zzebra 18.05.2009, 10:38 Uhr 9 3

Zum Kommentar, bitte!

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Das Internet ist ein kurioser Ort. Besonders wenn man Plätze aufsucht, an denen es übertrieben stark menschelt. Wenn sich etwa Kommentare wie Duftmarken aneinander reihen, eine jede Stellungnahme eine bescheidene Revierabgrenzung: „Meine Denke!“, zumindest aber ein Anschauungsunterricht, was Psychologie zu leisten vermag, läse man zwischen den Zeilen. Schön, wenn man über all dem stehen kann und sich nicht verstrickt hat in Angriffe, Anfeindungen, Unterstellungen, Belehrungen und der Erkenntnis, dass es viel mehr Menschen gibt, die wortgewandter, wissender, intelligenter sind als man selbst. Diese Erkenntnis ist die wunderbarste, sie schützt vor Hochmut, Zorn, Hass, Neid und Gier.

Seit einiger Zeit lese ich statt eines Internet-Textes lediglich nur die Kommentare unter ihm. Ohne inhaltliche Beeinflussung, ohne Bewertung, frei von Ressentiments dem Autor und des von ihm Gesagten gegenüber, versuche ich mich durch die Vielfalt an Kommentaren an das, was der Urheber gerne transportiert hätte, heranzuführen. Ein nicht ganz unbeschwerliches Unterfangen, denn die wenigsten Aussagen gehen inhaltlich gezielt thematisch darauf ein. Sie verlegen sich vielmehr gerne, als wäre Kommentieren ein schrankenloser Denksport mit absoluter Narrenfreiheit, bestenfalls auf Nebenschauplätze, schlimmstenfalls erkennt man nach und nach bestimmte Muster. Am erstaunlichsten daran ist jedoch, dass es immer wieder bestimmte User sind, die diese Spielchen miteinander wortgewandt ausfechten.

Nun weiß jeder, das Schreiben auch eine Art Befreiung, Ventil ist (die, zugegeben, bis hin zu Bewusstseinseintrübung und Egomanie führen kann), je nachdem wie unfrei respektive selbstmitleidig man an den Akt an sich herangeht. Alle Beweggründe außer Acht lassend, den Unterhaltungswert nicht einschätzen könnend, vom Sprachstil unbeeinflusst, tastet man sich vorwärts, schmunzelt über so manchen Unterhaltungswert, schüttelt stumm den Kopf ob so viel Missverständnisbereitschaft. Kurz, man staunt nicht schlecht über die Selbstdarstellungsbreite so mancher mitteilungsbedürftiger Mitleser.

Man könnte natürlich einen Text auch NUR lesen, ohne das geringste dazu anzumerken. Das Geschriebene auf sich wirken lassen wie bei einem Buch, einem Film, einem Event, bei denen man, am Ende angekommen, dem Verfasser ja auch keinen vernichtend bissigen Brief in rotzigem Stil mit wilden Interpretationsmutmaßungen zusendet, obendrein als I-Tüpfelchen persönlich oder gar beleidigend wird. Es wird auch oft in einer selbstverliebten Überheblichkeit provoziert und runtergeputzt, dass man zwischen baff und zutiefst beschämt kopfschüttelnd weiter nach unten scrollt, auch wenn man liebend gerne eine Standpauke hielte. Was bewegt einen Leser nun, derart dreist zu kommentieren?

Als erstes fällt einem ein: fehlende An- wie Aussprache. Möglicherweise hält es niemand mit solchen Zeitgenossen länger aus. Die Anonymität und Distanz zum vermeintlichen Gesprächspartner (gerne auch die ganze weite Welt) schaffen ein übriges. Das Internet ist obendrein a priori nämlich so kalt, gefühllos und unpersönlich wie ein Haufen Nullen und Einsen es nur sein können, auch wenn sie sich alle Mühe geben, mehr daraus zu formen. Doch erst was jeder einzelne in sich selbst an Wärme, Nähe und Tiefe zulässt, wie er es auf sich wirken lässt, verwandelt es in das, was es gerne sein möchte: ein interaktiver, freundlicher, nützlicher Marktplatz für alles, aber auch wirklich alles, was man sich vorstellen kann, also vom reinen Informationspool über den größten Shop der Welt bis zur heißen Partnerbörse.

Wer sich als emotionaler Mensch im Web bewegt, erkennt schon bald eine grundlegend andere Gesetzmäßigkeit als im Realen: Kommunikation nur mittels reiner geschriebener Sprache ist weit komplizierter als man annimmt. So gesehen empfähle es sich wohl, wenn alle User zumindest das Grundrüstzeug eines erfahrenen Autoren mitbrächten, das reduzierte immerhin die Interpretationsvielfalt der Aussagen erheblich. Verglichen mit dem virtuellem Gegenüber ist aber der Nachbar an der Bar auch nicht immer ein ausgefuchster Verbalakrobat, man muss also auch bei ihm ein gewisses Maß an Empathie, Verständniswille, Rücksicht und Aufmerksamkeit mitbringen, will man sich über mehr als den Geschmack einer eben verzehrten Currywurst oder das Wetter am Nordpol unterhalten.

