init-admin 11.02.2010, 13:44 Uhr 0 0

»Ich hatte Schwein«

Nichts findet CLIVE OWEN langweiliger als die Rolle des unverwundbaren Mackers. Lieber spielt er den verwundbaren Macker. Im echten Leben konnte ihm also nichts Besseres passieren, als Vater zu werden.

Mister Owen, dadurch, dass Filme bei uns synchronisiert werden, kriegt man es nicht so mit - aber britischen Schauspielern erging es in Hollywood lange auch nicht besser als den Deutschen. Die mussten Nazis spielen ? und wir Briten durften ausschließlich Briten spielen, oder den Bösewicht aus Europa mit den vorzüglichen Manieren.

Haben Daniel Craig und Sie das im Alleingang verändert? Nö, nö, da ist schon noch einiges mehr passiert. Wie viele andere Wirtschaftszweige ist auch die Entertainmentindustrie im Zuge der Globalisierung zusammengerückt. Ich finde das toll. Wie viele Leute ich bereits beruflich getroffen habe, deren Fan ich bin - mit denen hätte ich früher wahrscheinlich niemals zusammengearbeitet.

Vielleicht ist das ja auch besser so. Mag sein, aber ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern. Habe ich noch nie.

Auch nicht von Mickey Rourke, mit dem Sie bereits gedreht haben? Nicht mal von dem. Aber stimmt natürlich, als ich ein kleiner Junge war, ist er »The Man« gewesen, und dass er für »The Wrestler« seinen Oscar nicht bekommen hat, habe ich bis heute nicht verkraftet. Dennoch: Kollegen sind Kollegen sind Kollegen.

Im Gegensatz zu den alten Haudegen wie Mickey Rourke verkörpern Sie in Ihren Filmen einen Typ, der gemeinhin »Der neue Mann« genannt wird. Oje, wie das schon klingt.

Immerhin sieht man Sie bald in einem Film, in dem Sie einen alleinerziehenden Vater spielen. Ja, ich wollte unbedingt mal mit Kindern arbeiten. Der Junge, der meinen Sohn spielt, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst sechs Jahre alt. Außerdem musste ich schon zu viele Familienfilme ertragen, die in diesem grauenhaften Kokon spielen: Alle haben sich lieb, alle sind happy, alle halten zusammen. Da kriege ich das Würgen. Nein, »The Boys Are Back« handelt von Trauer. Trauer ist grausam und unberechenbar. Trauer ist eine Zeit, in der es dir richtig beschissen geht. Ich habe zwei Töchter, wissen Sie. Bevor Kinder sieben oder acht Jahre alt werden, benehmen sie sich wie Verrückte, wie manisch-depressive Psychos. Wir wollten also einen Film machen, in dem man erfährt, was mit einer Familie passiert, wenn die Mutter stirbt und der Vater plötzlich alleine dasteht.

Im Film haben Sie wie gesagt einen sechs Jahre alten Sohn, aber auch einen im Teenageralter - den Sie seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Im wahren Leben hat Ihr Vater - ein Countrysänger - Ihre Mutter und Sie sitzen gelassen, als Sie drei Jahre alt waren. Erst als Sie erwachsen waren, haben Sie ihn kurz kennen gelernt. Ist es nicht ganz schön hart, quasi in die Rolle des eigenen Vaters zu schlüpfen? Natürlich konnte ich mich in den Jungen sehr gut hineinversetzen. Er will seinen Vater unbedingt besser kennen lernen, gleichzeitig aber hat er eine Stinkwut auf ihn. Das hat mich ziemlich berührt. Aber Schluss jetzt, ich mag nicht in diesem Teil meiner Seele rumgraben. Der ist im Laufe der Zeit so schön verschüttet worden.

Sie sind ein Arbeiterkind und haben vier Brüder. Nicht gerade der Hintergrund, um der Welt die sanften Seiten des typischen männlichen Helden näherzubringen. Absolut nicht. Ich habe auch eine Weile gebraucht, um diesen Bereich anzapfen zu können. Dieser Prozess wurde dadurch beschleunigt, dass ich inzwischen mit drei Frauen zusammenlebe. Sie haben mich grundlegend verändert. Als Jugendlicher war ich heftig drauf. Wütend.

