lars_weisbrod 04.10.2005, 03:30 Uhr 97 0

"Du bist Deutschland"

Jeder lästert über die Medienkampagne – trotzdem sollten wir uns über sie freuen. Denn dahinter versteckt sich ein Chor, der Deutschland sein könnte

Manchmal tauschen Kritiker und Kritisierte die Rollen: Wenn sich Komiker, Kabarettisten, Intellektuelle und ihr Anhang über ein Phänomen derart ereifern, dass sie den Gegenstand ihrer Betrachtung in Penetranz bei weitem übertreffen. So geschieht es gerade bei der Medienkampagne „Du bist Deutschland“, die über die gesamte Dauer ihrer Präsenz nicht so langweilen kann, wie es ihre Parodien jetzt schon tun. „Erst gestern startete sie offiziell, schon heute gibt es mehr Parodien als Original-Anzeigen“, las man auf der Internetseite des Satiremagazins Titanic.

Da haben sich also fast alle großen deutschen Medienunternehmen, Axel-Springer-Verlag und Spiegel, RTL und die ARD, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Bertelsmann zusammengetan und unter dem Slogan „Du bist Deutschland“ wurden Anzeigen produziert und ein prominent besetzter Fernsehspot, deren Inhalt sich zusammenfassen lässt mit den Worten: Jeder kann etwas tun, dass es mit unserem Land wieder vorwärts geht.

Da sind also bekannte Persönlichkeiten, die im Fernsehen einen von den Kampagnenmachern „Manifest“ getauften Text aufsagen, der zwar hin- und herdriftet zwischen banaler Werbelyrik und esoterischen Poesiealbumsprüchen, aber mitnichten völlig falsch liegt, wenn es da heißt: „Egal, wo du arbeitest. Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden.“ Wenn die Antwort auf die Frage nach den anderen lautet: „Du bist die anderen.“

Dabei kommt es nicht einmal darauf an, was gesagt wird. Denn jene, die da Satz für Satz ergänzen, puzzlen aus ihren Stimmen wirklich etwas zusammen, das klingt wie ein guter Rat unter Freunden. Es sind nicht die üblichen Verdächtigen, die ihre Köpfe in die Kamera halte – vielleicht auch die, aber eben nicht nur: Da sind die Fernsehentertainer Oliver Pocher und Harald Schmidt, da ist der Rapper Kool Savas. Leuten, denen sonst nie ein ernstgemeintes Wort über die Lippen kommen würde, geschweige denn eine Appell. Die berühmt geworden sind, weil sie über Schwänze gerappt haben und über Bitchfressen. Und zwischendurch sprechen Anne Will und Ulli Wickert, die uns jede Nacht mit ihren glaubwürdigen Worten in den Schlaf wiegen.

Sie antworten auf die Frage, wer das eigentlich ist, dieses Deutschland. Vor 58 Jahren hat der Schriftsteller Wolfgang Borchert das in einem ganz anderen Manifest schon einmal getan. In seinem literarischen Programm, das gleichzeitig Zustandsbeschreibung des Landes nach der Stunde Null ist, heißt es: „Sie alle, die Angst haben und Not und Demut: Die wollen wir lieben in all ihrer Erbärmlichkeit. Die wollen wir lieben wie die Christen ihren Christus: Um ihr Leid. Denn sie sind Deutschland.“ Und auch er wollte hingehen und das „Du“ nehmen, es den Menschen vor die Füße werfen und ihnen an die Köpfe, was sie alles sein müssen – und können: „Denn der Morgen, der hinter den Grasdeichen und Teerdächern aufsteht, kommt nur aus dir selbst. Und hinter allem? Hinter allem, was du Gott, Strom und Stern, Nacht, Spiegel oder Kosmos und Hilde oder Evelyn nennst - hinter allem stehst immer du selbst. Eisig einsam. Erbärmlich. Groß. Dein Gelächter. Deine Not. Deine Frage. Deine Antwort. Hinter allem, uniformiert, nackt oder sonstwie kostümiert, schattenhaft verschwankt, in fremder fast scheuer ungeahnt grandioser Dimension: Du selbst. Deine Liebe. Deine Angst. Deine Hoffnung.“ In einer Zeit, die gewiss noch viel weniger nach Zuckerwatte schmeckte als unsere und in der die Krise unseres Landes gewiss noch viel tiefer und das Leid der Bevölkerung ein nicht zu vergleichendes war, schrieb Borchert: „Denn wir lieben diese gigantische Wüste, die Deutschland heißt.“