Um all die im Internet fehlenden Faktoren zu einem mehrwertigen Gespräch zu kompensieren, erfindet man allerhand Kunstkniffe und Tricks, um diese auszugleichen. Emoticons etwa, diese von manchen verhassten Strichpunktgesichter, die einen momentanen Gefühlsausdruck transportieren sollen, sind dabei manchmal hilfreich, manchmal zerren sie durch gezielte Missbrauchspolitik den Argumentationskarren noch tiefer in den Sprachmüll. Aber auch verbale Sprachkürzel, die eine innere Haltung mitteilen wollen, aber sehr vom Interpretationswillen des Empfängers abhängig sind, helfen dabei, Gestik, Mimik, Modulation, sowie die ganze Körpersprache des real fehlenden gegenüber zu ersetzen, auch wenn diese Faktoren unersetzlich sind. Man bedient sich auch gerne anderer Auswege, Dutzende aus den Literatur- und Kommunikationswissenschaften bekannte oder unbewusst gebrauchte Sprachstilmittel kommen zum Einsatz, Bilder wie Figuren, von denen die Ironie ein sehr beliebtes ist, relativiert sie doch jegliche Aussage, zwar bewusst nicht gänzlich vom Inhalt her (der steht weiter wie bestellt und nicht abgeholt im Raum), und doch augenzwinkernd und nicht weiter erklärungsbedürftig. Ironie ist in einer Diskussion wie eine Krücke, benutzt von einem nicht Gehbehinderten. Zudem kann sie, nachträglich mit diesem Etikett deklariert, eine anfangs ernst gemeinte Aussage relativieren.

Überhaupt basieren Kommentare oft und gerne, eben wegen ihres anonymen Charakters, auf einer Art Gleichgültigkeit gegenüber des Nächsten, dieses Unbekannten. In nahezu unbeaufsichtigter Narrenfreiheit ist es möglich, seine selbstdarstellungssüchtigen Inhalte mit einer Daseinsberechtigung zu versehen. Das Bedürfnis der Selbstdarstellung ist beliebt, sowohl seitens des Anbieters, der damit rechnend spielt, sowohl aus Sicht des Benutzers, denn - so ungern jeder das Wort „cool“ auch mittlerweile selbst gebraucht - fast alle wollen es gerne sein, gerne auch noch cooler als andere. Und da dem Internet die Fama anhaftet, eine Art strategische Verewigungsgarantie anzubieten (obwohl sie eher einem Massenkommentargrab ähnelt), mit integriertem Ego-Polierer und Aufmerksamkeitsanspruch, ist eine textbezogene oder nur einen vagen Kontext bedienende kritische Stellungnahme allein schon gemütserhellend. Dem Blubbern eines Goldfisches im runden Glas gleich strotzt das Internet nur von solchen Kommentaren; nur dass der Goldfisch glücklicher ist, denn er kümmert sich nicht weiter drum, was aus seinem Maul quallt.

So gesehen sind simple Bemerkungen wie „Schöner Text!“ oder „Das hat mich jetzt berührt...“ bei weitem gerngesehener als dieses leidenschaftliche Gezeter, intellektuell oder nicht, in denen sich ein paar wenige Borderliner, Egomanen und Gefühlseremiten immer wieder einfinden und selbst bedienen, um - egal welches Thema - als Vorwand für ihre eigene Befindlichkeit, Mitteilungssucht oder Diskussionswut zu gebrauchen.

Gezielten Missbrauch kann man hier nicht unterstellen, denn das Internet lebt genau und gerade von dieser leidenschaftlichen Auseinandersetzung: wenn sich unterschiedliche Charaktere mit noch unterschiedlicheren Ansichten austauschen, um alles und jeden zu bedienen. Vor allem aber das eigene kleine Ich, das irgendwo im fernen Unbekannt vor sich hin dümpelt, unbeachtet von der großen weiten Welt, in der es doch so gerne mitspielte, auf Grund seiner Unbedeutsamkeit aber keine Chance auf ein breites Publikum hat.

Aber wenn man ehrlich ist, größeren Unterhaltungswert hat es immer wieder, wenn sich die Meute zerfetzt und zerfleischt, das war vor 2000 Jahren auch nicht anders.

Zur Rettung der Gemeinde muss man anführen: Es sind nicht alle Kommentierenden so drauf, wohl eher nur ein kleiner Teil. Aber dieser kleine Teil ist um so emsiger am Werke und findet auf Grund der Vehemenz in Darstellungs- und Vorgehensweise dementsprechend größere Bedeutung. Was so ja auch indirekt beabsichtigt war, ließe sich seufzend anfügen.

Nach dieser Erkenntnis kann man denn aber doch schmunzelnd und um eine Erfahrung reicher dazu übergehen, statt dem wilden Treiben in der Arena zu frönen (oder sich gar wagemutig hinzu zu stürzen), doch wieder die Texte statt nur den Kommentarteil zu lesen, die angeboten werden. Das aber am besten ohne die Bemerkungen anderer Leser darunter mitzunehmen. Denn jeder Kommentar ist im Grunde wie ein Lockvogel: eine Verführung, einem anderen zustimmend zuzunicken oder vielleicht einer sinnfreien, verletzenden, verachtenden usw. Aussage doch Paroli zu bieten. Um dadurch natürlich eiskalt in die angedachte Falle zu tappen.

