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nicole 18.05.2006, 09:57 Uhr 1 2

Heinz mag keine Comedy

Von Harburg in den Wienerwald: Fleisch ist mein Gemüse-Autor Heinz Strunk versucht sich in Wien als Schauspieler

"Drei Männer verunglücken mit einem Auto und sterben." – Acht Worte, die – besonders, da fiktiv – vielleicht nicht vermuten lassen würden, allzu schwer zu wiegen. Und doch: Noch heute beschäftigen sich die Herren Grissemann, Stermann und Strunk mit ebendiesem Satz, der immerhin vor rund fünf Jahren zum ersten Mal ausgesprochen wurde. Derzeit ist er sogar Anlass dafür, dass Herr Strunk in einem "Oma-Hotel" im Wienerwald residiert und an der Seite seiner humorigen Kumpanen Antonin Svobodas Regiebefehlen gehorcht. Das Drehbuch besteht inzwischen aus mehr als acht Worten und wurde durch etliche dramaturgische Kniffe bereichert, damit es "nicht mehr so konkret ist, ob die sterben", was mehr oder weniger Heinz Strunk zu verdanken ist: "Christoph und Dirk hatten viel zu tun, ich wenig, so habe ich es übernommen, die (erste Version der) Geschichte zu schreiben." – Mittlerweile, vier, fünf Jahre später, muss Heinz Strunk über Unterbeschäftigung nicht mehr klagen. Und hätte vermutlich auch keine Zeit mehr, vier Monate lang bei Rowohlt zu winseln. Winseln, so nennt er es, bis er den Verlag so weit breit geklopft hatte, seinen stark autobiografisch gefärbten Roman zu veröffentlichen. "Eine Landjugend mit Musik" – die Unterzeile des Titels klingt eigentlich nicht nach Heerscharen von Käufern, die wie hypnotisiert nach ihren Bankomatkarten fischen; überhaupt, wer sollte sich schon für eine unaufregende Jugend in Harburg (bei Hamburg) interessieren? Für hartnäckige Akne, keinen Sex, dafür ungezählte Auftritte einer durchschnittlichen Showband mit Schlagern im Repertoire? – Die Ansagen macht wie "Swingtime is good Time, good Time is better Time!"? – Eben.

Überraschenderweise wurde der Roman mit dem wundervollen Titel Fleisch ist mein Gemüse zum "Steadyseller" – und dem Antihelden Heinz Strunk gelang ein später Durchbruch. Als Debütautor wird er seit Erscheinen des Romans im Jahr 2004 gefeiert; neu in der Welt des Entertainments ist er allerdings nicht, mit Sprache hat er schon lange gespielt: als Gründungsmitglied von "Studio Braun" zum Beispiel; als "Jürgen Dose" auf Radio Fritz – und vereinzelt bei Radio FM4 ("Todesfalle Haushalt"); auf VIVA mit "Fleischmann" … Dennoch: Mit Mitte vierzig als Debütant gefeiert zu werden, das ist doch ziemlich charmant …
"Um das schöne Wort Wertschöpfungskette mal ins Spiel zu bringen" (so Strunk): Fleisch ist mein Gemüse löste eine Lawine aus. – Auf den Roman folgte ein Hörspiel beim WDR und ein Hörbuch; die Verfilmung der Geschichte ist in Planung, eine Operette beehrte bereits die Bühne des Deutschen Schauspielhauses und wurde nicht nur vom Feuilleton "durchgewunken", sondern auch vom Publikum geliebt. Schließlich schnupperte Strunk höchstpersönlich, obwohl er vorerst "gar keinen Bock darauf hatte, weil ich mit Theater nicht viel zu tun und auch kein großes, ausgeprägtes Interesse daran hatte", Bühnenluft: "Was ich für sehr lustig und gelungen halte, ist, dass ich meine eigene Mutter gespielt habe." Eine Wiederaufführung ist geplant. Geplant ist auch ein "Studio Braun"-Film, über einem zweiten Roman brütet Strunk derzeit. – Ohne dass bei Rowohlt an den Türen gekratzt und gewinselt werden musste.