Vielleicht wäre das der ehrlichere Slogan für eine Kampagne gewesen: Denn wir lieben diese gigantische Wüste, die Deutschland heißt. Ein Slogan, genauso an die Lethargiker gerichtet wie an alle, die uns nerven mit den ewigen Parolen vom Deutschland, das bloß schlechtgeredet wird und eigentlich viel besser ist als sein Ruf. Vielleicht wäre er ehrlicher gewesen als die glattgeschliffenen Sätze der Werber bei Young van Matt. Vielleicht würde Borchert in seinem Grab rotieren, wüsste er von der Kampagne - wie es die Medienmacher angesichts seines Nihilsmus in ihren Sesseln tun würden. Und ganz gewiss brauchen wir die kritischen Stimmen, die uns davor warnen, allzu oft irgendeinem Blödsinn aufzusitzen.

Aber es ist auch in Ordnung, wenn wir vor dem Fernseher sitzen und uns darüber freuen, dass Kool Savas und Anne Will im gleichen Spot auftauchen - und dafür nicht einmal einen Cent bekommen haben. Und dass aus ihren Stimmen und denen aus dem Axel-Springer-Haus und denen aus der Spiegel-Redaktion und der Wolfgang Borcherts tatsächlich ein Chor wird, der da Deutschland sein könnte. Denn niemand hat gesagt, dass wir ein harmonischer Chor sein müssen.

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    Tja, die Werbekampagne an sich find ich von der Idee her nicht schlecht. Sie soll gemeinschaftlichen Zusammenhalt suggerieren und zeigen, dass nicht alles in Deutschland so schlecht ist, wie man zu glauben meint. Grade weil der Stolz auf Land in Deutschland nicht besonders ausgeprägt ist wie beispielsweise in den USA (das ist vielleicht auch besser so) ioder Frankreich. Letztendlich kommt es doch immer auf den Einzelnen an. Und da gibts nunmal die, die das toll finden und sich mit der Kampagne identifizieren können und die, die die Werbung nicht anspricht, eher aufregt-wie mich. Ein kleiner Schritt in Richtung: Aufhören mit dem Gejammer! Schade nur, dass auch im Dritten Reich unter Hitler auf großen Werbetafeln in Leipzig und Umgebung zu lesen war: "Denn du bist Deutschland" ( http://www.andreas.de/wordpress/archives/2005/11/22/denn-du-bist-deutschland/) Der aktuelle Spot soll also das im Laufe der Gechichte geschundenen Nationalgefühl stärken und wirbt dann mit einem Slogan dieses Hintergrunds? Gut, dass das die wenigsten wissen...
    Übrigens: Strafanzeige gegen die Kampagne wurde auch schon gestellt wegen Darstellung von Hakenkreuzen
    http://kommunikationsguerilla.twoday.net/stories/1176974/

    26.11.2005, 21:28 von hulianica
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    Hmm. Wäre ich ein paar Kilometer weiter westlich geboren, müsste ich mir den Satz "Du bist Frankreich!" anhören. Dass ich laut Pass Deutscher bin ist reiner Zufall. Warum muss ich mich nun mit Deutschland identifizieren? Ich kenne nur sehr wenige, die das können und auch tun. Deutschland ist auch nur ein (zum großen Teil) künstlich hergestelltes Konstrukt. Ich erwarte nichts von diesem Staat, aber er scheint etwas von mir zu erwarten. Wie auch immer, die Kampagne ist gut:
    Die gutverdienenden Mitbürger sehen sich in ihrer Meinung bestätigt, dass Arbeitslose eh selbst Schuld sind und jeder Arbeit bekommt, der auch arbeiten will. Und die Arbeitslosen sehen sich in ihrer Meinung bestätigt, dass vom Staat außer Sprüchen nichts zu erwarten ist.

