nicole 28.05.2004, 01:15 Uhr 1 0

Imagine IMAGINE

Von bösen Rock'n'Roll-Witwen, Lennonisten und friedensstiftenden Strampelhosen ...

Die Türme des World Trade Centers krachen in sich zusammen, zwischen den bekannten Bildern sehen wir Neo-Hippies durch den Central Park, um das Imagine-Mosaik wackeln, hüpfen und ein Liedlein trällern: "Imagine all the people living life in peace ..." Fast schon unverschämt, wenn wir parallel dazu sehen, wie sich todgeweihte WTC-Insassen aus purer Verzweiflung in die Tiefe stürzen. Imagine hören wir nun seit einer geschlagenen halben Stunde in Endlosschleife. Marc Deckerts Annahme, Rock'n'Roll-Witwen wie Yoko Ono würden in ihrer Freizeit bestimmt niedliche Katzenbabys ermorden, scheint gar nicht so abwegig. Das Erbe ihres Göttergatten wird zumindest ausgeschlachtet, wo es nur geht: "Ich nutze jedes Medium um das, woran wir glaubten, zu verbreiten."

Jetzt also eine neue Dokumentation, die dem Faszinosum Imagine auf den Grund gehen möchte. Wir sehen Strampelhosen, auf die Sonnen, Bälle und der Schriftzug Imagine aufgedruckt sind. Auch Kleinkinder würden die positive Botschaft spüren, erklärt Lisa Parkhill, Geschäftsführerin von MAM UK, die im Sinne von Yoko Ono arbeitet. Ein ehemaliger Säufer erzählt, wie seine Leber durch Imagine gerettet wurde, ein Georgier freut sich, vom Leninisten zum Lennonisten geworden zu sein, es folgt ein herrliches, blamables Live-Fernsehinterview von Tony Blair – mit einem auffällig roten Doppeldecker-Bus mit Aufschrift "No war on Irak" im Hintergrund, dazwischen "exklusives Videomaterial" von John und Yoko, in dem es nicht nur Liebeserklärungen hagelt, sondern Lennon auch seine Muse als Co-Autorin von Imagine angibt.

Das John Lennon-Museum in Japan, die Planung einer Lennon-Statue an einer Kreuzung in Tiflis, der "John Lennon Airport" in Liverpool mit überlebensgroßer Lennon-Statue und dem zitierenden Werbeslogan des Flughafens – "Above us only sky": Die Hysterie um die Jahrzehnte lang derart große Wellen schlagende, utopische Friedens- und Hoffnungshymne ist grotesk. Oder wie Robert Elms, Radio-Journalist in London, über Imagine wettert: "Es ist kitschig. Es ist sentimental. ... Dieser Song verdient den Status, den er hat, einfach nicht."
Diesen bizarren Status versucht Wilfrid Mellers, Professor für Musik a.d. der Universität von York, zu fassen: "Es hat viel Ähnlichkeit mit einem Wiegenlied, wegen des schaukelnden Rhythmus, der absolut regelmäßig ist. Wiegenlieder machen kleine und sogar große Kinder schläfrig. Wenn man schläft, vergisst man und man kann Dinge bewältigen, die unmöglich zu sein scheinen." – Die Rettung der Welt erfolgt einschläfernderweise.

Dass Regisseur Frederick Baker auf ein Archäologie-Studium zurück blickt, verwundert keinen Moment. Denn der irrsinnigen Wellenbewegung, die Imagine ausgelöst hat, geht er mit seiner Dokumentation facettenreich auf den Grund. Ähnlich wie bei Ausgrabungen schabt er nach sämtlichen Schichten, die er offen legt, kombiniert, konstruiert, zu analysieren weiß. Erfrischend ironisch und frech, doch auch ernsthaft – was für Weltfriedenillusionen, Analysten, Fakten und Emotionen, "Gegner" und Anhänger, Nobelpreisträger, Journalisten und die Ansichten der wohl bekanntesten Konzept-Künstlerin der Welt gleichermaßen gilt – und eine ausgeglichene Mischung ergibt.