Wie bei seinem Debüt benötigt er für den Nachfolger keine weitere Recherchearbeit; die hat nämlich die letzten, sagen wir 15 Jahre seines Lebens umfasst. Beschäftigte sich Fleisch ist mein Gemüse mit dem "ersten Teil" seines Lebens, taucht "Teil 2" in die Welt von Comedy und Humor: "Ich kenne sie in den verschiedensten Schattierungen, habe mit Fernsehen zu tun gehabt, mit der Wochenshow, da lernt man die alle kennen, weiß, wie diese 'Comedyfabriken' funktionieren, was für Leute das sind, typische Comedyautoren. Und wie die Chefs sind, jemand wie Stefan Raab oder Anke Engelke." Beste Recherchemöglichkeit: Während Strunk für VIVA und "Fleischmann" vor der Kamera stand, befand sich sein Schreibtisch im Zimmer der "TV Total"-Redak-tion. Heinz Strunk relativiert gleich: "Das Betriebsklima ist vorbildlich!", Stefan Raab offensichtlich ein akzeptabler Chef, wenn ihn auch viele als "den Teufel und das Schlimmste auf der ganzen Welt" sehen. – In seinem neuen Buch wird Strunk von sieben Tagen im Leben eines Humorautors erzählen, "in denen so viel passiert, dass er am Ende dieser Woche beschließt, sein Leben zu ändern." Strunk selbst würde es erst gar nicht so weit kommen lassen.

Bloß keine Comedy. "Die schlimmste Form des Scheiterns wäre für mich gewesen, als Dienstleistungsmusiker oder Comedy-Autor zu enden. Gags für 'Die dreisten Drei' zu schreiben. Wenn nur das meine Perspektive wäre, wäre es ein Grund, mir das Leben zu nehmen", sickert das Tragische durch. "Ich möchte unter gar keinen Umständen mit dem Wort Comedy in Verbindung gebracht werden. Ich habe inhaltlich nicht viel damit zu tun. – Wenn Comedy der 'Funfreitag' ist oder Mario Barth." Das Schlimme an Comedy sei, dass "die Vertreter alle irgendeine Figur spielen und in Wirklichkeit ganz anders sind. Ich bin ja nicht Atze Schröder oder irgend so eine andere Drecksau." Zwischen "Heinz Strunk" und "Mathias Halfpape", so sein bürgerlicher Name, der nur noch für Ämter, Behörden und Freunde von früher existiert, gibt es keinen Unterschied. In Rollen schlüpft er trotzdem gerne; als Jürgen Dose, bei seinen Hörspielen (wie auf der CD Mit Hass gekocht) und nun auch vor Antonin Svobodas Kamera, gemeinsam mit Grissemann und Stermann. "Ich denke, dass wir aus der Schwäche, dass wir keine 'gelernten' Schauspieler sind, eine Stärke machen können. Um das dumme und etwas abgenudelte Wort Authentizität zu bemühen: Wahrhaftigkeit und Originalität sind die Qualitäten, die den Film vielleicht etwas weniger langweilig machen, als das, was man sonst so sieht." "Psychodrama" wurde die Produktion schon genannt. "Wenn man in dürren Worten den Plot erzählt, würde man nicht erahnen, dass das Stoff ist für eine Komödie. Die Figuren, die übrigens sehr dicht an uns angelehnt sind, sind gebrochene, schwermütige, sehr problematische Charaktere. Ob man diesen Grenzgang hinbekommt, daraus eine feine Komödie zu zaubern, will ich stark hoffen …" – Anfang nächsten Jahres, wenn Dick die Leinwand stürmt, werden wir es herausfinden. Seien wir optimistisch: Bei Fleisch ist mein Gemüse hat es schließlich auch ganz wunderbar funktioniert.


>> Heinz Strunk aka Mathias Halfpape aka Heinzer aka Jürgen Dose: So gerne er die Namen wechselt, so leidenschaftlich probiert er Neues aus: Das Gründungsmitglied von "Studio Braun" war mit Charlotte Roche auf Lesereise, hat sich als Moderator in Funk und Fernsehen versucht, (Dreh-)Bücher und Hörspiele geschrieben, die er auch gerne selbst vertont. Nun versucht er sich auch als Filmschauspieler."Wichtige Links zu diesem Text"
Das virtuelle Zuhause von Heinz Strunk

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Kommentare

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    Boah... ich hab das Gemüse gelesen und war begeistert. Allerdings dachte ich das war`s dann. Vierzig Jahre durchs Leben gequält, "abgemolken" und dann ein Buch darüder gschrieben. Geld verdient und jetzt halt höherklassig rumoxidieren.
    Aber diese Aktivität, menschmeier, vielen Dank für diese Infos

    06.10.2006, 17:31 von das_Caspar
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