Tim123 17.07.2009, 14:48 Uhr 30 21

Zeitansage: Leben, Version 3.8

"Sie waren das letzte Mal am 23.11.2008 um 12:43 online"

Da bewusste Selbsttäuschung oft entzückender an die eigenen Rezeptoren im Gehirn andocken kann, als die herbeigesehnte Wirklichkeit es täte, bilde ich mir manchmal ein, mein berufliches Leben in der Online-Welt hätte keinen Einfluss auf mich. Also schon, aber nicht auf mein Privatleben.

Eine kleine Ausnahme bildet der stetige Wunsch meiner Freunde und Bekannten, doch mal nach ihrem "Internet" zu sehen, weil da gerade "irgendwas nicht geht". Zwar bin ich im wahrsten Sinne des Wortes kein Profi, was Computertechnik betrifft, aber ich helfe dann doch gerne mal in verzweifelten Lagen. Manchmal ist es ja auch nur ein Stecker in der falschen Buchse. Und man ist dann ein kleiner Gott, wenn man ihn in die richtige Buchse gesteckt hat und sich dem verzweifelten Nutzer wieder die große weite Welt erschließt. Und ein kleiner bewunderter Gott bin ich ganz gern.

"Sie waren das letzte Mal am 23.11.2008 um 12:43 online" sprang mir letztes Wochenende auf einem solchen "Kannst Du mal schauen, mein Internet geht gerade nicht" - Computer entgegen. Die verzweifelte Eigentümerin dieses Laptops ist in Elternzeit und ohne Zugriff auf einen Bürorechner.

"Wie bist Du denn ins Internet gegangen, ohne Dein Laptop?" Überraschend unverzweifelt bekam ich als Antwort auf meine etwas entrückte Frage: "Gar nicht. Ich habe doch ein Telefon. Da kann ich doch jeden anrufen".

OK. Das war ein bisschen kokettierend von ihr. Das musste kokettierend gemeint sein. Denn über ein halbes Jahr nicht online war in Wirklichkeit bestimmt so was wie die Ananasdiät. Oder eine Art religiöse Form der Abstinenz. So wie 3 Monate ohne Schokolade oder 3-3000 Tage ohne Sex (je nach vorheriger Vorliebe).

Aber 6 Monate nicht Online?

Nun, mir ist wohl bekannt, dass es im frühen Mittelalter (also bis 1999) auch ohne Internet ging. So wie man sich auch früher noch richtig an Orten verabreden musste und man sich zum Beispiel an Bahnhöfen verpasste und dann nicht einfach zum Handy griff und "Wo stehst´n Du?" hineinbrüllte, um den Vermissten an Hand der eigenen Stimme, die durch sein Handylautsprecher zu einem herüber dröhnte, zu orten. Und es muss auch einen Grund gegeben haben, warum die Zeitansage bei der Post (sic!) einmal die meist-gewählte Nummer war. Ich kenne den Grund nur nicht mehr.

Wenn ich richtig nachdenke, bin ich aber nicht erst 1999 geboren. Ich muss das Mittealter alss sogar selbst noch erlebt haben! Aber wie hat es sich angefühlt? Ich weiss es nicht mehr.

Aber ich weiss, dass ich noch aus dieser Zeit stamme und manchmal sehr beruhigend und zugleich beunruhigend feststellen muss, dass ich nicht mit dem Internet aufgewachsen bin. Anders wäre nicht zu erklären, dass folgende selbst erlebte Anekdote zu meinen Lieblingsanekdoten zählt und unter gleichaltrigen Partygästen in Sektlaune einen leicht bewirkten Lacher provoziert:

Eine neue, 16jährige Babysitterin wird von mir durchs Haus geführt. In unendlicher Großzügigkeit habe ich ein paar Salzstangen und ein Getränk auf den Tisch gestellt, zeige auf Fernseher/Fernbedienung/Telefon und wünsche einen schönen Abend, als sie mir mit leicht erschrockenem Gesicht entgegnet "Kann ich nirgends ins Internet?"

Diese Geschichte ist auch ein guter Test. Wartet der Leser jetzt auf eine Pointe, ist er zumeist unter 25 (kleiner Hinweis an diese Zielgruppe: Ein Fernseher ist dieses Ding, an das Du Deine Playstation anschließt und nicht Teil der Pointe. Hast Du keine Playstation, schau mal unter dem verwirrenden Kürzel "TV" unter Wikipedia nach).

