leboheme 18.11.2005, 13:09 Uhr 1 0

Anachronismus Amerika

Mit Manderlay legt Lars von Trier nach Dogville den zweiten Teil seiner außergewöhnlichen Amerika-Trilogie vor.

Grace (diesmal verkörpert von Bryce Dallas Howard) hat mit ihrem Vater (ebenfalls neu besetzt mit Willem Dafoe) das zerstörte Dogville verlassen und entdeckt durch Zufall Manderlay, eine abgelegene Baumwollplantage, auf der die schwarzen Arbeiter noch immer – 70 Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in den USA – als Sklaven gehalten werden. Sie beschließt, diesem Anachronismus ein Ende zu setzen, und zwingt die Besitzer-Familie unter Androhung von Gewalt, die Sklaven freizulassen.
Nun versucht Grace, auf Manderlay eine demokratische Gemeinschaft freiheitlicher Selbstbestimmung zu etablieren. Daß Demokratie im Kleinen beginnt, müssen nicht nur die ehemaligen Sklaven lernen…

Was die filmische Umsetzung dieses Stoffes betrifft, bleibt Lars von Trier hier weitgehend bei den in Dogville erprobten Mitteln: der speziellen (Hand-) Kameraführung und der charakteristischen Schnitt-Technik. Auch die Filmmusik und der Abspann verdeutlichen die enge Beziehung zum Vorgängerfilm von 2003. Und wieder greift von Trier auf originär epische Elemente wie den Erzähler und die Einteilung seiner Geschichte in Kapitel zurück. Erneut zitiert er Brecht und erschafft Manderlay als abstrahierten Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft, in einer künstlichen Bühnenlandschaft, die aufs Wesentliche reduziert ist und so umso mehr Raum für die Handlung der Protagonisten bietet. Dieser wird auch gut ausgefüllt: obgleich Manderlay wie Dogville deutliche Überlänge hat, enthält der Film keinerlei Längen; die Handlung wird kontinuierlich und letztlich schlüssig entwickelt.
Allerdings führt die erneute Verwendung der Verfremdungseffekte dazu, daß diese nicht mehr als so irritierend und künstlich wahrgenommen werden, was andererseits wiederum eine stärkere Konzentration auf die Handlung bewirken mag.

Dogville arbeitet insgesamt vielschichtiger, bleibt offener und läßt mehr Raum für die eigene Interpretation: während Dogville im Kleid einer allgemein gehaltenen Parabel daher kommt, welches sich gleichwohl ohne weiteres der amerikanischen Geschichte überstreifen läßt, ist Manderlay für die amerikanische Geschichte und damit auch immer für die amerikanische Gegenwart maßgeschneidert und läßt sich nur in einem zweiten Schritt verallgemeinern. Ob das Maß, das Lars von Trier dafür genommen hat, an allen Stellen paßt, ist eine Frage, deren Beantwortung dem Zuschauer überlassen sei.
Im direkten Vergleich zu seinem Vorgänger kann Manderlay aus diesen Gründen nur mit etwas Wohlwollen mithalten; für sich gesehen aber ist auch Manderlay ein hervorragender und beeindruckender Film, der durch seine spannende und gut konstruierte Handlungsführung mit ihren raffinierten Wendungen vom Anfang bis zum Ende überrascht und fasziniert.
Deshalb der Tip für Ihren Kinobesuch: kommen Sie keine Minute zu spät!

4 von 5 Sternen

(Andreas Broede)

Manderlay
(Dänemark/Schweden/Großbrittanien/Frankreich/Deutschland/Niederlande, 2005, 139min.), Regie & Drehbuch: Lars von Trier, Darsteller: Bryce Dallas Howard, Isaach de Bankolé, Danny Glover, Willem Dafoe, Lauren Bacall u. a.

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