Eva Green
EVA GREEN leidet darunter, dass sie ihre extreme Unsicherheit nur vor der Kamera ablegen kann. Und mit Komplimenten kann sie auch nicht gut umgehen.
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Frau Green, in »Die Träumer« haben Sie Sex auf dem Küchenboden, in »Casino Royale« stecken Sie James Bond in die Tasche, in »Der Goldene Kompass« fliegen Sie als Hexe über den Abendhimmel – man besetzt sie gern als selbstbewusste Abenteurerin. Privat sind Sie angeblich sehr still und zurückhaltend. Sind Sie eine gute Schauspielerin oder einfach schizophren? Diese Grenze ist bestimmt bei vielen Schauspielern fließend. Aber tatsächlich wurde ich wegen meiner Schüchternheit jahrelang von meiner Mutter zum Therapeuten geschleppt. Kennen Sie die Sorte Mädchen, die wenig redet und sich stets nervös an der Wand entlangedrückt? Nun … für mich waren das tollkühne Draufgängerinnen. Ich gehörte zu denen, die ausschließlich hinter der Wand kauerten. Mit siebzehn wechselte ich traumatisiert die Schule, nachdem es ein Lehrer gewagt hatte, mich während des Unterrichts anzusprechen, und ich vor der Klasse innerlich und äußerlich gefror.
Hat die Therapie irgendwann angeschlagen? Nie. Ich war viel zu schüchtern, um mit meinen Ärzten zu reden. Geholfen hat erst ein Theaterkurs, für den ich mich an der neuen Schule an gemeldet hatte. Na ja … um ehrlich zu sein, hatte meine Mutter mich eingeschrieben. Selbst hätte ich das niemals fertiggebracht. Ich war eine Schülerin mit perfekten Noten, aber jenseits von Klassenarbeiten und Hausaufgaben hatte ich kein Leben. Während meine Eltern mich zu einem Sonnenschein erziehen wollten, vergrub ich mich in meinen Ängsten. Meine gesamte Teenagerzeit führte ich mich auf, als sei ich geistig zurückgeblieben.
Auf der Bühne wurde alles anders? Es war ein brutales Manöver, um aus meiner Schüchternheit auszubrechen. Aber es funktionierte: Die Figuren, die ich spielte, hatten ja nichts mit mir zu tun. Ich befürchte, ich wurde vor allem Schauspielerin, um durch meine Rollen wenigstens irgendetwas Aufregendes zu erleben.
Hat sich Ihr Zustand mittlerweile gebessert? Sicher, aber ich bin noch immer nicht vor Schüchternheitsattacken gefeit. Daraus entstehen lustige Situationen: Gerade drehe ich einen Film mit dem Schauspieler Ryan Phillippe – einem sehr netten Kerl, der aber dummerweise ebenso gehemmt ist wie ich. Was dazu führt, dass wir während unserer Drehtage verkrampft nebeneinander in einem engen Wohnwagen sitzen und geschminkt werden, es aber nicht wagen, den anderen anzublicken. Wir trauen uns einfach nicht, miteinander zu kommunizieren. Dann verlassen wir mit gesenkten Köpfen den Wohnwagen, treten vor die Kamera, der Regisseur ruft »Action!« – und plötzlich können wir uns ansehen! Sogar anschreien! Die wildesten Dinge tun! Aber kaum ist die Szene vorbei, stehen wir wieder wortlos nebeneinander.
Mittlerweile sind Sie eine gefeierte Berühmtheit. Das müsste doch Sicherheit geben. Es hilft wenig. Im Gegensatz zu Kritik, die ich immer für berechtigt halte, kann ich Komplimente leider nicht ernst nehmen.
Ist es ein Problem, dass selbst Kollegen weniger Ihre Fähigkeiten als Schauspielerin als vielmehr Ihre Schönheit preisen? Regisseur Bernardo Bertolucci erklärte: »Sie ist so schön, dass es gerade zu unanständig ist!« James-Bond-Darsteller Daniel Craig nannte Sie eine »mystisch schöne Frau«. Ja, ein lustiges Missverständnis zwischen den Geschlechtern: Aus lauter Angst und Unsicherheit entscheiden sich viele Frauen dafür, lieber mal nichts zu sagen und stumm rauchend in der Ecke zu stehen … und Männer denken, man sei mysteriös.
Ihre Mutter, die Schauspielerin Marlène Jobert, musste ebenfalls lange dafür kämpfen, als Künstlerin geachtet und nicht auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Gab sie Ihnen einen Rat für den Umgang mit oberflächlichen Schmeicheleien? Meine Mutter ist eine großartige Ratgeberin in allen Lebensfragen – aber in dieser Beziehung ist sie als Beraterin völlig ungeeignet. Sie liebt oberflächliche Komplimente! Wenn ich wie üblich in Jeans und Pulli durch die Gegend laufe und meine Haare mal wieder ungewaschen sind, muss ich mir jedes Mal ihre Mäkeleien an - hören: »Gib dir doch mal ein bisschen Mühe, Mädchen! Wie siehst du denn wieder aus?« Sie selbst liebt den großen Auftritt und geht zweimal die Woche zum Friseur. Sie wäre tödlich beleidigt, wenn man diesen Aufwand nicht mit ein paar höflichen Komplimenten zu würdigen wüsste.
