Feriengast 24.02.2013, 18:48 Uhr 3 0

And the Oscar goes to...

Warum Dänemark nicht nur ein Hipster ist, sondern auch ein würdiger Kandidat für die heutige Oscar-Verleihung

Ein psychisch kranker König, seine sexuell unausgelastete Frau und ein glücklicher Leibarzt.

Es braucht nicht viel, um ein gutes Drehbuch in einen erfolgreichen Film zu verwandeln, aber das Leben schreibt immer noch die besten Geschichten. Als Ergebnis dieser Ménage-à-trois erhalten wir einen der besten Filme, den Dänemark jemals hervor gebracht hat. Nikolaj Arcel’s historisches Drama 'En Kongelig Affære' (engl. A Royal Affaire, dt.Die Königin und der Leibarzt) ist für den Oscar 2013 nominiert.

Ein wichtiger Fakt daran ist nicht, dass es der vierte Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für Dänemark werden könnte oder dass der Film – zumindest auf dem Papier – auf einem schwedischen Softporno-Roman basiert. Viel interessanter ist es, einen Blick auf die allgemeine Entwicklung des modernen, dänischen Fernsehens zu werfen. Serien und Filme made in Denemark erleben derzeit einen weltweiten Boom. Nach neun Nominierungen würde der Ruhm eines vierten Oscars in dieser Kategorie nur zum köstlichen Sahnehäubchen.

Dänemark ist ein Hipster

Eigentlich steht dänisches Fernsehen für alles, was das moderne Hipstertum ablehnt.

Frei definiert, ist ein Hipster eine stilistisch-kreativ gekleidete Person mit einem Hang zu billiger Retro-Fashion, der die Mainstream-Vorstellungen von Luxus negiert. Ein Hipster schätzt übertriebenen Individualismus und personifiziert Haltungen einer Gegen- und Subkultur. Am wichtigsten ist aber: ein Hipster ist niemals Mainstream.

Bekannte dänische Fernsehformate wie etwa die weltweit ausgestrahlte Serie 'Borgen' (dt. Gefährliche Seilschaften) aber auch 'En Kongelig Affære' zeigen das Leben in einer beschönten, dänischen Gesellschaft, voll von linken, wohlhabenden, gutaussehenden, Karrieristen der Oberklasse, die ab und an mit dem Fahrrad in ausgefallende, kleine Cafés radeln, um einen überteuerten Kaffee zu genießen.

Neuer, extravaganter Lifestyle

Diese Demonstration einer privilegierten Gesellschaft spiegelt nicht den dänischen Mainstream wieder. Und das ist es auch, was die dänische TV-Produktion zum Hipster macht.
Wenn sich die Zuschauer von 'Borgen' also mit Birgitte Nyborg Christensen identifizieren können, weil diese versucht Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen und im Alltag genauso Ehe- und Gewichtsprobleme hat, wirkt sie zunächst wie eine ziemlich normale Durchschnittsfrau. Nicht alle Durchschnittsfrauen sind dabei aber zeitgleich Dänemarks Premierministerin.

Dänemarks Serien stechen also aus der Masse hervor, indem sie einen neuen extravaganten Lebensstil propagieren.

Einen Lauf haben

Welcher andere Fakt stützt diese These des neuen Hipsterimage?
Dänische TV- und Filmproduktionen haben sicherlich einen neuen Trend gesetzt. Die Welt hat das kleine, verregnete, 5Millionen-Einwohner Land plötzlich auf dem Schirm. Die Londoner Times veröffentliche kürzlich sogar einen Artikel unter der Überschrift 'Why everybody wants to be Danish' (dt. Warum jeder Dänisch sein will).

Dänische Produktionen erobern langsam aber erfolgreich die Welt. 2011 wurde in Großbritannien das Krimi-Drama ‘Forbrydelsen' (engl. The Killing, dt. Kommissarin Lund – Das Verbrechen) ausgestrahlt und bekam unerwartet guten Zuspruch. 2012 folgten als Konsequenz zwei weitere Serien (‘Broen‘ und 'Borgen'), um die neue und hungrige Zuschauergruppe zu füttern. Vor zwei Jahren schaffte ‘Forbrydelsen' dann endlich den Sprung über den großen Ozean und die USA produzierten einen komplett eigenen Remake der Serie über zwei Staffeln.

Dänische Produktionen haben einen Lauf.

Nur cool bis…

Dänemark ist zur Hipsternation geworden, weil es etwas Neues, etwas Exotisch ausstrahlt. Jetzt möchte die Welt ein Stück davon. Im Gegensatz zu amerikanischen Produktionen, können Dänische Film nicht einfach online gestreamt oder Staffeln bei Amazon gekauft werden – es sei denn man versteht die Dänisch.
Die Produkte müssen erst mit Untertiteln belegt werden und der Fakt, dass man sie nicht mit einem einfachen Fingerschnippen haben kann, macht sie nur noch begehrenswerter.
Aber Hipster sind nur so lange cool, bis alle anderen auch Hipster sind.

Jeder Hype hat ein Ablaufdatum

Die letzte Staffel von Dänemarks erfolgreichstem Serienexport 'Forbrydelsen' wurde im November im dänischen Fernsehen gezeigt. Und obwohl das neue Kriminaldrama 'Dicte' im Januar erst angelaufen ist, bleibt zu bezweifeln, dass eine andere Krimiserie in die großen Fußstapfen von 'Forbrydelsen' treten kann.
Die Welt wird wieder ein Auge auf Dänemark haben,  welches sich nun gegen Konkurrenten aus Österreich, Chile, Kanada und sogar gegen seinen Nachbarn Norwegen beweisen muss. Das kann auf zwei Arten enden.
Entweder ist der Hipster zu cool, um zu gewinnen und behält damit seine exotische Hipsteranziehung bis sein Ablaufdatum gekommen oder er wird dort enden, wo er zwar kein Hipster mehr, aber zumindest erfolgreich sein kann: im Mainstream.

http://www.youtube.com/watch?v=sjiVVz7VLIo&feature=youtu.be


Tags: Dänemark, Oscar, A Royal Affair
3 Antworten

Kommentare

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    Liebe, von Michael Haneke

    24.02.2013, 22:44 von SteveStitches
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      Da muss ich zustimmen, der wird wohl das Rennen machen in dieser Kategorie. Aber die Hoffnugn stirbt zuletzt. Hast du auch Tipps für bester Film und beste/r Hauptdarsteller/in?

      25.02.2013, 02:01 von Feriengast
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      Hallo Feriengast, vielleicht liegst du nächstes Jahr richtig, soll ich dir noch meine Tipps für bester Film und beste/r Hauptdarsteller/in geben?

      25.02.2013, 22:16 von SteveStitches
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