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nicole 03.10.2006, 11:40 Uhr 0 0

Die Welt im Marmeladeglas

Arash macht "Werbung für 'normale' Moslems": mit Hilfe einer Dokumentation, die dem Exil mit Humor begegnet.

Ich werde mit dir kämpfen – genauso wie ich mein Leben lang für meine Ideale gekämpft habe." – Der Vater spricht zu einem Marmeladeglas, das sich nicht öffnen lässt; das genauso stur sei wie ein Diktator. Der Sohn hält seine Kamera auf die Szenerie, wie er es viele Jahre lang machen soll: zwischen 1994 und 2006 fängt Arash familiäre Momentaufnahmen ein. Belege dafür, welche Bedeutung Humor in dieser Familie einnimmt. Humor als Überlebensmotor? – 1982 musste die Familie aus politischen Gründen aus dem Iran fliehen. Arash ist neun Jahre alt. Als er genauso viel Zeit in Österreich wie im Iran verbracht hat, stellt er sich "die klassische Migranten-Identitätsfrage": "Werde ich ab jetzt jeden Tag mehr zum Österreicher, nur weil ich nicht in meine Heimat zurückkehren kann?" – Eine als Pilgerfahrt getarnte, geheime Reise nach Mekka gibt Aufschluss: Die Großfamilie, die in alle Himmelsrichtungen verstreut lebt, trifft aufeinander: Es wird gelacht, geredet, gestritten, gefeiert – und viel umarmt und geküsst. Erstmals seit 20 Jahren …

Exile Family Movie erlaubt einen seltenen Blick auf eine "exemplarische Flüchtlingsgeschichte": Die ursprünglich privaten Erinnerungsvideos setzen sich zu einer fröhlichen und berührenden Dokumentation über eine sympathische Großfamilie zusammen: "Vor der 'Pilgerfahrt' war das Material nur für meine Familie von Interesse – aber durch das Zusammentreffen dreier Kulturen – Amerika, Europa und Islam – existierte plötzlich ein viel größerer Spannungsbogen." – Der eine Menge über Vorurteile, Akzeptanz und Verständnis zu erzählen vermag. Denn auch wenn ein Familientreffen dokumentiert wird, so prallen doch die westliche und muslimische Welt aufeinander: Im Mikrokosmos der Familie findet sich die Weltpolitik wieder. Politisch ist der film zwischen den Zeilen; einen "Propagandafilm" zu machen, lag Arash fern, wenn er seinen Film – besonders nach einer mehrstündigen Passkontrolle in den USA – auch augenzwinkernd "Werbung für 'normale' Moslems" nennt. Er sei "ein Plädoyer dafür, dass man nebeneinander leben und sich gegenseitig akzeptieren kann". Arashs Versuch, sein Publikum "näher an das Leben unbekannter AsylantInnen heranzuführen, die die Boulevardpresse gern mit Begriffen wie Schmarotzer und Drogendealer (oder Terroristen) in Verbindung bringt", ist jedenfalls geglückt. Denn durch Exile Family Movie sitzt man mittendrin im Geschehen. Den gewissen Charme macht der neckische Humor aus – und die Leichtigkeit, durch die Ernsthaftes zum Publikum getragen wird. Arash weiß, "dass man dadurch viel mehr bewirken kann als mit einem Betroffenheitsfilm über die armen Flüchtlinge. Und auch wenn ich damit nicht die Welt ändern kann: vielleicht zumindest das Bewusstsein …"

EXILE FAMILY MOVIE
A 1994-2006. Regie: Arash.
Verleih: Filmladen. 94 Min.
"Wichtige Links zu diesem Text"
Die offizielle Seite zu Exile Family Movie
Arashs Produktionsfirma

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