nutella 19.12.2004, 22:57 Uhr 16 2

Mein Computer ist mein Computer war mein Computer...

Alles war einfach. Jeder hat sich Programme installiert, die er vorher gekauft hatte (oder auch nicht). In Zukunft wird alles anders. Dank DRM.

Heute morgen wollte ich meinen Rechner hochfahren um erst mal Mails zu checken. Anders als sonst weigerte er sich, auch nur einen Mucks von sich zu geben und spuckte nur die kryptische Fehlermeldung „Unsichere Software gefunden. Rechner wird zu Ihrem Schutz heruntergefahren“ aus. Aber keine Mails. Ich beginne in meinem Gedächtnis zu kramen, was für unsichere Software womöglich gefunden worden sein könnte. Viren und sonstiges Ungeziefer kommen nicht in Frage, die laufen auf meinem Rechner dank des „Trusted Computing“ Moduls nicht mehr. Und sonst benutze ich nur Software, der ich vertraue. Weiss mein Computer etwa mehr über meine Software als ich ? Allmählich geht mir ein Licht auf. Ich hatte am Abend noch Linux installiert, damit ich ohne Schwierigkeiten ein paar CDs in mp3s unwandeln konnte, ohne erst die großen Gurus um Erlaubnis fragen zu müssen. Das muss wohl nicht zertifiziert gewesen sein. Mist. Und was jetzt? Ein neuer Rechner?
Schlechte Science Fiction? Nicht ganz. Bisher ist diese Vision noch nicht Wirklichkeit, aber ab 2006 könnte es uns allen so gehen.
Hinter solchen Schreckensvisionen (oder schönen Aussichten, es kommt auf den Standpunkt an) stehen „Trusted Computing“ und „Digital Rights (oder Restrictions) Management“. Damit soll der nächste große Wurf in der Computer- und Unterhaltungsindustrie durchgesetzt werden. Dazu erst mal ein klitzekleiner Blick ins Urheberrecht. Das ermöglicht nicht nur die Unterscheidung von Kopierverbot und -erlaubnis, dessen Beachtung (oder auch nicht) in den Händen des Käufers liegt.
Man kann auch die Erlaubnis von Bedingungen abhängig machen. Dadurch kann Software an einen bestimmten Computer gebunden werden und wird nicht auf anderen Computern funktionieren, egal wem sie gehören. Musikdateien erlauben nur eine bestimmte Zahl von Kopien, egal ob ich sie einem Freund oder auf meinen USB-Stick kopiere. Es ist möglich, das Abspielen zu begrenzen, so dass der gerade im Online-Musikshop „gekaufte“ Song oder das bezahlte Programm früher oder später von der Festplatte verschwinden werden. Das kann man schon als Enteignung bezeichnen, auch wenn sie ganz legal ist, weil sie erlaubt ist. Die Kontrolle darüber hat der Hersteller der Software oder Musikdatei.
Das kann aber nur funktionieren, wenn vorher eine wichtige Bedingung erfüllt ist: die Software muss derartige Funktionen unterstützen. Das tun heutzutage schon der Windows Media Player und Apples iTunes Software. Aber auch der beste Schutz ist sinnlos, wenn andere Betriebssysteme oder Programme die Dateien ausführen bzw. abspielen, ohne aber die Schutzfunktionen zu unterstützen.
Hier kommt die zweite Komponente ins Spiel. Die enteignet nicht nur die gekaufte Software, sondern gleich den ganzen Computer.
Auf dem Mainboard wird dazu ein Chip genutzt, der darauf achtet, dass nur „vertrauenswürdige Software“ eingesetzt wird, also solche, die von einer (vom Hersteller des Betriebssystems bzw. der Hardware) dazu beauftragten Stelle zertifiziert wurde. Das System hört auf den schönen Namen „Trusted Computing“, also vertrauenswürdiges Rechnen. Und das klingt doch gut, ich will meinem Computer ja schließlich vertrauen. Doch kann ICH ihm dadurch mehr vertrauen oder jemand anders?
Wenn man sich anschaut, mit welchem Ziel das System aufgebaut ist – uns allen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen und „Selbsthilfemechanismen“ auszuhebeln – kann man sich unschwer vorstellen, dass nur solche Programme als „vertrauenswürdig“ gelten, die die oben beschriebenen Schutzfunktionen unterstützen. Programme (oder Dateien), die dies nicht tun, werden nicht ausgeführt. Damit ist auch die Antwort gefunden, für wen das „Computing“ vertrauenswürdig sein soll: für die Hersteller von Software bzw. die Unterhaltungsindustrie, nicht aber für die Nutzer. Der verliert weitestgehend die Kontrolle über das, was in seinem Computer wirklich vor sich geht und transferiert sie z.B. an Microsoft. Die können mit dem Computer dann machen, was sie wollen und alles ganz legal, schließlich habe ich in den Nutzungsbedingungen eingewilligt. Meinem Computer kann ich dann nur noch soweit vertrauen, wie ich Microsoft vertrauen möchte.
Natürlich erhalte auch ich etwas: aller Wahrscheinlichkeit nach werden Viren nicht zertifiziert werden und damit wird die Virenplage der Vergangenheit angehören. Weil jedes Programm zertifiziert werden muss, können die Hersteller von Betriebssystemen auch überprüfen, ob Programm und System zusammenpassen und damit in der Theorie die Zahl der Abstürze weiter reduzieren. Ob der Preis für die Vorteile angemessen ist...
Bisher gibt es noch kein Betriebssystem, das „Trusted Computing“ unterstützt. Mit der nächsten Windows-Version ("Longhorn"), die 2006 erscheinen soll, wird auch das erste Betriebssystem „Trusted Computing“ unterstützen. IBM baut seit 2003 schon TC-Chips in seine Notebooks ein, auch Intel hat Ende 2003 das erste Mainboard vorgestellt, das TC unterstützt.
Ein Trostpflaster gibt es aber noch. Soweit derzeit erkennbar ist, muss das verwendete Betriebssystem nicht den Anforderungen an „Trusted Computing“ genügen, sondern nur die Software unter Betriebssystemen, die es unterstützen. Und somit wird auch der Ausweg aus der Falle klar: OpenSource-Betriebssysteme wie Linux, OpenBSD oder andere werden höchstwahrscheinlich „Trusted Computing“ nicht unterstützen. Deren Nutzern wird ihr Computer also nach wie vor gehören. Ganz. Noch ein Grund mehr zum Umstieg.