Hat die Wut Ihnen mehr genutzt oder geschadet? Sagen wir es so: Ich hatte Schwein. Meine erste Rolle war die von Oliver Twists bestem Freund: Artful Doger. Ein Schlawiner und Taschendieb. Ab und zu greife ich noch auf diese Rolle zurück. Sie hat wahnsinnig gut zu mir gepasst. Ich war auf der Gesamtschule in Coventry. Total planlos. Aber die Arbeit an diesem Stück, da hat der Blitz eingeschlagen. Sehr früh wusste ich, was ich machen will.

Kommt jetzt der große Satz »Das Theater hat mich gerettet«? Nein! So schlimm war?s auch wieder nicht. Mein Stiefvater arbeitete damals bei der Bahn, und meine Mutter war als Hausfrau immer für uns da. Ganz solides Arbeitermilieu eben. Wir lebten auch nicht in den Badlands. Sagen wir es also folgendermaßen: Nicht zu wissen, was man werden will, macht einem jungen Mann das Leben nicht einfacher. Es ist gut, wenn man ein Ziel hat.

Viele Leute sind in der Theatergruppe gewesen. Wie haben Sie denn eine Karriere daraus gemacht? Ganz einfach, indem ich dabeigeblieben bin. Machen ja die wenigsten. Ich konnte in diesem Jugendtheater spielen, dem »Belgrad Youth Theatre«, das an das große Haus von Coventry angegliedert war. Und dort kam die unberechenbare Komponente namens Zufall ins Spiel. Michael Boyd, der damals der Chef war, leitet heute die Royal Shakespeare Company. Das finde ich bis heute unfassbar: In dieser gebeutelten Arbeiterstadt in Mittelengland stand dieses Jugendtheater, das von wahnsinnig begabten Leuten geleitet wurde. Wir spielten Gogol und Brecht!

Haben Sie nie Rückschläge erlebt? Doch, ich war auch oft arbeitslos, sogar mal zwei Jahre lang. Da schrieb ich mich dann aus Verzweiflung an der Schauspielschule ein. Dort traf ich dann erneut auf Michael Boyd, der mir wiederum weiterhalf. Wie gesagt: Ich hatte echt ein Riesenschwein.

Aktive Karrierebildung war nichts für Sie? Ich definiere Karriere folgendermaßen: Karriere ist das Gesamtbild aller Entscheidungen, die du im Laufe deines Lebens gefällt hast. Wenn ich mir dieses Gesamtbild anschaue, dann kann ich sagen: Nein, ich hatte keinen Plan, und ich weiß auch heute nicht, worauf das alles hinauslaufen wird.

Sie sagen also ? Moment! Einen Karrieretipp habe ich dann doch: Sei gut in dem, was du tust, vollkommen egal, was es ist.

Kommt dann auch das private Glück von allein? Sie haben durch Ihren Beruf Ihre Frau kennen gelernt. Es ist praktisch nicht zu glauben: Sie spielten den Romeo, und sie war die Julia.Ja, und vor der ersten Probe kam sie ins Theater gestolpert, viel zu spät, hatte diese wunderbare Brille auf und trug Secondhandbücher bis unters Kinn geklemmt, die ihr natürlich runterfielen, wofür sie sich bei allen tausendmal entschuldigte. Was für ein Chaos.

Und Sie haben sich sofort verliebt? Aber hallo! Ich weiß, es klingt wie aus einem Woody-Allen- Film, nur so war es eben. Ich war 22 und verknallt. Aber weil wir sieben Monate zusammen unterwegs sein würden, hielt ich es für eine blöde Idee, mit ihr zusammenzu kommen. Ich hatte Angst, das Stück zu vermasseln. Wenn Romeo und Julia sich gehasst hätten, wäre es eine miese Produktion geworden.

Sie konnten widerstehen? Ja, konnte ich. Bis wir nach Belfast kamen, etwa nach der Hälfte der Tournee. Damals war die Stadt noch vom Krieg gezeichnet. Aber in meiner Erinnerung ist es der schönste Ort der Welt, und im schönsten Pub der Welt saßen wir dann miteinander und aßen Lammeintopf und tranken Guinness. Wunderbar.

Vom Vagabundenleben hin zur Ehe mit zwei Töchtern - war das ein heftiger Schritt? Ich wollte unbedingt Kinder haben. Ich kann das auch nur jedem empfehlen, der sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Typische Schauspielerkrankheit übrigens. Sobald Kinder da sind, geht es nicht mehr nur um dich. Ich kapierte es auch ganz schnell, als die Mädchen da waren: Logisch, dachte ich, das war?s, was ich gebraucht habe. Es ist die tiefste Erfahrung meines Lebens. Mir konnte nichts Besseres passieren, als Vater zu werden.