Steht Ihnen Ihr Aussehen bei der Kontaktaufnahme mit der Welt im Weg? Jedenfalls möchte ich Menschen in den Arsch treten, die mich auf Äußerlichkeiten reduzieren.
Man sollte Ihnen besser keine Komplimente machen? Versuchen Sie’s doch!
Ich bin zu schüchtern. Ha! Wer’s glaubt! Es kommt natürlich auch immer darauf an, in welchem Ton und bei welcher Gelegenheit etwas gesagt wird. Eine kleine Geschichte: kürzlich war ich mit einer Freundin in einem Restaurant, als plötzlich ein Mann an unseren Tisch trat und mir einige Papiere überreichte, die zu einem kleinen Päckchen gefaltet waren. Dann rannte er wie ein kleines Kind davon. Ich öffnete das erste Papier, und darauf stand: »You are so beautiful.« Ich öffnete das zweite Papier, auch darauf stand: »You are so beautiful. « Dasselbe auf dem dritten und vierten Papier. Ist das nicht süß? Möglicherweise nicht besonders abwechslungsreich, aber es geht nur um die Art, wie er mir dieses Kompliment gemacht hat. Der gleiche Satz klingt hohl, wenn ihn mir jemand aus dem Business auf einer Premierenparty zuraunt.
Wer war der Mann aus dem Restaurant? Ich glaube … der Koch. Aber ich bin mir nicht ganz sicher. Ach, das war wirklich sehr süß.
Haben Sie ihn noch mal gesprochen? Wie denn? Er ist doch abgehauen!
Tragisch! Eva Green zeigt Interesse – und er flüchtet, ohne seinen Namen zu hinterlassen. Es ist das Los schüchterner Menschen, mit verpassten Gelegenheiten leben zu müssen.
Wie sollte man schüchternen Menschen gegenübertreten? Macht verdammt noch mal den ersten Schritt! Aber bringt Zeit mit!
Sehen Sie sich gern auf der Kinoleinwand? Machen Sie Witze? Ich ertrage meinen An blick nicht einmal auf dem kleinen Monitor des Kameramannes, auf dem man sich während der Dreharbeiten eben gefilmte Szenen ansehen kann. Während der Rest der Crew über dem Bildschirm hängt, ständig »Ooh!« und »Ei ei ei!« ruft und berät, was man noch verbessern könnte, streune ich mit möglichst großem Ab - stand durch den Raum und denke: »Oh mein Gott … die sehen alle meine Nase in Großaufnahme! Bestimmt sehe ich schrecklich aus!«
Viele Ihrer Kollegen gehen heimlich in öffentliche Vorführungen eigener Filme, um Zuschauerreaktionen zu prüfen. Ja, ich weiß … ich nicht. Ich müsste vor Aufregung kotzen. Außerdem bin ich geradezu paranoid selbstkritisch und würde ständig Fehler finden: »Herrje, das hättest du überzeugender hinkriegen können!« oder »Was für ein unerträglich hässlicher Gesichtsausdruck!«. Das Ekelhafte an meinem Beruf ist, dass man als Darsteller andere Menschen braucht, um seine Arbeit einschätzen zu können. Während ein Konditor ziemlich objektiv beurteilen kann, ob ihm eine Torte gelungen ist, bin ich abhängig von der Meinung von Kameramännern, Regisseuren, Journalisten und vom Publikums urteil. Und wenn man wie ich dieses Urteil nur schwer ertragen kann, wird’s ganz schön schwierig. Mit meiner Gemütslage Schauspielerin zu sein, ist eigentlich Masochismus.
Wie leben Sie mit der Tatsache, dass Sie durch die Nacktaufnahmen in »Die Träumer« zu einem weltweit begafften Sexobjekt geworden sind? Ich blende es aus.
Googeln Sie sich selbst? Ich gestehe: Zwei oder drei Mal habe ich es getan. Es war grauenhaft. Es ist in Ordnung, nicht gemocht zu werden – aber was ich im Internet über mich sehen und lesen musste, sollte kein Mensch ertragen müssen. Dagegen sind die Briefe von Fans geradezu harmlos. Auch wenn ich Menschen wirklich nicht verstehe, die mir ein unvorteilhaftes, uraltes Nacktfoto von mir schicken und ein Post-it auf meine Brüste kleben, auf dem nur steht: »Please sign here!« •
Eva Gaëlle Green und ihre Zwillingsschwester Joy wurden am 5. Juli 1980 in Paris geboren. 2003 wurde Green dank Bernardo Bertoluccis 68er-Drama »Die Träumer« zum Sexsymbol – und zur angesehenen Darstellerin. Es folgten Rollen in »Königreich der Himmel« und »Casino Royale«. Derzeit ist sie wieder mit Bond-Darsteller Daniel Craig zu sehen. In »Der Goldene Kompass« spielt sie die Königin der Hexen (Bild). Die Verfilmung des ersten Bandes von Philip Pullmans »His Dark Materials«- Trilogie, ist allerdings eher für »Harry Potter«-Fans geeignet, nicht so sehr für Liebhaber großer Fantasyepen wie »Herr der Ringe«.





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