Katzi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 0

Mainstream vs Queer

Können Machos weinen? Darf es die Süße mit dem Rehaugenaufschlag zu weit treiben? Und das auf der Leinand?!

Als New Queer Cinema bezeichnet man die Welle an Filmen, die bei Filmfestivals Anfang der 90er Jahre Aufmerksamkeit erregte und Anerkennung fand. Vor diesem Zeitraum galten Filme mit Queer-Thematik als unscheinbare, unwichtige Produktionen. Danach bestanden sie als radikal und populär, stilsicher und wirtschaftlich rentabel.
Diese Filme haben alle eines gemeinsam: Verweigerung, Zorn und die Energie gegen alteingesessene Vorstellungen und Vorurteile. Sie sind alle energiegeladen und respektlos.
Gegen die festen Regeln der westlichen Populärkultur schenken diese Filme Randgruppen ihre Aufmerksamkeit. Als diese können hier die Lesben- und Schwulen-Gemeinde und auch Untergruppen wie z.B. schwarze homosexuelle Männer (wie z.B. in Marlon Rigg’s „Tongues United“, 1990), männliche Prostituierte (Gus Van Sant’s „My Own Private Idaho“, 1991) und homosexuelle und transsexuelle lateinamerikanische Jugendliche (in Jennie Livingston’s „Paris is Burning“, 1990) angesehen werden.
Die Filme entschuldigen sich nicht für die Fehler der Charaktere und auch nicht für deren Verbrechen. Einige dieser Filme verschönern sogar diese Verbrechen und die (homo)erotische Gewalt, wie „Swoon“, „The Living End“ und „Poison“.
Die Filme kämpfen gegen die Verherrlichung der Vergangenheit an. „Edward II“, „The Hours and Times“ und „Swoon“ beschäftigen sich mit Beziehungen in der Geschichte, die sonst oft verschwiegen oder verändert dargestellt wurden. Wie unter anderem in Hitchcock’s „Rope“ aus dem Jahr 1948, der den Leopold und Loeb Fall aufarbeitete, die homosexuelle Beziehungen zwischen den Hauptdarstellern aber allenfalls andeutete. In „Swoon“, der sich auch um diesen Fall dreht, wird sogar ein Dialog zwischen den beiden Hauptdarstellern gezeigt, der dem Film „Rear Wondow“ von Hitchcock entnommen ist, um an diesen Bezug zu erinnern.
Die Filme verweigern die üblichen Konventionen ebenfalls, wenn es um das Filmemachen geht. In John Greyson’s „Zero Patience“ (1993) z.B. trifft die AIDS-Thematik auf das Genre Musical.
Die Filme verweigern den Tod und untersagen sich dessen ernüchternden Effekt, wie z.B. in „Swoon“ und „The Living End“. AIDS spielt eine wichtige Rolle im NQC. Jedoch wird AIDS nicht als Urteil vernommen. In „Zero Patience“ z.B. kommt es zur Auferstehung des ersten Opfers.

„Queer“ war anfangs ein abwertendes Wort für „nicht hetero“. Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre wurde es von den „angesprochenen“ Personen selbst übernommen, ähnlich der Übernahme des Wortes „Nigger“ von schwarzen Aktivisten in den 60er Jahren.
Die Hauptaufgabe von Queer ist die Vereinigung verschiedener Formen von nicht geradliniger Identität. Queer verkörpert den Widerstand gegen die üblichen Codes sexuellen Ausdrucks. Dies beinhaltet nicht nur das Bild vom maskulinen Mann und der femininen Frau, sondern auch die einschränkende Vorstellung von Homosexualität – Frauen nur mit Frauen und Männer nur mit Männern. Queer meint vielmehr einen andauernd fließenden Zustand der Identität, wobei früher damit ein festgelegter Zustand gemeint war. Es geht um die Nicht-Festlegung, die im Mainstream in Form von „Lesben-Chic“ ihren Raum findet oder auch in Filmen wie z.B. Nicholas Hytner’s „The Object of My Affection“ (1998).
Queer kann als kritischer Eingriff, kulturelles Produkt und als politische Strategie verstanden werden, NQC als Kunstform im Gebiet der Überschneidung dieser drei.

NQC ist mit AIDS stark verbunden und kann nicht davon getrennt betrachtet werden. „Paris is Burning“ beschäftigte sich zwar hauptsächlich mit anderen Themen, wie Rasse, Queerness und Armut, genauer betrachtet kann man aber auch Aids als einen Gegenstand dieses Films betrachten. Auch in „My Own Private Idaho“ und „Edward II“ wird AIDS behandelt.
Menschen, die als queer gelten, werden oft als typische AIDS-Aktivisten angesehen. Wenn eine weiße lesbische Frau sich für die Gesundheitsbehandlung HIV-infizierter schwarzer Mütter einsetzt oder eine heterosexuelle Frau für die gerechte Behandlung eines homosexuellen männlichen Freundes kämpft, kann man die Cross-Identifikation erkennen, um die es sich auch im NQC dreht. So gesehen ist AIDS-Aktivismus automatisch auch queer.

Queer-Kritiker in der homophoben Gesellschaft genauso zu finden wie in der „klassischen“ Homosexuellen-Gesellschaft. Queer stellt sich gegen beide dieser Kulturen und hat in beiden ihre stärksten Kritiker.

