David_Pfeifer 20.10.2006, 14:42 Uhr 0 1

Online ein Schwein

BESCHIMPFUNGEN in Diskussionsforen, schnoddrige E-Mails - was kann man dagegen tun? Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der »Netiquette«.

Kann einem schon mal passieren: dass man nach einem günstigen Hotel in Tokio sucht und plötzlich in einem Diskussionsforum zwischen Hasser und Fans der Band Tokio Hotel gerät. Dort sollte man dann keine falschen Bemerkungen machen, denn die Stimmung ist bereits aufgeheizt:

»Salo« schreibt:
»Diese Tokio Hotel fans sind echt hirntot, genau wie die band. Möchtegern Rock nennt man das.« »Phine« wirft sich für die Band dazwischen: »ich wüsste gern mal wie alt ihr seid...ihr seid doch bestimmt noch in der grundschule...weil so dumm kann doch keiner sein als jugendli cher...aber anscheinend schon...ach ja, was bringt euch das denn, wenn ihr über sie herzieht???«

»Chimaira« darauf:
»Ganz einfach weil es geil ist über Kindergartenzwerge herzuziehn. Muhahahahaha!!!! Fuck Ostdeutschen«
Auch »Malaka« ist dieser Meinung:
»Das müsst ihr uns sagen? Wer Fan von denen ist, ist unterstes Niveau und wirklich tief gesunken. Die sind sooo scheiße und die Tucke kann nicht mal singen. Mit der neuen Frisur könnte er gleich Stricher werden, gibt bestimmt viele Nazis die den Pisser durchnehmen würden. Solche Möchtegern Rocker! Nie ist die Vogelgrippe da wenn man sie mal braucht!!!!!!!!!!!!«
»Tokiohotelfan« kocht vor Zorn:
»angry: lass tokio hotel in ruhe du arsch :angry: :angry: :angry: :angry: :angry:«
»Tequila-w« lässt sich davon nicht bremsen:
»und so was soll rockmusik sein????????? das is doch der reinste müll den die da zam stöhnen da klingt meine oma beim fi**en ja noch besser als die!!!«

Und so weiter, und so fort. »Flamen« nannte man diese Form der modernen Beleidigungen früher und forderte eine »Netiquette« ein, einen Verhaltenskodex, nach dem die Netzbewohner miteinander kommunizieren sollten. Das war freilich in den Anfangstagen des Internets, als sich dort nur die Nerds gegenseitig durchbeschimpften, wenn einer die Prozes sorgeschwindigkeit seines Rechners nicht aus dem Kopf hersagen konnte. Heute sind über 50 Prozent der Deutschen online, und es gibt immer noch keine Anstandsregeln. Es ist, als hätte sich der Straßenverkehr entwickelt, ohne dass je Verkehrszeichen aufgestellt wurden. Das muss natürlich zu bösen Unfällen führen.

»Zweifellos vergessen manche Leute die goldenen Regeln des guten Tons nirgendwo so sehr wie beim Telefonieren. Ob das daher kommt, dass sie ihren Gesprächspartner nicht sehen?«, schrieb Joachim Haller 1959 in seinem Buch »Der Gute Ton im Umgang mit Menschen«.

Dabei ist das Telefon harmlos, denn dort kann man wenigstens noch hören, in welchem Ton eine Bemerkung gemacht wird und ob sie mit einem Lachen oder einem Seufzen abgeschlossen wird. Durch die neuen Möglichkeiten der Kommunikation haben sich diese letzten Sicherheitsleinen gelöst. Forscher sagen, dass elektronische Post wesentlich mehr Missverständnisse auslöst als Telefongespräche. Ein persönliches Gespräch ist am klarsten und am wenigsten missverständlich. Je weniger sinnlich und direkt das Medium, desto wahrscheinlicher sind grausige Kommunikationsunfälle. Dass die SMS sich als Flirtmedium Nummer eins durchgesetzt hat, könnte auch ein Grund für die weiterhin sinkenden Geburtenraten sein.

Und Anonymität wirkt enthemmend: Beim Chatten oder Posten spielen sozialer Status, Aussehen und Ansehen keine Rolle. Wir sind nur ein Sender, ein Empfänger unter vielen. Ebenso abstrakt wie wir selbst werden die Kommunikationspartner. Nie würde man jemandem ins Gesicht sagen können, was man scheinbar nur seiner Tastatur anvertraut und dann mit »senden« abschickt.

Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann sagt: »Ich bewege mich in diesen Räumen, egal ob es ein Chatraum oder ein Forum ist, ganz nach meiner Stimmung und dehne mich in einem unermesslichen Potenzial an kommunikativen Möglichkeiten aus. Und der Vorteil ist: Es reicht ein Klick, und der andere ist verschwunden.«

Das heißt: Auch wenn wir das Gefühl haben, uns online mit anderen auseinanderzusetzen, geht es in Wirklichkeit oft nur darum, die eigene Befindlichkeit auszuspielen und das Ego auszubreiten. Aber wenn ein anderer Mensch mit gleich großem Ego sich im gleichen Raum ausbreitet, wird es eng. Aggressionen per hastig geschriebener Nachricht rauszulassen, ist generell eine dumme Idee. Ein persönliches Gespräch zwingt zu Zurückhaltung. Ein Brief wird zumindest noch ein paar Mal gelesen, bevor man ihn absendet. Beides ist emotional sorgfältiger. E-Mail hingegen ist kalt wie ein Schwert, kann aber heiß geschrieben und gesendet werden. Eine schmucklose Nachricht im Netz hat zwei weitere Nachteile: Sie verfügt über eine unglaubliche Hebelwirkung, wenn es darum geht, Aggressionen auszulösen. Und hat praktisch gar keine Wirkung, wenn es da - rum geht, Aggressionen zu moderieren oder zu besänftigen.

Dadurch wird Netiquette immer wichtiger, als Leitfaden für den Online-Umgang miteinander. Die einfachste Regel ist auch gleich die wichtigste: Alles, was man tippt und schickt, sollte so formuliert sein, dass man es auch vor einer Gruppe von Menschen laut vorlesen könnte. Ja, ganz recht: vorlesen! Denn wir empfinden Mails, Chats und SMS als flüchtig, aber alles, was wir da schreiben, hat unerwarteten Bestand. Mails, die man gelöscht hat, sind von jedem Systemadministrator in Minuten wiederherzustellen. SMS halten sich erstaunlich lange in den Handyspeichern enttäuschter Liebender, und Einträge in Foren werden sowieso von niemandem gelöscht. Das werden auch die Fans und Hasser von Tokio Hotel noch feststellen, wenn sie erwachsen sind und ihnen ihre Ausfälle von heute peinlich sein werden.

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