Sarah.Schuhmeister 01.11.2017, 09:58 Uhr 4 1

Sarah hat wieder zugeschlagen

Von Zeit zu Zeit muss ich das Böse in mir herauslassen, ohne gleich jemanden umzubringen. Trotzdem möchte ich nicht mein eigenes Opfer sein.

Im Internet sind Seiten mit Kleinanzeigen ein netter virtueller Flohmarkt. Einige Anzeigentexte sind aber geradezu prädestiniert dafür, meinen inneren Dämon zu wecken. Neulich erregte diese Anzeige meine Aufmerksamkeit:

„Betreff: Suche guten Anwalt/wältin

Hallo! Wer kennt sich aus mit guten Anwälten in Bezug auf Reiserecht? Würde mich sehr über Antworten freuen.“

Die „wältin“ hatte mir gefallen. Ich konnte einfach nicht anders. Ich musste mich melden.

„Betreff: Ihre Anzeige im Internet

Hallo, leider kenne ich mich nicht so gut mit anderen Anwälten aus. Aber die gute Nachricht: Ich bin selbst einer mit Spezialgebiet Reiserecht. Ich vermute mal es geht um eine Reise. Ich könnte Ihnen eine günstige Beratung per Mail anbieten. Ich nehme 10,- Euro pro Mail. (Arbeitslose 8,-). Bei Interesse bitte melden.

Jochen“

Die Antwort kam prompt.

„Betreff: (kein Betreff)

Hallo,

danke für die Antwort. Ich möchte mich da persönlich mit jemandem unterhalten. Von wo sind Sie denn eigentlich? Ich wohne in der Nähe von 74889 Sinsheim.

LG Agnes W***“

Kein Betreff? Woher soll ich dann wissen, worum es geht?

„Hallo Agnes,

du hast keinen Betreff angegeben. Deshalb weiß ich nicht, worum es geht. Du hast den Wunsch geäußert, mit jemanden persönlich zu sprechen. Wie du auf mich gekommen bist, ist mir ein Rätsel. Ich kenne leider keine Agnes W*** in der Nähe von Sinsheim. Alterseinsamkeit ist eine schlimme Sache. Ich wäre unter Umständen bereit, mit dir persönlich zu sprechen, obwohl ich mich ein wenig verarscht fühle, denn dein Satz ‚Danke für die Antwort‘ kann nur ironisch gemeint gewesen sein. Wieso muss man am frühen Morgen schon so auf Krawall gebürstet sein?

Jochen“

Da hatte sie verstanden und ließ bei ihrer Antwort etwas mehr Sorgfalt walten.

„Betreff: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Jochen,

sorry, ich glaube, das ist ein Missverständnis. Du schriebst mir auf meine Anzeige, dass ich jemanden suche, der weiß, wo es gute Anwälte in Sachen Reiserecht gibt. Dann habe ich dir geantwortet, dass ich darüber vielleicht eher persönlich als über die Mail sprechen möchte. Aber was meinst du mit Alterseinsamkeit oder so ähnlich?? Werde 37, fühle mich noch nicht wirklich alt, einsam bin ich auch nicht... Du antwortest mir, dass du Anwalt bist. Das wäre echt klasse. Vielleicht könnten wir uns mal persönlich treffen. Für deine Auskunft würde ich klar was bezahlen. Bekomme ich eine Antwort?

LG Agnes“

Natürlich. Dafür bin ich doch da.

„Betreff: RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Agnes,

ja, das war dann wohl ein Missverständnis. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann und schreibe und bekomme täglich mehr als 50 Mails. Da war mir nicht klar, mit wem ich es hier zu tun habe. Inhaltlich entnahm ich deiner Mail lediglich, dass du mit jemandem persönlich sprechen willst. Deshalb kam ich auf Alterseinsamkeit. Das hat man ja heutzutage öfters. Zumal Agnes ein eher altmodischer Name ist. Entschuldigung, bei allem Respekt, ich kenne drei Agnes und die sind alle über 70 Jahre alt.

Wie auch immer. Wir können uns gern mal persönlich treffen. Allerdings ist das ein weiter Weg für mich, denn ich wohne in Norden. Das ist zwar auch im Norden, aber in der Tat wohne ich in Norden, Ostfriesland. Für eine Fahrt nach Sinsheim würde ich folgendes berechnen:

Anfahrt: 600,-

Abfahrt: 600,-

Beratung: 10,-

Spesen: 2,50 (1 Kaffee)

Gesamt: 1212,50 Euro.

Unter diesen Umständen könnte ich es sehr gut verstehen, wenn du den Emailverkehr bevorzugst, auf den ich mich eh spezialisiert habe. Ich habe eine umfangreiche Datenbank und kann dir in kurzer Zeit sämtliche relevanten Rechtsprechungen und Gesetzestexte senden. Deshalb ist es auch so günstig. Wenn das für dich interessant klingt, sag Bescheid.

