init-admin 16.01.2009, 12:54 Uhr 0 0

"Je fetter, desto besser"

Der lustigste Mann der Welt heißt RICKY GERVAIS. Der Brite ist Hauptdarsteller und Erfinder von »The Office«, dem Vorbild für »Stromberg«. NEON erklärt er, warum Humor für ihn vor allem Notwehr ist. Dabei nimmt er den Mund ganz schön voll.

.Schmeckt?s?
Geht so. Die Pommes sind kalt, und der Hamburger kaut sich wie feuchte Pappe. Wollen Sie was ab?

Nein, danke. Sie essen gerne Fastfood?
Sehen Sie diesen Bauch? Ich liebe das Zeug!

Dabei könnten Sie sich ein Dinner im Fünfsternerestaurant leisten.
Ich schaue lieber zu Hause fern oder gehe mit Freunden ins Pub.

Müssen Sie das jetzt sagen, weil Sie aus der Arbeiterklasse stammen?
Das Erste, was ich in meiner neuen Wohnung in New York aufgestellt habe, war ein Flachbildfernseher. Ich kann meine Wurzeln nicht verleugnen.

Sie waren bereits vierzig, als Sie mit »The Office« berühmt wurden. Sie schrieben das Drehbuch, führten Regie - und spielten die Hauptrolle. »The Office« wurde eine der erfolgreichsten britischen Comedyserien aller Zeiten, obwohl Sie noch nie fürs Fernsehen gearbeitet hatten.
Und jetzt wollen Sie wissen, wie ich das hingekriegt habe. Neulich sprach ich vor dreihundert Schauspielern, denen ich nur eine interessante Beobachtung bieten konnte: Meine humoristische Begabung wuchs parallel mit Gewicht und Alter. Anders gesagt: Je fetter ich wurde, desto komischer wurde ich auch.

Und der Faktor Alter bedeutet, dass Humor Lebenserfahrung braucht?
Unbedingt! Ich habe Mitleid mit Kindern von reichen Eltern. Wie sollen die das Kämpfen lernen? Ich könnte nicht über Menschen lachen, die so smart und sexy sind wie Brad Pitt. Komik entsteht für mich aus Notwehr gegenüber dem Leben. Sie muss Mitgefühl auslösen, denn darum dreht sich alles im Leben: eine Verbindung herstellen. Meine Helden sind »Dick und Doof«. Sie richten ein Riesenchaos an - und trotzdem möchte ich sie ständig in den Arm nehmen.

Welche Bedeutung hatte Humor in Ihrer Kindheit?
Er war mein Survival-Kit. Ich war der Jüngste und musste mich gegen zwei Brüder und eine Schwester durchsetzen. Mein Vater war ein wortkarger Handwerker, der um fünf Uhr morgens aufstand, eine Tasse Tee trank und dann von einem anderen Handwerker abgeholt wurde. Er sagte drei Sätze pro Tag - die aber waren Volltreffer. Wir wohnten zu fünft in einer Dreizimmerwohnung in Reading, der hässlichsten Stadt Englands. Wir hatten zwei Möglichkeiten: Entweder würden wir uns die Köpfe einschlagen oder wir würden das Leben nicht ernst nehmen. Ich bin froh, dass es auf Letzteres hinausgelaufen ist.

Wodurch zeichnet sich der Humor der Gervais- Sippe aus?
Vor neun Jahren starb meine Mutter an Krebs. Meine Brüder und ich hatten vor der Beisetzung ein Gespräch mit dem Priester. Er fragte, was für ein Mensch sie gewesen sei. Mein Bruder Larry sagte ganz trocken: »Sie war eine beinharte Rassistin.« Der Priester wurde bleich und sagte, das könne er doch nicht erzählen! Darauf erwiderte mein Bruder: »Okay, sie mochte auch Gartenarbeit.«

Bei Ihrer Herkunft: Schämen Sie sich für Ihren Reichtum?
Manchmal, ja. Mein Vater hätte solche Summen nicht in zehn Leben erarbeiten können. Ich habe alle Rechte an »The Office«. Die Show läuft in einem halben Dutzend Ländern. Von Frankreich bis Brasilien. Nur die Deutschen wollen nicht bezahlen. Die haben das Format einfach geklaut. Seltsam. Es ist eigentlich nicht die Art der Deutschen, sich etwas zu nehmen, was ihnen nicht gehört.

Kennen Sie die Parodie »Obersalzberg«?
Nein.

Die deutschen Komiker von »Switch« beobachten den Alltag eines besonderen Chefs: Hitler.
Oh, mein Gott. Ist das komisch?

Sogar saukomisch.
Dann schau ich mir das auf YouTube an. In der Mittagspause über Hitler lachen - das hatte ich lange nicht mehr.

Sie haben lukrative Angebote als Schauspieler abgelehnt, etwa für »The Da Vinci Code« und »Piraten der Karibik«. Jetzt spielen Sie einen Zahnarzt, der nach einer Operation Geister sehen kann. Wie kam es dazu?
Es war das beste Drehbuch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich bekomme so viel Schrott angeboten. Einmal sollte ich den Zwillingsbruder von Will Smith spielen. Nein, »Wen die Geister lieben« versprüht den Charme alter Hollywoodstreifen wie »Das Appartement«.

Haben Sie Angst, als romantischer Held durchzufallen?
Ach, wenn dich alle mögen, liebt dich keiner. Es wäre furchtbar, wenn den Film jeder gut fände. Mochten Sie ihn denn?

Als Arschloch in »The Office« fand ich Sie besser.
Meine Freundin Jane sieht das anders.

Sie wollten auch mal Popstar werden. Sie waren Sänger der New-Wave-Gruppe »Seona Dancing«. 1983 schafften Sie es immerhin in die britischen Charts.
Auf Platz achtzig. Ich habe die Musik mal David Bowie vorgespielt. Wir saßen in seinem Wohnzimmer. Er schaute die ganze Zeit auf den Boden. Als das Lied zu Ende war, sagte er: »Ricky, ist nicht schlimm. Dafür bist du ja immerhin komisch.«


»Wen die Geister lieben« (Originaltitel: »Ghost Town«). Start: 29. Januar. Mit Ricky Gervais, Téa Leoni, Greg Kinnear. Regie: David Koepp

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