Phpz 06.02.2007, 16:24 Uhr 5 3

Von Enttäuschung und 85Millionen

Also, für 85Millionen hätte ich meine Internetplattform auch verkauft. Ich hab' nur gerade keine, die ich entbehren kann.

Ganz nüchtern könnte ich auch behaupten, dass ich eigentlich gar nix besitze, was 85Millionen wert ist. Nicht einmal wenn ich alles, was ich besitze, mal 100 nehmen würde, und ich noch einen Tankgutschein im Werte von 84,78Millionen drauf packen täte. Und um sich endlich mal ganz weit aus dem Fenster zu lehnen, würde sich auch keine Prostituierte finden, die mir - gegen Bezahlung versteht sich- ins Gesicht lügen würde, dass überhaupt irgendetwas, was mit mir zu tun hat, 85Millionen wert ist.

Die Rede ist vom Verkauf der Internetfleischbeschauplattform StudiVZ, auf der mich trotz stetig wechselnder Profilbilder keine Ärschin zurück gruschelt!
In der Disco, egal wie viel ich trinke, werde ich nicht angetanzt.
Im Bus, egal wie weit ich vorne sitze, quatschen mich nur alte Omas an. Und die wollen einen Sitzplatz, meinen.
In der Vorlesung, egal auf wie viele Fragen des Profs ich die Antwort geben kann, keine der BWLmädels will mich von ihrem Pausenbrot abbeißen lassen. Wie hoch soll der Hemdkragen denn bitteschön noch stehen? Das Teil sägt mir doch schon an den Ohrmuscheln! Ganz zu schweigen von den EthnoVWLgirls, denen ich nicht mal den Jutebeutel tragen darf. Und ihnen Spaßes halber anzubieten, meine Bücher zu tragen? Fehlanzeige: „Oh, einen Clown gefrühstückt! Komm wieder wenn Du ein richtiges Problem hast, Du Opfer!“
ALLES "Probleme" DIE ICH EIGENTLICH MIT StudiVZ LÖSEN WOLLTE!

Ich dachte, da geht es voll zur Sache! Ich dachte, ich lerne tausende von total interessanten Leuten kennen. Stattdessen sitze ich nun da mit einer elektronisierten Auflistung von Menschen die ich schon vorher aus meinem tatsächlichen, ungepimpten Leben her kenne. Ok, zugegeben, ohne StudiVZ hätte ich es nie schaffen können, die alle an meinen Fingern abzuzählen. Früher kam ich immer nur bis zehn - und das auch nur wenn man die Daumen als Finger durchgehen lässt. Möglicherweise bin ich auch einfach unter falschen Vorzeichen an die Sache herangegangen. Vielleicht geht es beim StudiVZ gar nicht darum, Leute kennen zu lernen (dazu gibt’s ja viel persönlichere Orte, wie Darkrooms, Bushaltestellen, Ausnüchterungszellen und Weihnachtsfeiern). Worin besteht also der Kick beim Klick auf die ganzen tollen Menschen mit ihren noch viel tolleren Hobbys („lesen, reiten, malen“), ihren ausgefallenen Musikgeschmäckern („eigentlich so ziemlich alles“) und ihren tollen Fotos („ja, ich bin schon ein ganz verrücktes Partyhuhn“ und „ja, ich sehe verdammt aus wie Brad Pitt“ nach Photoshop)? Eventuell geht es darum, ihre Profile zu lesen, um sich dann vorzustellen: „Ach, wie toll wäre es, mit so einer Person befreundet zu sein. Dass sich zwei Fremde so ähnliche WunschProfile aus den Fingern gelutscht haben ist doch kein Zufall nicht! Ich gründ sofort’ne Gruppe und lad alles ein, was nicht bei drei ausgeloggt oder bei den LOKALISTEN gelandet ist!“

Ich bin der Beweis dafür, dass das Leben durch StudiVZ nicht besser wird. Es ändert sich eigentlich nix. Außer vielleicht, dass BILD.de nicht mehr meine Startseite ist. Ach ja, außerdem hat StudiVZ mein Leben verkürzt. Angefixt hat es mich. Es hat zwar nicht meine Lebenserwartung eingeschränkt, jedoch hat es mir wertvolle Zeit gestohlen. Zeit, die ich eigentlich damit hätte verbringen müssen, die Nutzung der Mülltonnen hinter meinem Haus zu überwachen. Und solange ich keine Freundin habe, werde ich vom StudiVZ abhängig bleiben. Womit der Teufelskreis geschlossen wäre. Da mich ja eh keine gruschelt, will auch keine mit mir schlafen, so gibt’s auch keine Freundin, somit wird noch mehr Zeit vorm StudiVZ verbracht und so weiter und so schade. Oder, ich richte mein Leben wieder nach den Sexy Sport Clips auf DSF. Laufen die eigentlich noch? Oder muss man da inzwischen erraten welches Sportgerät hinter den Buchstaben „B-A-L-L“ steckt?

„Oma Petersen hat Dich gegruschelt, biete ihr bitte Deinen Sitzplatz an, Du Opfer.“

Aber was die Kohle angeht, um wieder beim Anfang zu sein: Ich gönne es den Jungs! Jawohl. Das sage ich nicht nur, weil ich charakterliche Größe mittels Fairness und Anerkennung heucheln möchte! Nein. Die Heuchelei ist nämlich nichts im Vergleich zu meiner völligen Nullahnung und Fantasielosigkeit bezüglich der Summe von 85Millionen.