2

Diesen Text mochten auch

16 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Am besten ist, man orientiert sich neu und schaut über den kleinen Tellerrand von MS hinaus.

    Es gibt haufenweise Betriebssysteme, die auf anderen ethischen Grundlagen errichtet sind.
    Und auch besser funktionieren, günstiger sind und stabiler laufen.

    Man muss sich halt mit dem Thema auseinandersetzen.
    Das ist wie beim Autokauf, von einem Golf darf man auch keine Wunder erwarten.
    Auch dort wird die Abhängigkeit zum Hersteller ja programmiert.

    Bei Microsoft hat man eben keine anderen Lösungen als den Kunden durch Zwang an diese Produkte zu binden.
    Wer würde auch freiwillig mit den Lemmingen springen?

    30.09.2005, 23:07 von CharlesFrost
    • Kommentar schreiben
  • 0

    einzige Möglichkeit: Rechner auslassen

    Nein, mal im Ernst: Du (nutella) ziehst am Ende schon das richtige Fazit: Man sollte auf Linux etc. umsteigen oder aber Mac (es sei denn, die machen es so wie Microsoft)

    28.09.2005, 21:53 von noneedforaname
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] is schon klar, nur wurde die kontrolle bisher noch nicht durch hardware ausgeübt und ohne hardware-kontrolle macht das ganze keinen sinn. und die ist auch das wirklich gefährliche, noch nicht auf der ersten stufe, klar, aber wer weiss, was da noch alles in den schubladen ruht... und das muss keine verschwörungstheorie sein, nur das logische fortdenken kommerzieller interessen

      06.06.2005, 00:11 von nutella
  • 0

    nene, is schon klar. nur du gibst halt die kontrolle ab über das was passiert... und welche beschränkungen dem "unsicheren" kernel auferlegt werden ist noch nicht klar, oder?

