Wir Apple-Idioten
Seit 16 Jahren bin ich Mac-User. Früher wurde man deshalb belächelt. Jetzt sind die Macs hipp und stylish. Nur benutzerfreundlich sind sie nicht mehr.
Mein erster Gedanke, als ich diese Rechner gesehen hatte: Das sind Spielzeuge. Das kann man nicht wirklich ernst nehmen. Das geht doch viel zu leicht mit denen. Lang ist das her, im Jahr 1990, während eines Studentenjobs bei einem Verlag. Dessen Geschäftsführer hatte sich in den Vereinigten Staaten am Apple-Virus infiziert und ließ dann seinen Laden von einem langhaarigen Freak komplett auf diese lustigen Computer-Würfel mit integriertem Monitor, grafischer Benutzeroberfläche und Maussteuerung (oder fachmännisch: Mac SE Classic) umrüsten.
Zuhause hatte ich damals große Flächen meines Ikea-Schreibtischs mit einer staubsaugerlauten MS-DOS-Maschine zugestellt mitsamt klobiger Tastatur und Bernstein-Monitor, platzsparend auf das Gehäuse gestellt, mit Nackenstarre-Garantie. Eine Maus hatte dieser Rechner auch, aber die brauchte man nicht, es gab ohnehin keine Programme dafür. Versuchte man, ein Programm mit Maus zu bedienen, stürzte das Betriebssystem (MS-DOS 3.3) zuverlässig ab. Mit Hilfe des Programms „Norton Commander“ hatte man eine Chance, relativ rasch und ohne Programmierkenntnisse Dateien zu kopieren, zu öffnen oder in Ordnern abzulegen. Es konnte aber – kein Scherz - wirklich nicht schaden, einige der DOS-Kommandos zu beherrschen, um sich Dateien anzeigen zu lassen. Die kann ich heute noch: „dir/p“, „cd..“ oder „chkdsk c:“ – und die funktionieren auch heute noch am Windows.
Aber das ging mich bald nichts mehr an. Ich rüstete mich 1992 mit einem PowerBook 140 aus. Seit sechzehn Jahren bin ich eine relativ milde Form von „Macianer“ – nur dass ich diese Bezeichnung eigentlich nicht mag.
Denn der Mac war für mich nie ein Lebensgefühl, sondern einfach nur der bessere Rechner, an dem sich intuitiv und kreativ arbeiten ließ. Anno 1992 zwei Macs in ein Netzwerk integrieren? Kein Problem, ein Druckerkabel und ein paar Minuten Zeit machten’s möglich (die DOS-Leute hantierten damals für dieselben Ergebnisse mit Novell-Zusatzsoftware herum und noch mehr Programmierkenntnissen). Apropos Druckerkabel: Hätte ich nicht selbst meine ersten Gehversuche mit einem DOS-Rechner gemacht, hätte ich gar nicht begriffen, was meine Kommilitonen meinten, als sie über fehlende, falsche oder mangelhafte Druckertreiber redeten, mit denen sich immer zuverlässig irgendein dringend benötigtes Zeichen eben nicht darstellen ließ. Ich kenne Theologen, die wegen der für die Diplomarbeit notwendigen altgriechischen Schrift teure Zusatzprogramme für ihre DOS-Rechner angeschafft haben – während diese Zeichen beim Mac standardmäßig dazugehörten. Ich schuf mir meine Ablagesystematik, durch die ich blind navigieren konnte, während die ersten Windows-Anwender darüber redeten, dass sie bestimmte Dateien nur an bestimmten Orten ablegen konnten, weil das System sie dazu zwang. Es gab sogar eine Zeit – auch wenn die nicht lange anhielt – da gab es für den Mac einfach die witzigeren Spiele: Mit der ersten Version von Prince of Persia habe ich noch den Abgabetermin meiner Magisterarbeit riskiert (und damit wohl einen Großteil der am Mac eingesparten Zeit wieder verdaddelt). Ein Spiel namens „Lemmings“ musste man unbedingt haben – die zweifelhafte Quelle der „Führungsqualitäten“ einer ganzen Studentengeneration.