Wie sich die Textzeile "Imagine no posession" mit John Lennons Hab und Gut vertrug – wenn nicht einmal der millionenschwere Friedens-Prediger selbst auf seine Güter verzichtete, wird etwa Sandra Quale, Kuratorin von "The Beatles Story" in Liverpool gefragt. Auf diese Frage war sie nicht vorbereitet. Sie stammelt vor laufender Kamera, verhaspelt sich in ihren Bemühungen, sucht nach einer brillanten Antwort, findet jedoch keine. Ob man die Kamera nicht kurz abstellen könne, fragt sie. Später folgt ihre wohlüberlegte Antwort, überzeugend vorgetragen: Natürlich repräsentiere dies die Widerprüchlichkeit, die John Lennon ganz bewusst lebte, die Widersprüche als Essenz, strahlt Miss Quale und ahnt nicht, dass ihr vorangegangenes Gestammel ebenfalls in Imagine IMAGINE landen wird.

Imagine IMAGINE ist streckenweise höchst unterhaltsam, informativ und beleuchtet die Friedenshymne von einer völlig anderen Perspektive. Eine hypnotisierende, 90 Minuten lange Imagine-Endlosschleife therapeutischen Ausmaßes – mit einzelnen eingestreuten Strawberry Fields Forever – muss man jedoch erst einmal ertragen können.


Imagine IMAGINE
GB/A 2004. Regie: Frederick Baker.
Verleih: Polyfilm. 90 Min.
Filmstart in Ö: 4. 6. 2004





10 Fakten über Imagine

Imagine wird weltweit immer wieder zum beliebtesten Lied aller Zeiten gewählt.

Die Inspiration zu
Imagine lieferte Yoko Onos Gedicht "Drinking Piece for Orchestra" aus dem Jahr 1963. Viele Jahre nach der Veröffentlichung des Songs gab John Lennon zu, dass Imagine eigentlich ein Lennon-Ono-Song ist.

Das Lied entstand größtenteils im Haus von John und Yoko in Tittenhurst Park in Südengland. Es steht im Londoner Museum Madam Tussauds und hat einen Versicherungswert von 1,5 Millionen Pfund.

Das Mikrofon, das bei den Tonaufnahmen zu
Imagine verwendet wurde, ist in einer Kunstgalerie in Hawaii ausgestellt. Es ist unverkäuflich.

Imagine ist der Titel-Track auf John Lennons drittem Album, das er gemeinsam mit Yoko Ono produzierte. Die Coverfotos und die Idee zur Covergestaltung stammen von ihr. Auf dem Cover ist Lennon vor einem Wolken-Himmel zu sehen, sowie eine Zeile aus einem von Yoko Onos Gedichten.

In der Woche nach John Lennons Tod war
Imagine in Amerika und Großbritannien Nummer eins in den Hitparaden.

32.000 Menschen haben eine Internet-Petition unterschrieben, mit deren Hilfe an John Lennons 65. Geburtstag am 9. Oktober 2005 ein "Imagine day" durchgesetzt werden soll. An diesem Tag sollen die großen Radiosender in jeder Zeitone um 12 Uhr mittags
Imagine spielen.

Imagine ist das Lieblingslied von Ozzy Osbourne.
John Lennon war eins Ozzy Osbournes Vorbild.

Amnesty International setzt
Imagine weltweit als Promotion-Lied ein.

1 Antworten

Kommentare

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    Der ganze John Lennon- Kult ist wirklich wahnsinnig. Wie bei vielen verstorbenen Berühmtheiten. Die Tragik des Todes von John Lennon verstärkt diesen Aspekt sicher noch.

    Und doch ist und bleibt "Imagine" für mich einer der Songs überhaupt. Was ändert der ganze Kult daran, daß John Lennon ein begnadeter Musiker udn Künstler war? und immer wieder setzte er sich für den Frieden ein und bleibt damit aktuell wie eh und jeh. Über die Rolle Yoko Onos wird viel erzählt, behauptet und spekuliert.
    John Lennon ist für mich einfach der Musiker aus Liverpool und wenn andere ihn zum Halbgott umfunktionieren sollen sie doch. Ich denke es gibt Schlimmeres udn vor allem schlimmere verehrte Halbgottmusiker ;-)
    Katja

    28.05.2004, 18:20 von DyingFly1
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