Wie viel oder was sind 85Millionen?

Ein Italiener der alten Pre-Euro-Generation täte mir sagen: "Ehhh, funf-80-Millione sind-e .... sind-e..... sind-e eine Cincquecento 92er, mit Tanke iss volle."

Mein Uroma hätte wohl gesagt, dass 85Millionen einem halben Laib Brot entsprechen.

Für eine Ameise sind 85Millionen eine übersichtliche Anzahl an Geschwistern.

Für Günther Jauch sind es 85 Sendungen an deren Kandidaten sich RTL schmerzlich erinnert.

Dieter Bohlen: „85, sex Nullen.“

Ab 85Millionen Einwohnern wird in China ein Ort zur Kleinstadt erhoben.

Nach 85Millionen Kilometern muss ein Toyota zum Kundenservice um den Rückspiegel neu einstellen zu lassen.

Nach’m 85millionsten Mal ist Atze Schröder immer noch nicht witzig.

Ein durchschnittliches Lied von Wolfgang Petry dauert gefühlte 85Millionen Minuten.

Männer denken am Tag 85Millionen Mal an Sex.

Frauen fragen ihre Männer 85Millionen Mal am Tag, was sie denken.

Männer sagen 85Millionen Mal am Tag: „Ach, nix.“

Das waren nur zwölf mögliche Ansätze um 85Millionen zu erklären. Nimmt man noch andere 84.999.988 Thesen dazu, ergibt sich das Schlusswort für irgend ein Buch namens „85Millionen mal sinniert, 85Millionnen Mal nix kapiert“.
Womit alle Klarheiten beseitigt wären.

In harter Währung würden wir hier von 170.000.000 50cent Stücken reden. Wie oft muss man angenschnorrt werden, um das loszuwerden? So viele Schnorrer gibt es gar nicht. Viel eher müsste man sich samt seines Geldbeutels und Strichliste an die Straßenecke setzen und jeden Passanten fragen: „Ey, willste’n bisschen Kleingeld?“ Aber wer hat für so was schon Zeit. Man könnte sich die Straßenecke auch einfach kaufen, und jedem Passanten befehlen, gefälligst seine Schuhe auszuziehen wenn sie oder er ...... nein, die Straßenecke bringt mich da auch nicht weiter.

Ahhhhhh, Moment!

85Millionen sind in Worten gefasst: Fünfundachtzigmillionen.
In Scrabble sind das, tja, je nach Reglement, 63 Punkten. Also, viel! Aha.
Viel Geld macht schön reich.
Und reich ist man, wenn man mehr Geld hat, als man benötigt. So. Fünfundachtzigmillionen entsprechen in Zahlen umgerechnet und inflationsbereinigt glatten 85.000.000. Also, zählbar. Bei 1 beginnend, so lange, bis der Erste bei 85Millionen angelangt ist. Die Frage, wie oft man dafür bei Monopoly über Los muss bleibt offen, da egal.
85Millionen lassen sich folglich zählen - wenn man sie denn hat. Und wenn man zum Leben nur, sagen wir mal, 84Millionen benötigt, wäre man mit 85Millionen per Definition reich. Da man ja mehr hat, als man zum Leben benötigt.
Sprich: Jemand mit 85Millionen ist reich. Jemand mit 20€ ist auch reich - in Liberia. Wobei ich die aktuelle liberianische Punkteverteilung im Scrabble nicht kenne.

Klar, hätten die Jungs ihre Internetplattform auch einfach behalten können. Olles Geld. Oder sie hätten sich schon mit 80Millionen zufrieden gegeben. Aber was können die zwei Studenten schon dafür, wenn das Geld so locker hängt?
Nix.
Glückwunsch, gebt bitte nicht alles auf ein Mal aus.

Für den Rest, für den sich finanziell in den letzten Monaten nicht so viel geändert hat: Weitermachen.
Versucht Euch zu freuen, oder kümmert Euch einfach weiterhin nicht darum, dass Ihr keine 85Millionen Euer Eigen nennen müsst. Überhaupt kommt es auf mehr an als auf Geld. Aussehen, Beliebtheit, schöne und populäre Freunde mit exotischen Namen sind auch sehr wichtig. Außerdem beult ein praller Geldbeutel auch unschön die Hose aus. Und ein unrunder Po zieht selbst dem holzäugigsten Betrachter keine Wurst vom Teller – egal vor welcher Backe die Millionen stecken.

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5 Antworten

Kommentare

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    So Phips, du arschmad, du blaed! mag deine texte! so und jetzt weitermachen. jojo

    16.02.2007, 12:38 von hanzon
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    ich liebe deine Texte!! sind auch der einzige Grund, warum es sich lohnt, hin und wieder auf dieser Plattform (?!) voller Pseudointellektueller vorbeizuschauen...

    07.02.2007, 22:35 von essex
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    ganz groß!

    06.02.2007, 22:14 von Pilades
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      @[Benutzer gelöscht] So richtig kenn' ich mich da nicht aus, so technisch. Sorry.

      Ich bin froh, dass mir der Hausmeister morgens immer den Computer anschaltet. Teufelskisten - ob die sich wirklich durchsetzen?

      06.02.2007, 17:02 von Phpz
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      @Phpz Rchtschrbng, sorry.

      06.02.2007, 17:06 von Phpz
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