    24.05.2005, 22:24 von nutella
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Danke

    23.05.2005, 23:58 von autan
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] und wer bestimmt, was sichere software ist und was nicht? genau, microsoft und konsorten. ich jedenfalls nicht. und was muss man tun, damit die software als "sicher" anderkannt wird? sie prüfen lassen und das kostet geld. wen bevorzugt das ? die großen konzerne. sollte man das unbedingt wollen?
      klar wird nicht alles sofort kommen, aber scheibchenweise schon... die nächste frage, die sich stellen wird, ist die nach den standardeinstellungen und wie gut die nutzer über für ms nachteilige änderungen informiert werden.
      ich mach mir hinsichtlich rechtlicher möglichkeiten keine illusionen: auch in europa ist das wettbewerbsrecht deutlich zu langsam, um angemessen reagieren zu können.

      19.05.2005, 22:39 von nutella
  • 0

    soviel ich weiss, kann man auch unter linux windows-programme zum laufen kriegen, habs aber auch noch nie probiert... bei mir läuft darum auch noch windows parallel. und für ein paar sachen soll es auch schon sehr brauchbare opensource sachen geben, z.b. gimp als ersatz für photoshop...

    15.05.2005, 13:16 von nutella
    • 0

      @nutella Ja, mit WINE.

      30.09.2005, 23:02 von CharlesFrost
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das Problem ist nur, daß mit Linux fast so gut wie nichts im Bereich der professionellen Software läuft. Und nicht jeder hat die Zeit sich hinzusetzen und neue Schnittstellen zu programmieren.

    Ein totaler Mist mit den verschiedenen Betriebssystemen. man hat manchmal das gefühl, die Computerindustrie stellt diese Standards um, um den Kunden immer wieder Geld aus den Taschen zu ziehen.

    11.05.2005, 18:21 von TradingBuddha
    • 0

      @TradingBuddha Eben das ist nicht wahr.
      Linux Software ist nahezu ausschliesslich für den professionellen Bereich vorgesehen.
      (Erst seit kurzem wird ja dort der Consumermarkt angesteuert, aber nur von einigen Distributoren.)
      Branchenspezifische Lösungen, die für Businesskunden massgeschneidert werden, weil sie unter Consumersystemen wie Windows nicht laufen können, laufen dann auf Linux-Systemen (Server und auch Clients)

      Windows ist kein Professionelles Betriebssystem, genausowenig wie Office eine nutzbare Pro-Lösung ist.
      Microsoft hat das ja selber auch längst eingesehen.
      Die Systeme sind für den Entertainment und Privatbereich konzipiert.
      Vielleicht ist es ja jemandem aufgefallen, dass der Bootscreen bei Windows XP Pro nach dem Service Pack 2 Update ohne das Professional auskommt.
      Das ist nicht ohne Grund geschehen.

      Linux ist modular, Windows nicht.
      Damit ist Windows begrenzt einsetzbar.

      Die Microsoft Software ist nur durch die Systemhäuser in Deutschland fälschlich eingesetzt worden und das nicht einmal auf Anordnung.

      30.09.2005, 23:01 von CharlesFrost
    • Kommentar schreiben
  • 0

    so kommt es halt, wenn man den leuten alles "erklären" will, die keine lust haben, sich mit den basics auseinanderzusetzen.
    c't les ich auch manchmal, aber eher selten. gehört nicht zu den sachen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss :-)

    07.04.2005, 14:23 von nutella
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare