Michael_Ebert 12.03.2009, 20:22 Uhr 0 1

Empfehlung des Tages

Freunden einen Kinofilm ans Herz zu legen, ist heikel. Denn eine FEHLEMPFEHLUNG kann dich ein Leben lang verfolgen.

.Gestern Abend kam wieder eine SMS von meinem Freund Paul: »Dumm und dümmer, 75:6 gegen dich!«

So geht das seit 1994. Damals schickte ich Paul mit den Worten ins Kino, er solle sich »den lustigsten Film aller Zeiten« ansehen. Paul fand »Dumm und dümmer« nicht lustig, er fand ihn sogar »hochgradig beschissen«. Damals schwor er, mich ein Leben lang spüren zu lassen, dass ich weder von Humor noch von Filmen Ahnung hätte. Seit fünfzehn Jahren fragt Paul bei jeder Gelegenheit Freunde und Bekannte, was sie von »Dumm und dümmer « halten. Den jeweils aktuellen Zwischenstand der Umfrage teilt er mir per SMS mit, es steht nun also 75 Stimmen »Scheißfilm« zu sechs Stimmen »Superfilm« gegen mich.

Abgesehen davon, dass ich damals ein Teenager war und allen Grund hatte, Teenagerkomödien gut zu finden; abgesehen davon, dass Jim Carrey einer der unterschätztesten Schauspieler der Welt ist; abgesehen davon, dass ich über »Dumm und dümmer« heute noch lachen kann; abgesehen davon, dass mich ausgerechnet Paul richtet, der Mann, der stolz ist auf seine »Nightmare on Elm Street«-DVD-Sammlung; abgesehen davon, dass der Film 7,1 von 10 Qualitätspunkten auf imdb.com hat und dass Pauls Statistik so objektiv ist wie eine Regierungserklärung aus Nordkorea - seine SMS-Nachrichten haben mir eines beigebracht: Kinoempfehlungen sind sensationell heikle Angelegenheiten. Denn die Empfehlung eines miserablen Films hat im Gegensatz zu der Empfehlung eines Liedes (kann man ausschalten) oder Buchs (kann man zuklappen) eine üble Folge: einen verlorenen Abend für den Freund. Wer sich schon mal abends nach einer Empfehlung auf den mühsamen Weg ins Kino gemacht hat, um dann im falschen Film zwischen falschen Leuten zu sitzen, der weiß, wovon ich rede.

Wie kompliziert es ist, anderen den richtigen Film zu empfehlen, zeigt ein spannender Wettbewerb von netflix.com, der größten Onlinevideothek der Welt. Basierend auf Nutzerbewertungen für ausgeliehene Filme empfiehlt ein Netflix-Programm dem User automatisch weitere Filme, die ihm ebenso gefallen könnten. Aber die Trefferquote ist schlapp, die Kunden sind von den Empfehlungen des Systems regelmäßig enttäuscht. Unter netflixprize.com wird nun demjenigen Programmierer eine Million Dollar versprochen, der die Qualität der automatisch generierten Filmempfehlungen als Erster zuverlässig um magere zehn Prozent verbessert. Bisher sind alle Teilnehmer an der Aufgabe gescheitert.

Irgendwie tröstlich, dass Filmgeschmack nicht zu berechnen ist, sondern von Stimmung, Lebenslage, Beziehungsstress, Tagesform, Müdigkeit oder einem abstrusen Hauptdarstellerinnenfetisch abhängt. Ändert natürlich nichts daran, dass wir bei Kinoempfehlungen weniger an uns und mehr an unsere Freunde denken sollten. Auf die Frage: »Weißt du, ob heute was Gutes läuft?«, empfehle ich deshalb die Gegenfrage: »Kommt drauf an ? wie geht?s denn so?«


Weitere Filme

Radio Rock Revolution

Worum geht?s? 1966 bringt die BBC nur zwei Stunden Rock ?n? Roll in der Woche. Dagegen kämpft der Piratensender Radio Rock von einem Schiff auf der Nordsee aus. Finanziert von Dandy Quentin (Bill Nighy), sorgen seine DJs für 24 Stunden Rolling Stones, Kinks und The Who am Tag. Die britischen Radiohörer sind begeistert, nur der tugendbeflissene Minister Dormandy (Kenneth Branagh) setzt alles daran, dem kulturlosen Treiben ein Ende zu bereiten.

Worum geht?s wirklich? Um nichts so richtig. Vor lauter Gute-Laune-Musik, Tanzeinlagen und liebenswert schrulligen Charakteren lautet die gute alte Botschaft wohl: Rock ?n? Roll wird niemals sterben.

Wermutstropfen: Bill Nighy (rechts im Bild) ist leider schon vergeben.

Start: 16. April. Mit Philip Seymour Hoffman, Rhys Ifans. Regie: Richard Curtis


Inside Hollywood

Worum geht?s? Um seinen Thriller »Fiercely« rechtzeitig zum Filmfestival in Cannes fertig zu kriegen, muss sich Filmproduzent Ben (Robert De Niro) mit seinem Hauptdarsteller (Sean Penn als Sean Penn), Studiobossen und hysterischen Regisseuren abplagen.

Worum geht?s wirklich? Um gar nicht zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen. Hinter den Filmkulissen regieren Wahnsinn, Egoismus und Gier.

Wermutstropfen: Zu viel »Hollywood«, zu wenig »Inside«. Irgendwie mussten Regisseur Barry Levinson (»Wag the Dog«) und Produzent De Niro ja das Geld zusammenkratzen und die vielen Superstars zu ihren selbst ironischen Gastauftritten überreden. Folge ist eine seltsame Beißhemmung, die ihre Satire beinahe scheitern lässt.

Start: 26. März. Mit Bruce Willis, Robin Wright Penn. Regie: Barry Levinson


Rachels Hochzeit

Worum geht?s? Für die Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) darf Kym (Anne Hathaway) für ein Wochenende aus der Entzugsklinik. Kaum im Haus der Eltern eingetroffen, brechen alte Konflikte wieder aus - und Kym merkt, dass der schwere Unfall, den sie einst im Drogenrausch verursacht hat, längst nicht vergeben ist.

Worum geht?s wirklich? Um die Gleichzeitigkeit von Gefühlen. Trauer und Lebenslust, Eifersucht und Liebe, Schuldgefühle und Sehnsucht nach einem Neuanfang werden hier im selben Atemzug gelebt.

Wermutstropfen: Die verdiente Oscarnominierung für Anne Hathaway verzerrt den Blick leider ziemlich: Dieser Film ist kein Starvehikel, sondern eine großartige Ensembleleistung.

Start: 2. April. Mit: Bill Irwin, Debra Winger. Regie: Jonathan Demme

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Kommentare

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  • Habt doch Mitleid!

    Egal ob es um Unfälle, Krankheiten oder Katastrophen geht, »Selber schuld« ist die Standardantwort unserer Zeit. Das macht uns dümmer.

  • Fabelhafte Fundstücke

    Glück ist eben doch käuflich – die folgenden 10 Fundstücke, die die Moderedaktion für euch aufgespürt hat, sind der beste Beweis.

  • Die Gosling-Girls

    Das Gosling-Baby ist da – und für viele Frauen bricht eine Welt zusammen. Trotzdem schwärmen 30-Jährige wie Teenager für Schauspieler. Gut so.

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