Zurück zum Thema:

Eine kritische Überprüfung meiner selbst ergibt, dass ich tatsächlich glaube, ein Leben ohne Internet müsste von mühsamen Qualen begleitet sein: von der Welt und allen sozialen Kontakten abgeschnitten, wie in einem kleinen afrikanischen Slum, nackt unter Wellblech auf dem Lehmboden schlafend. Und hungrig.

Da fällt mir doch etwas aus meiner Kindheit ein: In der Fernsehsendung "Pusteblume" (an dieser Stelle kein weiterer Kommentar - ich lasse das Wort "Fernsehsendung" einfach mal so wirken) richtete sich der von mir verehrte Moderator immer am Ende der noch nicht von einem Werbeblock verfolgten Sendung in die Kamera blickend an mich und meinen Bruder mit den Worten: "Einfach mal abschalten. Ja, jetzt! Geht doch mal raus, spielen!"

Das mach ich jetzt mal.

*offline*

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30 Antworten

Kommentare

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    Manchmal frag ich mich schon was ich denn "früher" (vor 2 Jahren) immer ohne meinen laptop den tag über gemacht habe.. ein leben ohne ihn...unvorstellbar..
    obwohl ich mich sogar ab und an dabei ertappe, wie ich vor dem pc gelangweilt "däumchen dreh".

    18.10.2009, 17:50 von IIR
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    Ach, Internet gab es gar nicht schon immer???

    Was haben denn die Leute in der Steinzeit damals in ihren Höhlen gemacht?


    -----

    Gefällt mir gut!

    06.09.2009, 04:14 von Kaddaa
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    Naja, mein Opa hat etwas ganz ähnliches über Fernsehen und Radio gesagt....die zeiten ändern sich.....die themen bleiben.....

    10.08.2009, 03:50 von paladin0505
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    Durchaus erheiternd!

    02.08.2009, 02:50 von Tschoern
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    Guter Text!
    wirklich,regt zum nachdenken an...

    Wenn ich in meiner gewohnten Umgebung bin fällt es mir sehr schwer darauf zu verzichten,aber im Urlaub geht das super...

    Zuhause lasse ich mein handy dann auch mal zuhause,und ich muss sagen nach einiger Zeit fühlt sich das auch nicht so an,als verpass ich etwas...!

    28.07.2009, 00:15 von UrMuffel
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    ach das ist doch immer so....wenn ich mal bewusst aufs internet und handy verzichte, weil ich denke "ruft ja eh keiner an, wat soll schon passiern", ist im postfach die hölle los. alle wollen was...ist mein handy iwo in meiner tasche außer hörweite verkramt, hab ich am nächsten morgen zigtausend vermisste anrufe etc...aber wehe das ding liegt brav vor einem....kein mucks!

    27.07.2009, 10:40 von cocoa
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    Treffender Text..

    Peter Lustig, Rappelkiste mit Ratz & Rübe... hihi

    War schon ne tolle Zeit!

    ..

    25.07.2009, 14:00 von Batida72
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ein sehr gut geschriebener text, der zum nachdenken anregt. fahre morgen für 8 tage nach texel und betreue dort menschen mit behinderung. werde also kein internet haben und das handy wird von mir auch kaum benutzt. mal schaun wie es sich anfühlt :)

    back to the roots

    24.07.2009, 10:20 von hallowassolldas12
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    Witziges Thema, ein Leben ohne Internet und Handy is doch wirklich schlimm. Gestern hab ich mein Handy zuhause vergessen und hatte gleich Panik- was, wenn mich jemand dringend erreichen wollte? Oder ich Irgendwo Hilfe rufen muss?

    ...ging früher auch gut ohne. Macht der Gewohnheit.

    22.07.2009, 19:44 von Supergalaktisch
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      @Supergalaktisch Ganz schlimm ist es allerdings, wenn man sein Handy vergisst, sich die Ganze Zeit Sorgen macht, was man verpasst hat und spaeter dann erstaunt feststellt, dass keiner angerufen hat oder wenigstens einen klitzekleine SMS hinterlassen hat.

      Genauso geht es mir auch mit dem Internet. Habe ich einen Tag (oder gar mehr) keinen Zugriff auf meine Emails werde ich ein wenig nervoes... Gluecklich sitzt man dann spaeter wieder vor dem Bildschirm und sieht (17) neue Nachrichten. Zieht man aber Spam, Facebook/StudiVz ab, bleiben vielelicht 2 wichtige uebrig. Sehr traurig...

      22.07.2009, 22:01 von sidra
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