Am sichersten kann man sich sein, dass man mit jedem Kommentar, jedem Text (also auch diesem hier), jedem Auftritt im Internet unbezahlt einen Zweck bedient: dem Anbieter des Orts, an dem man Nullen und Einsen einfügt, in die Hände zu spielen. Gleichgültig, wie banal, künstlerisch, wahr, brutal, uninteressant oder kunstvoll verwoben sie auch sein mögen, die Attraktionen leben vom Feedback. Insofern sind alle Teilnehmenden einer dieser kleinen Trolle, die vor allem das System füttern. Gut, dass es so ist, sagen die einen, denn es macht das Netz so groß, wundervoll, interessant und gleichzeitig die Gier nach Informations- und Unterhaltungsflut so kostengünstig. Die anderen schweigen unbeachtet nutznießend weiter oder schalten ab und klinken sich aus.

Dieses noch so junge Medium gibt sich bisweilen so altväterlich und erwachsen, dass man sich ihm allein schon deshalb mit einem wachen Menschenverstand, einem heiteren Augenzwinkern und mit viel gesunder Skepsis nähern sollte.

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9 Antworten

Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht]
      Dann empfehle ich dir das hier:
      http://tinyurl.com/lkduol
      zz.

      07.07.2009, 09:39 von zzebra
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    Tja, „We love to entertain you”.
    Eine treffende Analyse, doch auch wenn man das alles weiss kann man mitspielen. So tue ich das, jedenfalls so lange bis ich keine Lust mehr dazu habe.
    Natürlich spielt man den Anbietern in die Hände, und vielleicht kann man deren Beweggründe noch weiter analysieren. Aber dazu habe ich im Moment wenig Lust und Laune. Vielmehr hätte ich gerade Lust mit einem Schildchen wo „Gefühlseremiten raus“ drauf steht für ein paar Minuten eine Demo zu machen. Vielleicht würden ja ein paar Leute mitmarschieren; eine Demo mit weniger als 1 Dutzend Leuten würde reichen, denn mehr Gefühlseremiten als eine Handvoll habe ich noch nicht entdeckt.
    O ja, das ist natürlich politisch nicht korrekt, da fehlt die Toleranz, ich weiss, aber ich gönne mir das mal heute.

    Jetzt ist es mir auch noch ein Bedürfnis so etwas wie „schöner Text“ zu sagen. Wobei ich damit den zutreffenden Inhalt meine.

    Nichts für ungut,

    Cyro

    18.05.2009, 12:33 von Cyro
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    Hui, so viele Kommentare in so kurzer Zeit. Das mag auch etwas heißen...

    Klar geht es kürzer. Ich wollte aber so lang darüber schreiben, ist ja mein Artikel. Kurz hat es bereits Christian Flierl (NEON-Redakteur) mit seiner NEON-User-Schelte hinbekommen:

    "Viel zu häufig geht es in den Kommentaren um die Person des Autors und nicht um das Thema, das er in seinem Text beschreibt. Und viel zu häufig wird über den Vorwand, ja nur Kritik zu äußern mit einer Überheblichkeit provoziert, die man in keiner Unterhaltung im realen Leben an den Tag legen würde."

    Und er liegt, wie man sieht, goldrichtig.

    Genau über diese zwei Sätze wollte ich ein paar Gedanken, die mir dabei kamen, festhalten. Und es erschien mir sehr passend, diese auch genau hier zu veröffentlichen.

    Der Text impliziert übrigens seine eigene Kritik; braucht man kein Wort darüber zu verlieren, es sei denn ein überflüssiges.
    zz.

    18.05.2009, 11:58 von zzebra
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      @zzebra ahhh, ja. stimmt! ist DEIN artikel. so gesehen ist mein kommentar nun ziemlich dumm. du könntest auch über klopapier oder dein hühnerauge schreiben, weil es dir eben frei steht.
      ich schreibe ja auch immer, worauf ich lust habe.

      18.05.2009, 15:00 von NeonBlond
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      @NeonBlond
      Genau.
      zz.

      07.07.2009, 09:22 von zzebra
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      @Sal_Paradise Mensch, so ein langer Kommentar... Wer soll das alles lesen? Worum geht's eigentlich?


      die Fähigkeit, auch ohne Smiley-Kennzeichnung in geschriebenen Texten Ironie und Sarkasmus zu erkennen, ist leider nicht weit verbreitet, da gebe ich dir recht.

      Da gebe ich Dir oder Euch recht.

      19.05.2009, 11:05 von B.tina
  • 0

    haha, genau. ich lese auch nur die kommentare. viel zu viel bla bla. ich mag ja das zzebra, aber das hätte man auch in ein paar sätzen festhalten können.

    18.05.2009, 11:21 von NeonBlond
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