Liebe Grüße Jochen“

Da erwachte plötzlich der Spar-Trieb in Agnes.

„Betreff: Re:RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Jochen,

ich bin einverstanden. Also, das Problem ist folgendes:

Ich hatte im August 2017 eine Reise in die USA gebucht. Ich wollte noch eine Reisegepäckversicherung abschließen, entschied mich aber dann doch dagegen. Ich dachte, es wird schon nichts passieren. Weit gefehlt. Mein Gepäck war bei der Ankunft nicht aufzufinden. Erst nach einer Woche bekam ich meine Koffer zurück. Bis dahin hatte ich diverse Ausgaben, die nicht nötig gewesen wären, wenn ich mein Gepäck gehabt hätte. Der Reiseveranstalter will keine Entschädigung zahlen. Kann ich ihn verklagen?

LG Agnes“

Klar kannst du den Reiseveranstalter verklagen. Aber vorher solltest du folgendes wissen.

„Betreff: Re:RE:RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Agnes,

also das ist ein schwieriger Fall, weil es eine Kombination aus amerikanischem und deutschem Recht ist.

Bevor ich dir antworte, solltest du folgendes wissen:

Ich habe durch einen dummen Verfahrensfehler meine Lizenz als Anwalt verloren. Ich habe mich beim Transport von Drogen verfahren gewissermaßen. Jetzt darf ich nicht mehr als Anwalt praktizieren. Das heißt: Im Grunde darf ich kein Geld von dir verlangen. Ich dürfte dich nicht einmal beraten. Aber irgendwie muss ich ja auch leben. Ich habe nun mal nichts anderes gelernt. So ein Jurastudium dauert ja seine Zeit.

Du hast jetzt zwei Möglichkeiten:

Du kannst mich anzeigen und viel Geld für Fachanwälte ausgeben, die dein Problem vielleicht nicht einmal lösen. Oder du bezahlst wenig Geld und dein Problem ist gelöst.

Lass mich deine Entscheidung wissen.

LG Jochen“

Was Menschen nicht alles tun, nur, um ein paar Euro zu sparen.

„Betreff: Re:RE:RE:RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Jochen,

da ich wenig Geld habe, lasse ich mich darauf ein. Sag mir, was ich tun muss.

LG Agnes

Na bezahlen.

„Betreff: Re:RE:RE:RE:RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Agnes,

in diesem Fall bitte ich um Überweisung von 50,- Euro für die bisherigen 5 Mails, zuzüglich 10,- Euro für die noch folgende Mail, die dein Problem löst.

Jochen K****

Commerzbank

Kto: 49*******

BLZ: ********

Nach Eingang des Geldes werde ich dir umgehend antworten.

Gruß Jochen“

Als es ans Bezahlen gehen sollte, bekam sie plötzlich Muffensausen. 

„Betreff: Re:RE:RE:RE:RE:RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Jochen,

ich kaufe doch nicht die Katze im Sack. Nachher kannst du mein Problem gar nicht lösen. Sorry, nein, ist nicht böse gemeint, aber ich habe da jetzt kein Interesse mehr.

LG Agnes“ 

Wie du willst.

„Betreff: Re:RE:RE:RE:RE:RE:RE: Meine Anzeige auf xyz.de

Hallo Agnes,

es tut mir leid, aber so läuft das nun mal. Ich habe dir meine Situation erklärt. Wenn ich dein Problem gelöst habe, und du kannst sicher sein, dass ich es lösen werde, wirst du nicht bezahlen und ich kann nichts dagegen tun.

Du kannst 60,- Euro, zuzüglich 10,- Euro für die noch folgende Mail, die dein Problem löst, bezahlen, oder 6000,- Euro für einen Fachanwalt. Überleg es dir.

Liebe Grüße Jochen

Na also. Geht doch.

„Betreff: (kein Betreff)

Hallo Jochen,

ich habe dir 70,- Euro überwiesen. Bitte schreib mir umgehend und löse mein Problem.

LG Agnes“

Kein Betreff? Woher soll ich dann wissen, worum es geht?

„Betreff: Re: (kein Betreff)

Hallo Agnes,

vielen Dank für die 70,- Euro. Leider hast du keinen Betreff angegeben, deshalb weiß ich nicht, worum es geht. Ich kenne nur drei Agnes und die sind alle über 70 Jahre. Von daher kann es sich nicht um eine Sexdienstleistung gehandelt haben. Naja, obwohl…

LG Jochen“


Tags: Reiserecht, Reisegepäckversicherung
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Kommentare

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  • 1

    Ich seh da keinen Gin drin...

    01.11.2017, 18:55 von sailor
    • 0

      Lach doch mal!

      01.11.2017, 19:39 von MaasJan
    • 0

      Der Kellerschlüssel is wech...

      01.11.2017, 20:37 von sailor
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