MissesBiscuit 15.09.2014, 16:22 Uhr 0 1

Honey, you should see me in a crown

Überfällige Anpreisung einer übermäßig guten Serie.

Sherlock Holmes ist eigentlich jedem ein Begriff, aber viele haben sich bisher nicht die Mühe gemacht ihn persönlich kennenzulernen. Diese Serie beweist, dass er eine wertvolle Bekanntschaft nicht nur für Krimifans ist.

Ein Muss ist in diesem Fall allerdings die Originalsprache. Fünfzig Prozent des Charmes jeder Person machen nämlich Akzent und Stimme aus. Auf keinen Fall sollte man mit der Erwartung an die Serie herangehen, dass sie eine getreue Kopie der Bücher von Sir Arthur Conan Doyle darstellt. Am Besten startet man ohne jede Erwartung – übrigens in den meisten Lebenslagen sehr empfehlenswert, bei Büchern und Filmen sowieso. Dass Benedict Cumberbatch einen überragenden Sherlock Holmes abgibt hat sich ja inzwischen schon mehr als rumgesprochen, deswegen werde ich mich darüber nicht weiter auslassen. Es gibt genügend andere Schauspieler, denen bei dieser Serie großes Lob ausgesprochen werden kann.

Martin Freeman gibt als Dr. Watson einen wunderbaren Komplementärpart zu Sherlock Holmes ab. Unglaublich menschlich in all seinen Emotionen und seinem Handeln und dabei doch alles andere als durchschnittlich, übernimmt er zu Beginn der Serie die schwierige Aufgabe das Publikum in den Bann zu ziehen. Dies gelingt ihm innerhalb kürzester Zeit mit Bravour. Für den Zuschauer stellt er den roten Faden da, den Verbindungspunkt zwischen unserer Welt und dem abstrusen mind palace von Sherlock Holmes, zu dem wir ohne Watson keinen Zutritt hätten. Martin Freeman schafft es zwischen all den skurillen Persönlichkeiten natürlich überrascht zu wirken und uns zu vermitteln, dass wir nicht die Einzigen sind die gleichzeitig verwirrt und doch magisch angezogen von diesem London sind.

Unter skurrile Persönlichkeit fällt quasi der gesamte restliche Cast der Serie, was sie unheimlich abwechslungsreich und trotz aller Ernsthaftigkeit immer auch ein bisschen komisch wirken lässt. Da ist zum Einen Mycroft, Sherlock Holmes großer und genau so soziopathischer Bruder, dessen deduktive Fähigkeiten die seines Bruders sogar noch übersteigen. Ein hohes Tier in der britischen Regierung, der deswegen in fast allen wichtigen Fällen mitmischt und auch schon manches Mal als deus ex machina fungiert. Gut gehalten ist die Balance zwischen seiner herablassenden Art, vor allem natürlich Sherlock gegenüber, und seinem doch fast schon brüderlichen Beschützerinstinkt. Dem Zuschauer ist nie so ganz klar, ob Mycroft den Nutzen vorschiebt um seinem Bruder helfen zu können, oder ob ihm tatsächlich nur an dessen Fähigkeiten gelegen ist und er ihm nur beisteht um seinen Secret Service weiterzubringen.

Die mit Abstand skurrilste Person ist logischerweise das Pendant zu Sherlock Holmes in der Unterwelt: Jim Moriarty, consulting criminal, brilliant verkörpert von Andrew Scott. Er schafft den unmöglich erscheinenden Spagat zwischen in der Menge untertauchen und sich ins Gedächtnis einbrennen. Die Drehbuchautoren haben sich alle Mühe gegeben ihm prägnante Sätze in den Mund zu legen, die Andrew Scott mit wahnsinniger – im buchstäblichen Sinne – Wucht dem Zuschauer direkt in die Kamera knallt. Meiner Meinung nach könnte er statt „I'll burn your heart out“ auch „I forgot to turn the heat off“ sagen, der Effekt wäre trotzdem ein gänsehäutiger Schauer. Mit ihm ist ein würdiger Gegenspieler für Cumberbatch gefunden und auch Moriarty und Holmes scheinen ihren Spaß am Duell mehr schlecht als recht zu verbergen. Ihre Dialoge sind ein wahrer Hochgenuss und perfekt in das gut ausgefeilte Drehbuch eingebettet.

Die Episoden sind grundsätzlich an die Urgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle angelehnt, manche eindeutiger, manche nur sehr entfernt, spielen jedoch im London der Gegenwart. Die Drehbuchautoren haben es faszinierenderweise geschafft, den typischen Sherlock Holmes Flair - inklusive Mütze - ohne Probleme in das moderne London und dessen genau so moderne Verbrecherwelt zu transportieren. Weder die Kommunikation zwischen Holmes und Moriarty via Smartphone noch die Recherche mittels Internet scheinen fehl am Platz. Sie nehmen nichts von dem Wow-Effekt, den Sherlock Holmes Fähigkeiten auslösen. Auch die Verbrecher sind stimmig in diese Welt eingefügt: hantieren an der Börse herum, handeln mit Geheimnissen berühmter Persönlichkeiten oder experimentieren mit chemischen Waffen. Manche Dinge konnten die Autoren auch beim Alten belassen, den Afghanistankrieg zum Beispiel, oder Sherlock Holmes' Adresse. Das Ganze ist unterlegt mit einer großzügigen Prise britischem Humor, nicht immer ganz harmlos und manchmal auch eindeutig politisch inkorrekt, aber gerade das macht Sherlock Holmes aus.

Kurz gesagt, die Serie lohnt sich absolut. Wie Jim Moriarty so schön anpreist: „Honey you should see me in a crown.“ Das und viel mehr gibt es in bisher drei Staffeln mit je drei Folgen à 90 Minuten zu sehen(also vielleicht nicht gerade anfangen, wenn Prüfungen bevorstehen).


Tags: Sherlock Holmes, Serie, Benedict Cumberbatch, Andrew Scott
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