-rechtliche fernsehen mit seinem bildungsauftrag gibt.
das heißt: offiziell laufen wir keine gefahr, dass irgendwann alles nur noch auf rtl2-niveau herumkrebst. nur die frage, wann der bildungsauftrag der öfftl.-rechtl. erfüllt ist, bleibt offen...
Super Text!
13.04.2008, 17:22 von CakesDu schreibst genau das, was ich mir seit einiger Zeit denke....
liebe Grüße
es ist doch heute so, die nachfrage bestimmt das angebot!
13.04.2008, 01:13 von lenibobsolange es die menschen da draußen gibt, die diese richtersendungen und bruce darnells sehen wollen müssen wir sie auch ertragen!
fakt ist für mich aber auch, das die ör keine eigenen guten ideen mehr haben oder warum laufen die sarah kuttners und charlotte roches ohne eigenes format durch die fernsehlandschaft und eine hohlbirne wie oliver pocher sitzt plötzlich neben harald schmidt?
selbst der nachrichten wegen brauch ich die ör nicht mehr, die bekomm ich online schneller und frischer!
mich stört der müll der privaten nicht, der, der ör schon, denn den muß ich auch noch bezahlen!
toller text, regt zum nachdenken an***
lg
@lenibob ''es ist doch heute so, die nachfrage bestimmt das angebot.
13.04.2008, 18:21 von NeonBlondsolange es die menschen da draußen gibt, die diese richtersendungen und bruce darnells sehen wollen müssen wir sie auch ertragen.''
unsinn. niemand wünscht sich diese sendungen, aber sie laufen. deshalb werden sie angesehen. es kommt ja nichts anderes. wenn man die leute mal fragen würde.
@NeonBlond danke für's zitieren!
13.04.2008, 22:50 von lenibobhaste fein gemacht...
ok...vll hast du recht, man könnte auch drüber streiten, bringt aber nix!
angesehen werden sie trotzdem, so oder so!also werden sie auch weiterhin ausgestrahlt!
is aber auch egal, ich muß es ja nicht bezahlen!