NQC war immer ein bestrittenes Genre, es wurde wegen seiner Exklusivität und dem immerwährenden Optimismus verurteilt.
Das Schlimmste für NQC war wohl, dass der Optimismus, der Anfang der 90er Jahre entstand, nie wirklich Erfüllung gefunden hat. Zwar wurden die Filme damals im Untergrund hoch gelobt und die Anzahl der Produktionen und der Zuseher stieg, jedoch konnten die hohen Erwartungen nicht aufgelöst werden. Mainstream und NQC haben sich zu dieser Zeit zu sehr gegenseitig missachtet und misstraut, um eine beiderseits idealistisch und wirtschaftlich erfolgreichere Koexistenz zu schaffen.
Einer der größten Erfolge im Sinne des NQC war „Boys Don’t Cry“. Der Film bekam viele Auszeichnungen, die man als Wiedergutmachungs-Versuch für das NQC ansehen kann. Dieser Film löste ein ausgeprägteres Bewusstsein für das Queer-Publikum aus, bewirkte aber auch finanzielle Unterstützungen von „oben“. Eine nicht nur oberflächliche Veränderung hatte stattgefunden.

In Hollywood wurden Queer-Thematik und Queer-Charaktere immer öfter akzeptiert. Keine schwachen, verzweifelten Männer mehr auf der Leinwand, sondern sexy Charaktere (z.B. „My best Friend’s Wedding“, „In & Out“). Nicht mehr ausschließlich kurzhaarige, männlich wirkende Frauen, sondern auch solche, die durch gutes Aussehen und Kraft bestachen (z.B. „Basic Instinct“, „Bound“).
In „As Good as it Gets“ zeigt die Rolle des homosexuellen Nachbars einen Mann, der dem homophoben Hauptdarsteller einiges voraus ist und diesem sogar zu seiner Weiterentwicklung verhilft.
„In & Out“ zeigt für den Mainstream typische homosexuelle Verhaltensmuster, wie z.B. ausgeprägtes Gestikulieren, Tanzen und eine Vorliebe für Musicals. Die Rolle, die von Kevin Kline gespielt wird, besitzt diese Charakterzüge. Im Gegensatz dazu sind sie bei Tom Selleck’s Rolle nicht zu finden, obwohl dieser sich seiner Homosexualität bewusst ist.
Einige Filme dieser Zeit könnte man als Queer-Experiment-Filme bezeichnen, u.a. „Chasing Amy“, „The Object of my Affection“ und „The Next Best Thing“. Es handelt sich dabei um Filme, in denen Charaktere ihre Sexualität erforschen.

Auch Filme, die nicht aus Hollywood stammen, zeigen Queer-Einfluss, wie eine Reihe an Filmen über lesbische Killer-Pärchen aus der Mitte der 90er Jahre. Diese Gruppe von Art House Filmen zeigt deutlich die Verwendung und Verbreitung der Queer Thematik.
„Sister my Sister“ und „Heavenly Creatures“ z.B. beschäftigten sich mit den gleichen Fragen wie NQC, hauptsächlich war das die Verneinung des positiven Images. Sie zeigten Charaktere, die gleichermaßen innovativ, bezwingend und stilvoll sind. Diese Gruppe bestätigt, dass Queer-Filme nicht die hauptsächliche Herkunft der Queer Filmemacher sind. Vielleicht, und hoffentlich, bedeutet dies auch, dass heterosexuell ausgerichtete Filme nicht die Quelle der dazugehörigen Filmemacher sind.

Der Erfolg von NQC hatte auch zur Folge, dass heterosexuelle Schauspieler öfter homosexuelle Rollen übernahmen. Aber auch umgekehrt ging das Konzept auf, zu sehen am Beispiel Rupert Everett, der in „An Ideal Husband“ und „The Importance of being Earnest“ heterosexuelle Männer spielt.

Den Einfluss von Queer auf die westliche Kultur erkennt man an den Produktionen genauso gut wie an deren Theoretisierung. Dazu kommt die starke Vermehrung der Queer Filmtheorie, die sich in 3 Level auswirkt: Erstens als Erklärung von Queer-Image und –Regisseuren als Bereitstellung eines Fokus für Kino-Schüler unter dem wachsenden Publikums. Zweitens als Wiederbeanspruchung klassischer Texte, sozusagen eine Queer-Retrospektive der Filmgeschichte. Und drittens als Diskussion des Queer-Publikums.

Kommerzielles Kino verleugnete Queerness nicht mehr, aber schränkte deren Einfluss dennoch ein, um sie im Hintergrund zu halten. Der bisherige Zustand sollte nicht deutlich verändert werden. Nach wie vor zeichnet sich Mainstream-Unterhaltung durch solches Verhalten aus.

Introducing:
Homosexualität - NEW QUEER CINEMA.
A Critical Reader. Ed. by Michele Aaron. Edinburgh 2004

2 Antworten

Kommentare

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    Na pfuh...! Du hast dir ja für deinen ersten Artikel bei Neon gleich ein Mords Thema ausgesucht! Nicht ohne! Eine ausführliche Kritik gibts demnächst in realiter! Hasta los Lockerl! Luxxx

    18.04.2005, 16:45 von Luxxx
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    reschpekt.

    10.04.2005, 14:29 von nunu
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