Richtig unschlagbar war der Mac mit seiner Software, die es damals reichlich gab: Multimedia-Filme haben wir uns dank vorinstalliertem HyperCard schon mit Ton angeschaut, da waren sie auf der DOS- und Windows-Seite schon froh, wenn ihr System-Beep tat. An Schreibprogrammen war kein Mangel, wer sich Word nicht leisten wollte, setzte auf Nisus oder etwas anderes. Und irgendwer kannte immer irgendjemanden, der einen mit einer Version von Quark, dem wirklich unschlagbaren Layout-Programm, versorgen konnte.
Hach, war das schön.
Und wie man mit der Firma Apple mitgelitten hat, diesem David, der es irgendwie schaffte, verschiedenen Goliaths Paroli zu bieten – zuerst IBM, dann Microsoft. Und was für ein tragischer Held: Eigene Managementfehler, Lieferengpässe, Produktflops (wie das Newton Message Pad), enorme Preise – das machte alles nichts. Denn der Mac war eine Kreativmaschine, ein zuverlässiger Rechner, mit dem man sofort loslegen konnte. Keine Maschine, die sich nicht durch komplexe Installationsprozeduren zum Selbstzweck über den User erhob. Wir Mac-User, wir waren wenige. Aber wir waren die Guten.
Waren.
Grundsätzlich hat sich so viel gar nicht geändert. Auch den neuesten Mac kann man unmittelbar nach dem Kauf anschalten und gleich loslegen. Und nach wie vor gibt es Programme auf den neuesten Mac-Generationen – zum Beispiel das vorinstallierte Garage Band – die im Windows-Bereich gar kein Pendant haben, nicht einmal wenn man bereit wäre, viel Geld hinzulegen. Aber die unmerklichen Veränderungen sind die wesentlichen. Als Macianer alter Schule war ich noch anonym, heute muss ich mich registrieren, bevor ich bei einem neuen Mac die Chance habe, das Garage-Band-Symbol überhaupt nur anzuklicken. Und wie haben wir uns früher lustig gemacht über den sanften Zwang, Dateien an bestimmten Stellen abzulegen? Auch das neueste Mac OS richtet fürsorglich schon mal Ordner an, die da „Bilder“, „Dokumente“, „Musik“ etc. heißen. Die muss man nicht füllen. Aber weg bekommt man sie auch nicht.
Früher kritisierte man an Windows die Bananen-Taktik, das Produkt beim Kunden reifen zu lassen. Heute macht Apple das genau so: Ein Grafiker berichtet mir von einem nagelneuen Mac Pro, dessen Netzwerk-Funktionalität jeder Beschreibung spottet. An meinem MacBook Pro, das ich inzwischen habe, schläft nach längeren Pausen die Tastatur ein. Der jeweils erste Tastendruck weckt sie zwar wieder auf, der entsprechende Buchstabe wird aber nicht getippt – besonders lustig beim Eingeben von Passwörtern. Die neue Betriebssoftware Leopard füllt mit den zahlreichen Bugs die Apple-Foren. Ein Kollege berichtet, dass er einen zwei Jahre alten iPod nicht an einen nagelneuen Mac anstöpseln kann. Eine Apple-Hotline, die sich mit solchen Problemen beschäftigt, existiert vermutlich irgendwo, man weiß nur nicht wo. Mit welchem Recht machen wir uns eigentlich über den Telekom-Service lustig?
Die Grundlage stimmt nicht mehr. Die Qualität der Ware steht deutlich hinter dem Image zurück. Apple ist nach der „Erfindung“ des iPod zu einer Riesen-Vermarktungs-Maschine geworden. Ich bin mir nicht einmal sicher, welchen Stellenwert die vielen Texter, Layouter, Musiker für das Unternehmen noch haben, die ähnlich wie ich seit Jahren die treuesten Kunden und Multiplikatoren dieser Marke waren – und manche noch sind. Sind nicht längst die Quereinsteiger, iTunes-Store-Shopper, iPhone-„Blender“ viel einträglicher? Die Vermutung, dass Apple gar nicht mehr in die Herzen seiner (semi-professionellen) User, sondern in die Wohnzimmer von kaufkräftigen Privatleuten will, hat was für sich.
Das haben wir nun davon. Wir haben Apple den Erfolg so gegönnt. Wir haben uns anfangs mit gefreut. Wir haben uns zu Tode gesiegt. Immerhin kann ich mir auf meinem neuesten Mac zusätzlich auch Windows installieren. Mal schaun, wie das ist.

Kommentare
28.02.2010, 19:06 von mezzanineGlatt.
Warum dieser Text so nackt im Keller wartet, ist mir ein Rätsel.