Patrick_Bauer 16.08.2007, 11:29 Uhr 0 4

"Ich jammer nicht"

Vom Teeniestar zum Charakterdarsteller: Wir haben TOM SCHILLING in seiner Heimat Berlin getroffen und erfahren, dass er mittlerweile Vater ist.

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Tom, reden wir über Anzüge.
Fein. Heute trage ich einen Dreiteiler. Der perfekte Anzug hat drei Teile.

Könnte jetzt auch Nick Cave sagen.
Tatsächlich war Cave immer ein Vorbild. Der Überkünstler. Er beweist, dass Anzüge die beste und zeitloseste Art sind, sich zu kleiden. Man widersteht der Versuchung, Modebewegungen zu folgen, für die man sich später schämt.

Wie viele Anzüge besitzt du?
Hm, zwölf? Genug, um täglich zu wechseln. Auf Partys werde ich entweder dafür angemacht, wie ein Versicherungsazubi rumzulaufen, oder als Pseudodandy beschimpft.

Ende der 1960er Jahre, zu der Zeit, in der dein neuer Film »Pornorama« spielt, war ein Anzug noch ein Bekenntnis zum Establishment.
Und heute ist er eine Provokation. So ändern sich die Feindbilder. Passenderweise spiele ich einen jungen Polizeianwärter …

… der sich bei einer Observierung in ein Kommunenmädchen verknallt.
Und so ein Doppelleben zwischen sexueller Befreiung und spießigem Alltag führen muss. Gleichzeitig dreht er mit seinem Bruder einen Softporno à la »Schulmädchen- Report«. Damals waren solche Streifen skandalös, heute wären sie zu langweilig für Youporn. Das war die Lektion aus meiner Vorbereitung auf »Pornorama«: Ich höre noch die Musik der damaligen Jugend. Aber mehr verbindet uns nicht.

In »Verschwende deine Jugend« warst du bereits ein Banklehrling, der vom Punk begeistert wird. Zieht dich selbst auch das Radikale an?
Nö, echt nicht. Ich bin glücklich mit meinem braven Leben. Ich bewundere zwar Leute, die einen riesigen künstlerischen Output haben, aber dafür muss man nicht im schwarzen Block mitmarschieren. Wobei der mich fasziniert hat. In der Boulevardpresse sind das Chaoten, dabei funktionieren die diszipliniert wie eine römische Legion.

Die Globalisierungskritik hat dich bewegt?
Letztlich hatte ich leider das Gefühl, der durchschnittliche G8-Aktivist ist ein 19-jähriger Lehrersohn auf der Suche nach Abenteuer. Scheint mir mehr politischer Trend als politische Bewegung zu sein. Das Generationenschicksal …

Du warst in deinem jungen Leben schon Gruftie, Punker und Skater.
Punker nur kurz. Und Gruftie nur halbherzig. Mit dreizehn habe ich mich halt als Satanist verstanden. Abgepudert. Haare schwarz gefärbt. Blut getrunken. In der Kirche geschlafen. Und bin dann am nächsten Tag zum Konfirmationsunterricht gegangen. Das meine ich: Unsere Generation hat es schwer mit der Zugehörigkeit. Bei mir wechselte das halbjährlich.

Du bist hier in Berlin-Mitte aufgewachsen. Ein Kind der DDR.
Verrückt, dass ich in einem anderen Land geboren wurde, vergesse ich oft. Ich habe nur ein halbes Jahr lang nach der Einschulung eine Idee davon bekommen, wie es in der DDR zuging. Als Jungpionier. Appell und Stillstehen, sozialistische Ansprachen und danach eins hinter die Löffel. Ich erinnere mich auch, dass mein Kindergarten direkt an der Grenze lag. Vor einer hohen Mauer. Das hat mich nicht gestört, mit fünf Jahren ist dir dein Viertel groß genug.

Noch heute wohnst du in deinem Viertel.
Aber ich bin mit achtzehn von zu Hause ausgezogen. Das konnte ich mir durch das Schauspielern schon während der Schulzeit leisten. Das war sehr befreiend, weil ich mich mit meinen Eltern nicht gut verstanden habe. Spätpubertäre Phase. So - bald man getrennte Wohnungen hat, das gilt für jede Beziehung, funktioniert dann alles besser, weil man sich nur sieht, wenn man sich auch sehen möchte.

Das gilt auch für deine Freundin und dich?
Ähm, ja …

Obwohl ihr seit letztem Jahr Eltern seid …
Ähm, ja … Wir sind mit unserem Sohn natürlich meist gemeinsam in einer der beiden Wohnungen. Verdammt, reden wir jetzt darüber?

Kaum jemand hat mitgekriegt, dass du Vater geworden bist.
Verschweige ich eben. Andererseits beschäftigt mich gerade nichts mehr als mein Sohn.

Wie läuft es denn so?
Super. Ich habe gelernt: Man schafft alles irgendwie. Und ich habe ein neues Gefühl kennen gelernt: die Liebe für das eigene Kind. Eine unbändige und absurde Liebe, denn man kennt diesen Menschen bisher gar nicht. Letztens im Supermarkt, da fuhr so ein Proll mit seinem Einkaufswagen gegen meinen, in dem mein Sohn saß. Ich bin ein friedlicher Mensch, habe bisher nur selber auf die Fresse bekommen. Aber da war ich kurz davor, dem eine reinzuhauen. Das ist doch schön.

Warst du bei der Geburt dabei?
Allerdings. Als ich »Narziss und Goldmund« von Hermann Hesse gelesen habe, verstand ich nie, was er mit dieser »Urmutter« meint. Bis ich im Kreißsaal die Schreie der Frauen hörte. Zwischen Schmerz und Ekstase. Aus eins und eins wird eins. Wahnsinn! Das begreife ich immer noch nicht. Wir gehen ins Krankenhaus und kommen zu dritt wieder raus.

