Alles nur ein "Vorschlag" …
VIENNALE '06: Wie Elfriede Jelinek Geburtstag feiert, wer unter den illustren Gratulanten zu finden ist und wieso ein Ruf aus dem Dschungel ertönt …
Die VIENNALE hat in den letzten Jahren gerne einen Ausflug in die Flora und Fauna unternommen, um mit einem Sujet unterm Arm zurückzukehren, welches sinnbildlich für die Vielseitigkeit des zusammengetragenen Filmprogramms steht. Heuer zieren die quer über ganz Wien tapezierten Plakate eine Koralle. VIENNALE-Chef Hans Hurch zitiert sogleich einen holländischen Biologen, denn auch die VIENNALE versuche, "Bilder und Ideen zusammen zu tragen, welche die anderen nicht kennen". Noch nicht kennen. – Die gesammelten Impressionen wird die VIENNALE heuer von 13. bis 25. Oktober 2006 vorlegen.
"Ein Filmfestival zu programmieren, einzelne Arbeiten auszuwählen, Schwerpunkte zusammenzustellen (…) ist im Grunde nichts anderes, als Behauptungen aufzustellen – Aussagen über den Stand des Kinos zu treffen und ein Bild des aktuellen Produktionsgeschehen aus der Welt zu geben", erklärt der Festival-Direktor, der das Programm auch als eine Art Vorschlag sieht: "Eine Summe von nützlichen, verschwenderischen, überraschenden, erfreulichen und manchmal auch unverständlichen Vorschlägen". Zu diesen Vorschlägen zählen nicht die Filme bewährter Festivalhasen wie Nanni Moretti oder Ken Loach. Die VIENNALE sei "kein Durchlauferhitzer anderer Festivals", betont Hurch; sie will sich als Festival mit eigenem Profil positionieren – und geht auf Entdeckungsreise: anstelle von "Vorhersehbarem" wolle das Filmfestival lieber Gewagteres und Ungewöhnlicheres zum filminteressierten Publikum tragen.
Das Hauptfilmprogramm besteht zu einem großen Anteil an außereuropäischen Filmen; vielfältige Arbeiten aus dem ostasiatischen Raum werden auf die Leinwände der bewährten Festivalkinos projiziert, wie auch eine "neue Schule" an jungem, unabhängigem amerikanischen Kino, die als "serious slackers" bezeichnet werden kann.
Aki Kaurismäkis Studie zur Einsamkeit – Lichter der Vorstadt – findet sich im Hauptfilmprogramm, Valeska Grisebach bringt Sehnsucht mit nach Wien (läuft auch im Rahmen der "Propositions"), Rudolf Thome beehrt einmal mehr die VIENNALE – begleitet von seinem neuen Film und vielleicht seiner Hauptdarstellerin Hannelore Elsner. Sein Drama Du hast gesagt, dass du mich liebst feiert bei der VIENNALE übrigens seine Weltpremiere – wie etliche andere Arbeiten. Der Erstling von Mike Ott, Analog Days, zum Beispiel. Oder In the Beginning was the Image: Conversations with Peter Whiteland von Paul Cronin und zahlreiche Produktionen, die sich im wieder sehr umfangreich ausgefallenen Dokumentarfilmprogramm tummeln.
Der Schwerpunkt des Dokumentarfilmprogramms ist musikalischer Natur: Ausgewählte Musikfilme werden zu sehen sein, darunter Arbeiten mit und zu Leonard Cohen, Albert Ayler, Neil Young oder Michel Gonrys ungewöhnliche Dokumentation Dave Chapelle's Block Party. Unter dem Titel News from Home versammeln sich neue Arbeiten österreichischer Filmschaffender: So werden u. a. die neuen Werke von Ruth Beckermann und Andrea Eckert, Peter Schreiner, Andrina Mracnikar und Anja Salomonowitz gefeiert. Auch eine Literaturnobelpreisträgerin feiert. Bringt aber keine Bücher, sondern einen Schwung an Filmen mit:
Geburtstag feiern mit Elfriede Jelinek. Die Autorin, eigentlich dafür bekannt, sehr zurückgezogen zu leben, feiert ihren Geburtstag mit der VIENNALE: Der 20. Oktober im Künstlerhaus gehört ihrer "Party". Zu den Gratulanten zählen u. a. Ulrike Ottinger (Bildnis einer Trinkerin, 1979), Rainer Werner Fassbinder (Liebe ist kälter als der Tod, 1969) und David Lynch (Lost Highway, 1997), denn Jelinek hat einen Tag in einem Festivalkino nach ihren Herzenswünschen programmiert.
Sisters Act. Apropos Herz … Das Tribute mit dem Titel "Sisters Act" wirkt versöhnlich: Zwei verstrittene Schwestern werden wieder vereint. "Zusammengebracht gegen ihren Willen", wie Hans Hurch augenzwinkernd verlautbart. – Das Programm ist Joan Fontaine und Olivia de Havilland gewidmet, wovon Letztere unter Umständen die VIENNALE beehrt – Ihr Agent müsse die 90-Jährige nur noch überreden. Ähnlich wie beim Besuch von Lauren Bacall vor zwei Jahren hätte sie eine Menge zu berichten: Sie und ihre um ein Jahr jüngere Schwester zählen zu den letzten großen, überlebenden Schauspielerinnen der Ära des "Goldenen Hollywoods". Olivia de Havilland könnte u. a. von Michael Curtiz (mit ihm drehte sie The Adventures of Robin Hood, 1938) oder Victor Fleming (Gone with the Wind, 1939) erzählen. Die Filmographie ihrer Schwester kollidierte gerne mit Alfred Hitchcock (Rebecca, 1940 und Suspicion, 1941) und Nicholas Ray (Born to be bad, 1950).
Anwesend wird jedenfalls der „Held“ eines anderen Tributes sein – und auch zu Lectures in die VIENNALE-Zentrale, ins Dachgeschoss der Urania locken: Das Tribute ehrt Peter Whitehead – und borgt sich den Titel von den Rolling Stones: "Sympathy for the Devil". Whitehead, eine fast vergessene Figur der englischen Underground- und Dokumentarfilmbewegung der 60er-Jahre, beschäftigt sich filmisch mit Bands wie den Rolling Stones und Pink Floyd, liefert faszinierende Momentaufnahmen von Jimi Hendrix und Syd Barrett. Erstmals seit vielen Jahren wird sein Werk präsentiert.
Unter dem Titel Tales from the Jungle lockt ein Special Program in die tropische Vegetation und untersucht den Dschungel als kinematographisches Motiv. Wem das an Programmschienen und Entdeckungsreise noch immer nicht reicht, dem seien noch die Propositions ans Herz gelegt: Wieder stellt die VIENNALE zwölf ausgewählte Arbeiten vor, die einen innovativen, radikalen, außergewöhnlichen Weg einschlagen. Zwei davon sind Albert Serras Honor de Cavalleria und Kelly Reichardts Old Joy.
Ein abenteuerliches Ausprobieren und Entdecken ist mit dem umfassenden, abenteuerlichen Programm der diesjährigen VIENNALE garantiert: "Vorschläge", die man gerne annimmt …
Das Wichtigste auf einen Blick:
DIE TERMINE. Cineastenherzen hüpfen heuer von 13. bis 25. Oktober 2006 übermütig.
DIE TICKETS. Am 30. September, Punkt 10 Uhr begann die alljährliche Jagd auf Festivaltickets. – Im virtuellen Zuhause der VIENNALE – www.viennale.at –, sowie bei den Vorverkaufsstellen und telefonisch bei der A1-Ticketline unter 0800/664 006. Das umfassende Festival-Programm ist online abrufbar.
DIE FESTIVAL-KINOS. Wie im Vorjahr bespielt die VIENNALE fünf Kinos: Gartenbaukino (1., Parkring 12), Metro (1., Johannesgasse 4), Stadtkino (3., Schwarzenbergplatz 7), Künstlerhauskino (1., Akademiestraße 13) Urania (1., Uraniastraße 1 – Im Dachgeschoss befindet sich wieder die VIENNALE-Zentrale; Ort für Diskussionen, Vorträge, Lesungen und Publikumsgespräche, Feste, Konzerte, Musik-Events und Live-Acts). Retrospektive: Filmmuseum (1., Augustinerstraße 1)
DAS PLAKATSUJET. "Bilder und Ideen zusammen tragen, die die anderen (noch) nicht kennen": Die VIENNALE hat sich ihr diesjähriges Motto bei einem holländischen Biologen abgeschaut. – Und unterstreicht es mit dem Abbild einer knallroten Koralle.
DIE GÄSTE. Valeska Grisebach bringt Sehnsucht mit, Martina Gedeck und Stefan Krohmer ihre Eindrücke vom Sommer '04 an der Schlei. Romuald Karmakar erzählt von Hamburger Lektionen, Peter Whitehead hat auch sonst – während des Tributes und der Lectures – einiges zu sagen. Agnès Varda, der – gemeinsam mit Jaques Demy – die Retrospektive im Filmmuseum gewidmet ist, reist mit ihren Kindern an, den Schauspielerin Rosalie Varda und Mathieu Demy. Hans-Joachim Klein (!) begleitet Alexander Oeys Dokumentation De terrorist Hans-Joachim Klein. – Auf der Liste finden sich noch viele andere. Wie James Benning (One Way Boogie Woogie), Veruschka (in Antonionis Blow-Up zu sehen) und Kenneth Anger (hält auch Lectures!)
DIE ERÖFFNUNG. Eröffnet wird die diesjährige VIENNALE mit The Queen, dem neuen Film von Stephen Frears, der sein bester seit Jahren ist. Was vielleicht mit dem Gegenstand und der Geschichte zu tun, einem zutiefst englischen Kapitel der Gegenwart, einer Art gehobener Soap Opera unter Beteiligung des englischen Königshauses, des jungen Premiers Tony Blair und des trauernden Volkes. Über allen: die tödlich verunglückte "Königin der Herzen", Lady Diana. Auf teils ironische, teils vernichtende, teils mitfühlende Weise erzählt The Queen vom Opportunismus sowie Kalkül der Regenten und Politiker.
DIE RETROSPEKTIVE. Von 2. bis 31. Oktober 2006 wird das Österreichische Filmmuseum auf Trab gehalten, denn die diesjährige Retrospektive ist eine "Doppel-Retrospektive". Und das Werk der beiden, denen sie gewidmet ist, berührt sich nur punktuell, ist aber dennoch auf vielfältige Weise miteinander verbunden: Die Retrospektive ist dem filmschaffenden Ehepaar Jacques Demy, 1990 verstorben, und Agnès Varda gewidmet.
DIE TRIBUTES. UND SPECIAL PROGRAMS. Geburtstagfeiern mit Elfriede Jelinek ist am 20. Oktober im Künstlerhaus angesagt. Jelinek hat einen Tag in einem Festivalkino programmiert. Daneben werden Peter Whitehead, Olivia de Havilland und Joan Fontaine geehrt, während ein Special Program in den Dschungel entführt: "Tales from the Jungle" untersucht den Dschungel als kinematographisches Motiv.
ENTSCHEIDUNGSHILFE:
10 Tickets, um die man kämpfen sollte.
>>HONOR DE CAVALLERIA /ALBERT SERRA (Spanien 2006) Eine sozusagen "leergeräumte" Deutung des Don Quichotte-Stoffes.
>>OLD JOY /KELLY REICHARDT (USA 2005) Quasi ein Meet and Greet von „Brokeback Mountain“ und einem Horrorfilm.
>>THE OTHER SIDE /BILL BROWN (USA 2006) Eine Beleuchtung des Geistes der Landschaft zwischen Mexiko und den USA.
>>REANGLAO JAK MEANGNUE /URUPHONG RAKSASAD (Thailand 2005) Raksasad Debüt über den drohenden Verfall traditioneller Lebensformen.
>>A SCANNER DARKLY /RICHARD LINKLATER (USA 2005) Eine Rotoskopie über das Leben des drogensüchtigen Polizisten Bob.
>>SVYATO/VICTOR KOSSAKOVSKY (Russland 2005) Der unerreichbare Zwilling: Das Spiegelbild. Eine geschickte Auseinadersetzung.
>>SEHNSUCHT/VALESKA GRISEBACH (Deutschland 2006) Ein Film, schön und schmerzhaft wie aus Feuer gemacht.
>>HOME/PATRIC CHIHA (A/F 2006) Die Geschichte eines Mannes, den eine Geschäftsreise in seine Heimat Österreich zurückführt.
>>CHUAN BING /ZHANG HUI LIN (China 2006) Ein für das chinesische Kino erstaunlich offener und gewagter Film.
>>FANTASMA /KAWASE NAOMI (Japan/F 2006) Eine leise hypnotische Hommage an jenes Fantasma, das wir Kino nennen."Wichtige Links zu diesem Text"
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