    26.10.2005, 11:31 von me.k
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    ich verstehe nicht warum die kampagne nicht wirkt und unter einem schlechten stern stehen soll!?

    Ich kann mich wirklich 100% mit dieser aussage identifizieren... dieses ständige rumgenörgele und dabei nichts tun bringt einfach nichts. Das beste beispiel dafür ist die bundestagswahl diesen jahres... es gibt total viele die jetzt sagen: "die merkel als kanzlerin...wie konnte das passieren..da geht deutschland ja den bach runter!"
    Aber ein großer teil von diesen menschen ist garnicht wählen gegangen, weil sich ja sowieso nichts ändert! Aber rummeckern kann man ja trotzdem mal... Jeder möchte, dass sich etwas ändert und verbessert, doch die sache in die hand nehmen will keiner...
    Diese kampagne ist richtig und gut! und die leute, die sagen, dass die kampagne falsch sei sind zum großen teil in der eben von mir beschriebenen schicht der meckerer!

    25.10.2005, 12:59 von crasser_christian
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    nee, kann ja gar nicht sein. wollen wir wirklich deutschland sein, wenn deutschland im jahr 2007 35 milliarden euro einsparen muss? das macht ja rein rechnerisch pro kopf bei 82 mio bürgern schon mal 424! rechnen wir babies weg und arbeitslose...aaaaaaargh. kein urlaub mehr in 2007 *schnief*

    25.10.2005, 02:56 von phiechen
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    die wirkung der kampagne stand von vornherein unter keinem guten stern. denn letztendlich wird nur noch darüber geredet, ob man sowas veröffentlichen sollte oder nicht, aber der inhalt wird ja so ziemlich ganz vergessen. sicherlich sollte den deutschen klar werden, dass wir es so schlecht gar nicht haben, und jeder einzelne wichtig ist in dem gesamtwerk staat. aber eine kampagne, die so auf moral-apostel spielt und letztlich schon unwirklich rüberkommt, kann man nicht ernst nehmen.

    21.10.2005, 17:45 von suchendesmaedchen
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    Ich muss gestehen. Hut ab vor Jung von Matt für die Kampagne, dass Sie diese in kurzer Zeit so gepuscht haben . Ich aber möchte nicht Deutschland sein. Ich bin ich und nicht irgendein Obdachloser, Alkoholkranker, oder eine andere Figur, mit der ich mich nicht identifizieren kann. ich bin ich und ich werde es auch immer sein. Ach und ich möchte auch nicht Max Schmeling sein oder eine der anderen Figuren, "die unser ach so tolles Land" in der Welt vertreten "dürfen"/ durften.
    Und wenn die Kampagne schon alle tollen Personen anbringt, die uns zur "Weltmacht" gemacht haben, wieso dann nicht auch die, die uns mit negativen Schlagzeilen so berühmt machten, wie wir es heute sind? Werden die wieder einmal in die ewige Vergessenheit geschoben? Klar, es passt nicht ins Bild. Aber wenn einer uns aufzeigen will, was "wir schon tolles geleistet haben. Möchte ich auch daran errinern, dass wir auch schwarze Momente haben. Und damit könnte man auch gleich aufzeigen, dass wir es doch wieder auf die Beine geschafft haben.
    Und dazu kommt noch, dass das Logo von " Du bist Deutschland" genau dem von Olympia 1992 Barcelona gleicht. Sehr kreativ.
    also ich finde die Kampagne ist nur halb durchdacht. und fliegt voll an mir vorbei.

    21.10.2005, 15:11 von gerizo
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    und auch in der neon gemeinde ist sie angekommen: die wohl größte aller deutschen tugenden - alles und jeden erstmal schlecht machen, zerreißen, auseinandernehmen, kritisieren und verwerfen. an den kommentaren erkennt man, dass alle die, die eben nicht deutschland sein wollen und diese kampagne ablehnen eigentlich am ehesten deutsch sind... hut ab und immer weiter nörgeln. so wird alles gut.

    21.10.2005, 10:59 von bastian
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