Es heißt immer, nach dieser Erfahrung sehe man das eigene Leben viel gelassener. Also?
Ich dachte auch, vielleicht mache ich mich jetzt beim Drehen nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit verrückt. Denkste! Klar ist aber: Früher hatte ich Probleme, mich zwischen Kalbshaxe und Schnitzel zu entscheiden – und stehe plötzlich vor der Entschei dung: Kind oder Abtreibung. Ich habe mich schwergetan. Und bin froh, dass wir es gewagt haben.

Und als Schauspieler?
Du hast mal gesagt, du sehnst dich danach anzukommen. Ich hinterfrage jedenfalls nicht mehr alles, was ich mache. Weil die Fahrer am Set aufgehört haben zu fragen: »Wat machste, wenn’s nich mehr läuft?« Oder: »Willste nich wat Ordentliches lernen, Jungchen?«

Du wurdest auf dem Schulhof für das Berliner Ensemble entdeckt.
Meine Mutter sagt immer, ich hätte schon als Kind Rollen gespielt. Ich wäre nicht greifbar gewesen. Hätte so getan, als wäre ich beleidigt oder habe rumgetanzt. Aber selbst zu meiner Zeit am Theater wollte ich nicht Schauspieler werden. Das war ein Hobby. Ich habe mal eine Vorstellung verpasst, weil ich mit Kumpels sprayen war. Ich wollte Malerei studieren.

Überlegst du, wie es geworden wäre, wenn?
Ab und an, wenn ich meinen Beruf verfluche. Ich bin nicht extrovertiert, mir fällt es bei jedem Projekt schwer, mich vor der Kamera zu öffnen. Dann denke ich: Wie schön wäre es, jetzt zu Hause ein Bild zu malen. Und es als Leipziger Schule für 500 000 Euro zu verkaufen.

Malst du noch?
Ganz selten. Ich will gar nicht jammern. Mein Beruf ist toll. Ich hätte durch ähnliche Zufälle auch in die Werbebranche geraten können. Horror! Nein, mich hat damals die Resonanz auf »Crazy« vom Schauspielern überzeugt. Besonders Mädchen waren begeistert von der Art, wie ich meine Rolle interpretiert habe.

Alles klar. Hattest du früher Komplexe, weil du nie eine Schauspielschule besucht hast?
Ständig. Ich war voller Komplexe. Auch weil ich so jung aussehe. Während einer Promotour in einem Bottroper Kino lachten mich 500 Kids aus, weil sie mir nicht glaubten, als ich sagte, ich sei 18 Jahre alt. Ich bin gegangen. Mit welchem Recht demütigen die mich?

Letztes Jahr bekamst du ein Stipendium für die Lee-Strasberg-Schauspielschule in New York.
Das halbe Jahr hat mich stärker gemacht. Vor dem Abflug habe ich so viel geheult wie noch nie. Ich sollte für 1500 Euro in einer Kakerlakenbruchbude in der Lower East Side wohnen. Und kannte dort niemanden.

Und niemand kannte dich …
Das Gros der Mitschüler nicht. Ich fürchtete, es könnte auffliegen, dass ich gar nicht spielen kann. Im Duty-free hatte ich eine Flasche Wodka gekauft. Ich bin kein Trinker. Dort trank ich jeden Morgen vor dem Unterricht ein, zwei Gläschen und hörte dazu die neue Strokes-Platte. Letztlich lief es gut, ich mochte die Stadt, lernte spannende Kollegen kennen, bekam Lob. Ich kann mir trotzdem kein Selbstbewusstsein antrainieren. Ich wünschte, ich hätte je eine Rolle gespielt, mit der ich hundertprozentig zufrieden sein könnte.

Kann es die überhaupt geben?
Für Robert De Niro bestimmt. Sicher, diese Sehnsucht bleibt ein ständiger Antrieb. Die Selbstzweifel haben aber den Nachteil, dass ich an jedem ersten Drehtag denke: Warum haben die mich besetzt?

Tom Schilling, der Zerbrechliche …
Dieses Etikett klebt an mir. Ist auch ein wichtiger Bestandteil des Schauspiels: Dass man sich angreifbar macht. Zerbrechlich heißt, dass man keinen Panzer hat. New York hat mich gelehrt: Man muss sich gegenüber neuen Situationen öffnen. Ich kann also mit dem Klischee leben.

Du sitzt mit Freunden in einer Kneipe: Ziehst du die Aufmerksamkeit auf dich?
Meistens sitze ich mit Leuten zusammen, die ein viel größeres Ego haben als ich. Das sind meine Freunde. Ich bin keiner, der mit breiter Brust in den Szeneclub marschiert. Mein Kumpel Robert Stadlober war da immer das Gegenteil von mir. Genervt sind viele Leute aber von uns beiden.

Drogen, Partys? Nö. Der 18-jährige Jungstar Tom Schilling machte erst mal sein Abi …
Da hat die Erziehung gegriffen, obwohl ich kein Fan meiner Eltern war: »Mach was du willst, aber mach dein Abitur!« Auch wenn ich Kollegen beneidet habe, die an Drehwochenenden bis morgens Exzess gemacht haben, während ich zur Nachhilfe musste.

Bald musst du zum Elternabend.
Au ja! Das wird ein Spaß. Das Tollste: Meine Eltern sind nun begeisterte Großeltern. Sie interessieren sich mehr für meinen Sohn als für mich. So habe ich endlich meine Ruhe.

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