David_Pfeifer 20.10.2006, 12:05 Uhr 22 1

Onlineschwein

Im Internet vergessen selbst höfliche Menschen ihre Manieren. Wir brauchen mehr "Netiquette", oder?

Irgendwie ist ein falsches Wort schneller geschrieben als gesprochen. Sobald einem das Gegenüber fehlt, wird der Ton ruppiger. Das liegt zum einen daran, dass man, ohne die Körpersprache und Mimik des anderen zu sehen, seine Reaktionen nicht einschätzen kann. Zum anderen aber auch daran, dass man mutiger wird, wenn man es nur mit sich selbst zu tun hat. Und vor einem Computer hat man es halt erstmal nur mit sich selbst zu tun.
Deswegen ist das Internet, sind E-Mails und SMS, voll von seelischen Grausamkeiten. Wir meinen, wir sind uns nah, durch die neuen Kommunikationsformen, weil wir über lange Distanzen zu jeder Zeit Kontakt haben können. Aber gleichzeitig bleiben wir uns fremd, weil ein Blick halt manchmal doch mehr sagt, als tausend Worte. Und ein Lächeln die gleiche Bemerkung schön machen kann, die ein grimmiger Gesichtsausdruck zu einer Ohrfeige werden lässt. Erstmal funktioniert diese Distanz wie ein Schild, hinter dem wir unseren Mut sammeln können.

In guten Momenten führt dieser Mut dazu, dass wir uns etwas zu etwas durchringen, was wir uns schon längst hätten trauen sollen. Ein Flirt oder auch eine unangenehme Wahrheit anzusprechen. In schlechten Momenten passiert genau das gleiche: wir halten die Distanz nicht ein, wir rücken jemanden auf den Leib. Und dann kann es böse nach hinten losgehen.

Wer sich durch eine elektronische Botschaft gekränkt oder beleidigt fühlt, sollte eigentlich gleich zum Telefonhörer greifen und die direkte Kommunikation suchen. Aber leider neigt man dann meistens dazu, im gleichen Stil zu antworten. Also den gleichen Kommunikationskanal zu benutzen und den Ton weiter zu verschärfen. So gibt eine SMS oder Mail die andere. Die Gefühle kochen hoch, aber anstatt in einer Eskalation zu enden und sich aufzulösen, folgt dann das große Schweigen. Die, nun ja, digitale Sprachlosigkeit. Plötzlich wechseln keine Nachrichten mehr hin und her, sondern es wird sich ignoriert, so gut es geht. Und es geht ja ganz gut, wenn man sich nicht andauernd sieht.
Die vielen Smileys und sonstigen Abkürzungen, die in der elektronischen Kommunikation für emotionale Korrektheit sorgen sollen, sind leider keine wirkliche Hilfe bei dem Problem. Sie funktionieren nur so lange, wie das Thema heiter bleibt. Für alles andere braucht man so etwas wie „Netiquette“ – Umgangsformen für den Netzverkehr. „Netiquette“ ist ein Kunstwort aus der Frühzeit des Internet, eine Mischung aus „Netz“ und „Etikette“ – und auf die könnte man ja wieder mal zurückgreifen, wie ich in der NEON-Geschichte „Onlineschwein“ in der aktuellen Ausgabe vorschlage. Denn bisher wird immer nur mehr gepöbelt und wüster beschimpft, je mehr Menschen online sind. Und für jedes Thema gibt es einen korrekten Kommunikationsweg, aber nicht immer ist das eine Mail oder eine SMS. Manchmal sind die nur ein Schleichweg, wo man lieber offen aufeinander zugehen sollte.

Wie ist das bei Euch, habt ihr bestimmte Regeln für unterschiedliche Formen der Kommunikation?

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22 Antworten

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    im grunde recht einfach: ich vergegenwärtige mir immer, dass am anderen ende der tastatur ein lebendiger mensch sitzt, und sage nur dinge, die ich im "wirklichen" leben auch sagen würde.

    10.11.2006, 16:00 von Borussia
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    Je mehr die Leute vor dem Computer verbringen und sich über e-mail, SMS und Chatrooms "unterhalten", desto mehr fragt man sich, ob die überhaupt noch ein Benehmen haben. Der Ton macht die Musik heisst es doch immer. Also warum kann man sich nicht auch dort wie ein zivilisierter Mensch verhalten. Und Probleme sollte man immernoch persönlich mit dem anderen klären (sofern möglich), aber Schluss machen per SMS finde ich einfach nur megapeinlich und feige.

    28.10.2006, 09:29 von TramSusi
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    Das grauenhafte Deutsch ist viel schlimmer als mangelnde Unhöflichkeit.
    Auf Großbuchstaben kann ich ja noch verzichten (auch wenn ich sie mir NIE abgewöhnen will). Aber grauenhafte Vertipper, sinnentstellende Fehler in Wortwahl und Wortweglasswahl... nerven!!!
    Ich persönlich hab mit Unhöflichkeit bisher keine Probleme gehabt. Bei mir geht das alles sehr zivilisiert zu.
    Sogar in SMS - wo man doch eigentlich jedes Zeichen spart.

    27.10.2006, 21:40 von ZoZe
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      @[Benutzer gelöscht] oh mann, wie anstrengend ;)

      27.10.2006, 17:04 von NeonBlond
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      @[Benutzer gelöscht] Ich stimme Dir voll und ganz zu, dass jeder für sich wissen muss, welche Art der Kommunikation zu ihm passt.
      Gerade im Themenfeld "Lernen mit virtuellen Medien" macht es so ein "Knigge" wir die Netiquette oft einfacher. Alle beteiligten Lerner wissen, an welche Regeln sie sich halten müssen/sollen. Das vereinfacht den Umgang schon sehr, vor allem für den Tutor/Trainer/Dozent.

      28.10.2006, 17:45 von juli.sieben
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    Ich halte eine höfliche Art der Kommunikation für selbstverständlich.
    Wenn mich im Netz aber tatsächlich mal jemand beleidigt, genieße ich die Freiheit, mich dem zu entziehen. Ich muss mich ja nicht beschimpfen lassen ;)

    27.10.2006, 11:56 von frolleinmueller
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