Tobias_Kniebe 16.01.2009, 12:45 Uhr 0 0

Eine große Geschichte vom Scheitern

OPERATION WALKÜRE - DAS STAUFFENBERG-ATTENTAT ist bereits lange vor Kinostart mit so viel Häme überschüttet worden wie kaum ein anderer Film in den letzten Jahren. Zu Recht?

.Gibt es etwas Dämlicheres, als in Hollywood eine Wehrmachtsuniform anzuziehen und sich als aufrechter Deutscher zu inszenieren? Richtig: Man könnte zusätzlich noch eine Augenklappe tragen, sich eine Bombe unter den Arm klemmen, mit der man Hitler in die Luft jagen will, und mit dem ganzen Plan dann jämmerlich scheitern. Tom Cruise muss den Verstand verloren haben!

Das war die einhellige Reaktion in Amerika, als bekannt wurde, dass Cruise den deutschen Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen würde. Viele Deutsche waren mindestens genauso entsetzt: Was, dieser Grinsemann und Vorzeige-Scientologe soll auch noch den anständigen Teil unserer Geschichte verhunzen? »Bild am Sonntag« ließ Historiker nach Fehlern fahnden, um das »Lügen-Drehbuch« anzuprangern, Guido Knopp verglich den Star gar mit NS-Propagandaminister Goebbels. Insbesondere die FAZ und Florian Henckel von Donnersmarck hielten dagegen. Das Projekt werde Deutschlands Ansehen mehr befördern als »zehn Fußball- Weltmeisterschaften«. Schrill.

Höchste Zeit also, dass »Operation Walküre« endlich anläuft. Irgendwie hat der mündige Kinogänger dann ja doch das Recht auf ein eigenes Urteil. Und siehe da: Weder wird hier fahrlässig mit einem deutschen Heiligtum umgegangen, noch dürfen wir hoffen, im Nachhinein alle zu Widerstandskämpfern erklärt zu werden. »Operation Walküre« ist ein spannender, guter Geschichtsthriller, dessen Inhalt die meisten Deutschen kennen: Attentatsplanungen, Stauffenberg im Führerhauptquartier, der dramatische, aber vergebliche Kampf um die Macht in Berlin. Tom Cruise liefert eine glaubwürdige Performance ab, die vielleicht ein bisschen zu ernst geraten ist, bedrückt von großer Verantwortung.

Die Amerikaner mobilisieren all ihre Stärken. Als da wären Starcharisma, Geld, aufwendige Sets, große Truppenaufmärsche und Erzähler, die mit komplexen Plots und Figurenkonstellationen durchaus umgehen können. Wann wurde eine rein deutsche Geschichte in Hollywood je so ernst genommen?

Den hiesigen Erbsenzählern wird das aber nicht genug sein. Denn es gibt tatsächlich Abweichungen von der historischen Wirklichkeit, manche dramaturgisch begründbar, andere nicht. Einer der Köpfe des Widerstands wird zum Beispiel konsequent als General gezeigt, obwohl er zum fraglichen Zeitpunkt Oberst war; der Major, dessen Eingreifen den Staatsstreich scheitern ließ, tritt Stauffenberg im Finale gegenüber. Tatsächlich fand diese Begegnung nie statt. Viele Patzer dieser Art gibt es nicht, und man sollte den Willen aller Beteiligten nicht übersehen, die Motive der Widerstandskämpfer korrekt zu erfassen und die Komplexität ihres Handelns nicht auf ein paar billige Phrasen zu reduzieren.

Gescheitert, das kann man am Ende sagen, ist hier niemand. Außer jenen Kommentatoren, die alles schon vorher zu wissen glaubten.

Tobias Kniebe ist ehemaliger NEON-Redakteur. Soeben ist sein Sachbuch »Operation Walküre - Das Drama des 20. Juli« bei Rowohlt Berlin erschienen.

Start: 22. Januar. Mit Tom Cruise, Carice van Houten, Kenneth Branagh. Regie: Bryan Singer


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