Schade, dass unsere Leser Sie in Ihrer Euphorie gerade nicht sehen können. Ja, ja. Aber natürlich treten auch Sorgen in dein Leben. Zukunftsangst. Schließlich sind meine Töchter Hannah und Eve - im Gegensatz zu mir - hoffentlich auch noch in fünfzig Jahren da. Wir leben in grauenhaften Zeiten, echt furchteinflößend. Ich habe den beiden verboten, Nachrichten zu gucken. Ich will sie noch eine Weile lang abschirmen, beschützen vor der Welt.

Ihr Film suggeriert, dass es schwerer geworden ist, Vater zu sein, mehr noch, ein Mann zu sein. Ist es doch auch! Ich bin sehr traditionell erzogen worden. Doch das Familienbild hat sich total gewandelt. Von uns Kerlen wird viel mehr Einsatz erwartet, gleichzeitig aber ist die Erziehung in der westlichen Gesellschaftsform noch stark auf die Mutter ausgerichtet. Insofern transportiert der Film keine weltbewegende Aus sage. Dieser Typ wurstelt sich eben durch und versucht, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Der Trick ist zu begreifen, dass Kinder echt was abkönnen. Man muss die gar nicht so betüdeln.

Haben Sie noch einen Tipp für junge Väter? Jonglieren lernen. Man muss nämlich Balance schaffen können. Ein Beispiel: Im Gegensatz zu manchem Kollegen bin ich überhaupt nicht machtversessen. Also passiert es häufig, dass ich den Filmenhinterherreise und nicht schreiend dafür sorge, dass die Crew dort hinkommt, wo ich bin. Deshalb versuche ich, nach jeder längeren Abwesenheit genauso lange zu Hause zu sein. Das ist auch gesund: Meinen Kindern und meiner Frau ist der ganze Hollywoodscheiß nämlich egal. So sehr ich mich auch bemühe: Ich kriege sie nicht beeindruckt.

Und womit werden Sie es denn als Nächstes probieren? Vielleicht spiele ich ja auch mal wieder Theater. Habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht, deshalb juckt?s mich. Aber die großen Männerrollen ? ich weiß nicht. Es gibt doch wirklich keinen langweiligeren Part als den großen, unverwundbaren Macker, der alles im Griff hat.

Clive Owen ...
... wurde 1964 in Coventry geboren. Sein Vater, ein Countrysänger, verließ früh seine Frau und die Familie. Nach einer Karriere am Theater drehte Owen 1998 den Film »Croupier« - und Hollywood wurde auf ihn aufmerksam. Man besetzte ihn in Blockbustern wie »King Arthur« (2004), »Sin City« (2005), »Inside Man« und »Children of Men« (beide 2006) als Actionhelden mit Herz. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, er sollte statt Daniel Craig der neue James Bond werden. Owen sagt dazu: »Bond ist das Beste, was mir nie passiert ist.« Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.

The Boys Are Back

Worum geht's?
Sportreporter Joe (Clive Owen) führt ein unbeschwertes Leben in Australien - bis seine Frau einem Krebsleiden erliegt. Auf sich allein gestellt, versucht er, die Erziehung seines sechsjährigen Sohnes und den stressigen Beruf in Einklang zu kriegen. Als aber auch noch sein anderer Sohn aus einer früheren Beziehung zu Besuch kommt, bricht Joes wackelige neue Lebenskonstruktion zusammen.

Worum geht's wirklich?
Um die Freiheit, die einer wie Joe aufgeben muss, sobald er zum Alleinerziehenden wird. Noch mehr aber um die Freiheit, die einer wie Joe gewinnt, sobald er seine Söhne endlich kennen lernt.

Wermutstropfen:
Manchmal möchte man »Reißt euch zusammen! Alle miteinander!« brüllen. Allein Clive Owen verhindert, dass Eltern mit weit schlechteren wirtschaftlichen Voraussetzungen die Leinwand mit benutzten Windeln bewerfen.

Ab 11. April auf DVD. Mit Emma Booth. Romanvorlage: Simon Carr. Regie: Scott Hicks

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare