Philipp_Schwenke 13.01.2012, 10:20 Uhr 4 5

Mal ganz offen

Partyfotos, Kundendaten, Street View: Das digitale Zeitalter löst die Privatsphäre auf. Der US-Professor Jeff Jarvis findet das völlig in Ordnung.


Mr. Jarvis, wie geht es Ihrem Penis?
Wie man es halt erwarten kann.

Inwiefern?
Er ist nicht mehr, was er mal war - und wird es auch nie mehr sein.

Sie sind eigentlich Journalistikprofessor, aber bekannter sind Sie als Autor und Blogger - Sie führen nämlich ein sehr öffentliches Leben. Zum Beispiel haben Sie über Ihren Prostatakrebs und die anschließende Impotenz gebloggt. Warum?
Ich hatte das schon einmal gemacht, als ich unter Herzrhythmusstörungen gelitten hatte: Ich habe darüber geschrieben und fand Unterstützung. Als dann bei mir der Prostatakrebs entdeckt wurde, war es ein Reflex. Wieder habe ich großartige Hilfe bekommen.

In der Dauerdiskussion um Internet, Privatsphäre und Datenschutz gehören Sie zu den wenigen Menschen, die nicht dauernd mahnen und warnen. Sie haben auch ein Buch über die Vorteile von Öffentlichkeit geschrieben. Wollen Sie, dass alle Informationen über alle Menschen so öffentlich sind wie Ihr Krebs?
Nicht ganz. Ich habe ja auch noch ein Privatleben, und meine Familie ist etwas Privateres als ich. Aber wir reden so viel über Privatsphäre, dass wir die Öffentlichkeit und ihre Vorteile aus den Augen verlieren.

Was sind denn diese Vorteile?
Erstens: Öffentlichkeit zeitigt und verbessert Beziehungen. Ich habe online Freunde in Deutschland oder dem Irak gefunden, die ich sonst nicht hätte kennen lernen können. Zweitens: Öffentlichkeit stellt Vertrauen her, besonders zwischen Firmen und ihren Kunden. Drittens: Öffentlichkeit macht Zusammenarbeit möglich. Dass Google etwa Produkte veröffentlicht, bevor sie fertig sind, ist ein Weg, Kunden in die Entwicklung eines Produktes einzubinden. Viertens: Öffentlichkeit entkräftet Stigmata. Die beste Waffe, die Schwule und Lesben gegen die Bigotterie hatten, war, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Trotzdem machen sich viele Menschen Sorgen. Etwa darüber, was mit den Informationen geschieht, die man online über sie findet.
Eine neue Technik führt immer zu Ungewissheit, das war schon beim Buchdruck so. Eine andere große Diskussion über Privatsphäre gab es, nachdem die Kodak-Kamera erfunden worden war. Ein Essay von 1890 fragt, wie man damit nun umgehen solle, dass jeder jeden fotografieren und sich solch ein Bild dann in den Zeitungen wiederfinden kann. Derzeit versuchen wir, uns mit unseren Normen und unserer Moral an das Internet anzupassen.

Die Angst ist doch die gleiche: Man fürchtet zum Beispiel, beim Popeln in der U‑Bahn fotografiert zu werden - und zwei Tage später machen sich im Internet fünf Millionen Leute über einen lustig.

Es könnte Sie immer jemand sehen und der Welt davon erzählen. Das Internet verbreitet es bloß schneller und weiter. Letztlich ist das keine Frage der Technik, sondern eine unserer Sitten und Moral. Wenn mich jemand in der U-Bahn beim Popeln erwischt und ich darum von der Gesellschaft geächtet werde, ist das ein Problem, über das sich die Gesellschaft Gedanken machen sollte.

Aber eine neue Technik ist deutlich rascher eingeführt, als eine Gesellschaft sich ändert.
Wir durchlaufen eine gewaltige Veränderung. Ich weiß auch noch nicht, wie groß sie sein und wie lange sie dauern wird. Es dauerte etwa hundert Jahre, bis man die Auswirkungen des Buchdrucks wirklich spüren konnte. Stellen Sie sich vor, es wäre 1472, und Sie sollten mir glauben, dass diese Erfindung die katholische Kirche entmachtet, eine wissenschaftliche Revolution auslöst und die Bildung auf den Kopf stellt. Sie würden sagen: Blödsinn.

Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt hat gesagt: Wenn man nicht will, dass etwas, das man tut, öffentlich wird, dann sollte man es gar nicht erst tun. Aber hat der Mensch nicht das Recht, im halb öffentlichen Raum privat zu bleiben?
Ich hoffe, wir werden als Gesellschaft lernen zu sagen: Ich habe meine Peinlichkeiten, du hast deine Peinlichkeiten, belassen wir es dabei. Das Zweite ist die Frage, ob man in der Öffentlichkeit überhaupt so etwas wie Privatsphäre erwarten darf. In Deutschland gibt es diese Diskussion zum Beispiel bei Google Street View und dem »Verpixelungsrecht«. (Jarvis verwendet das deutsche Wort.)

Wieso?
Ilse Aigner, die deutsche Verbraucherschutzministerin, hat 244 000 Deutsche überzeugt, von Google zu verlangen, dass sie ihre Gebäude verpixeln. Es ging um Bilder, die von öffentlichen Straßen aus gemacht wurden. Das war ein gefährlicher Präzedenzfall. Könnte die Regierung also auch Journalisten verbieten, Bilder von Häusern zu veröffentlichen? Oder Bürgern? Und wer darf umgekehrt bestimmen, wer ein Foto von einem Gebäude machen darf: Der Besitzer? Der Bewohner? Der Architekt? Versuchen Sie mal, daraus ein Gesetz zu machen.

Trotzdem müssen wir uns als Gesellschaft darauf einigen, wie solche Daten geschützt werden.
Ja, aber es ist schon überraschend schwierig zu definieren, was Privatsphäre und Datenschutz überhaupt sind. Eine verbreitete Definition lautet: Es geht um Kontrolle von Informationen. Das stimmt, aber es reicht nicht. Ich bin heute so weit, »privat« als Ethik zu definieren: eine Ethik des Wissens und der Verantwortung. Wir reden, und die Verantwortung, was Sie mit meinen Informationen machen, liegt bei Ihnen. Dieser Verantwortung muss sich jeder stellen, der etwas über andere weiß.

Haben Firmen und Staaten das gleiche Recht auf Privatsphäre wie Menschen?
Regierungen sollten grundsätzlich transparent sein - und nur dann Geheimnisse haben dürfen, wenn es wirklich nötig ist: in Sicherheitsfragen, im diplomatischen Dienst oder wenn es um die Daten ihrer Bürger geht. Heute ist das leider meistens andersherum: Regierungen sind nur dann transparent, wenn sie gezwungen werden. Und Personen? Genau umgekehrt: Sie sollten Kontrolle über ihre Daten haben und nur dann öffentlich sein, wenn sie sich dazu entscheiden. Die Formel für Firmen ist noch einmal anders. Auch Firmen dürfen Geheimnisse haben, aber sie lernen gerade erst, dass sie besser werden, wenn sie sich öffnen.

Darf eine Firma verschweigen, was sie mit unseren Daten macht?
Nein. Allerdings haben zum Beispiel die Medien und die Werbung bislang alle Versuche versaubeutelt, uns zu sagen, welche Daten sie sammeln, warum, und was sie damit machen. Das hat zu einem Vertrauensverlust geführt. Dabei ist das Sammeln von Kundendaten im Netz nichts Böses. Man kann ja inkognito surfen, aber dann muss man immer wieder sein Passwort eingeben und bekommt immer wieder die gleiche blöde Werbung.

Große Datensätze werden auch dazu genutzt, die Kreditwürdigkeit eines Menschen zu bestimmen. Es besteht das Risiko, diskriminiert zu werden, bloß weil man im falschen Viertel wohnt.
Die Frage ist, was wir da regulieren sollten: das Datensammeln - oder die Nutzung der Daten? Wenn ich in Ihr Büro komme, um mich für einen Job zu bewerben, sehen Sie sofort, dass ich graue Haare habe und ein weißer Mann bin. Außerdem kriegen Sie einige Hinweise, was für einen Bildungsstand ich habe und so weiter. Manche dieser Informationen dürfen Sie gar nicht in Ihre Entscheidung einfließen lassen, ob Sie mich anstellen oder nicht.

Es dürfte ziemlich schwerfallen, einem Arbeitgeber so etwas nachzuweisen.
Ja. Willkommen im Leben. Aber wenn Sie das immer wieder machen, wird Sie irgendwann jemand verklagen. Genauso kann man Firmen immer wieder dazu zwingen, ihre Daten und deren Gebrauch offenzulegen. Und indem man Firmen die Auswertung von Daten verbietet, kann man sie auch davon abhalten, sie zu sammeln – sie nützen dann nichts.  
                                                                                                                                        
In Finnland gibt es ein Gesetz, das es Arbeitgebern verbietet, ohne deren Einverständnis Infos über Bewerber zu googlen. Funktioniert das?
Durchaus. Allerdings sollten wir uns fragen, was das für Informationen sind, die einem online zum Nachteil gereichen können. Das klassische Beispiel aus den USA: Ein Schuldirektor findet online ein Foto einer Lehrerin mit einem Bier in der Hand und feuert sie. Wer aber hat in diesem Beispiel etwas falsch gemacht? Die Lehrerin, weil sie als Erwachsene ein Bier getrunken hat? Facebook, weil es dort das Foto gab? Oder vielleicht doch der Blödmann von Direktor, der sie gefeuert hat? Das Problem ist nicht die Technik oder die Information, sondern wie sie verwendet wurde.

Sie haben in Artikeln und Büchern über das »deutsche Paradoxon« geschrieben. Was ist das?
Die Diskussion über Privatsphäre und Datenschutz wird in Deutschland viel leidenschaftlicher geführt als überall sonst. Als ich aber das erste Mal in Deutschland in der Sauna war, fand ich es als Amerikaner verblüffend, dass man dort gemischt und nackt war. Die Deutschen sorgen sich extrem um ihre Privatsphäre - außer bei ihren »private parts«.

Haben Sie noch mehr Unterschiede zwischen den Ländern festgestellt?
Wenn man sich etwas weiter umschaut, entdeckt man etwa, dass in Skandinavien die Steuererklärungen und damit auch die Höhe jedes Einkommens veröffentlicht werden.

Was verdienen Sie eigentlich so?

Größtenteils können Sie das selbst herausfinden: Als Professor einer öffentlichen Universität bekomme ich etwa 90 000 Dollar im Jahr. Sie können mich für eine Rede anheuern und werden sehen, dass ich zwischen nichts und 45 000 Dollar dafür bekomme. Aber ich veröffentliche mein Einkommen nicht komplett, weil es nicht nur meines ist, sondern auch das meiner Frau. Das gehört zu den wenigen Dingen, die ich unter Verschluss halten möchte.

Eine andere Sache, die Sie nicht veröffentlichen, ist Ihre iTunes-Playliste. Warum? Der Musikgeschmack ist normalerweise das Erste, was Menschen im Netz veröffentlichen.
Weil es mir peinlich ist. Ich höre zu viel Norah Jones.

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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wir reden, und die
    Verantwortung, was Sie mit meinen Informationen machen, liegt bei Ihnen.
    Dieser Verantwortung muss sich jeder stellen, der etwas über andere
    weiß.


    Genau da unterschreibe ich.

    31.01.2012, 16:02 von Tanea
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  • 0

    Wer aber hat in diesem Beispiel etwas falsch gemacht? Die Lehrerin, weil sie als Erwachsene ein Bier getrunken hat? Facebook, weil es dort das Foto gab? Oder vielleicht doch der Blödmann von Direktor, der sie gefeuert hat?


    Sehr gut!! :D

    30.01.2012, 22:46 von A-N-N-A.Blume
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    Die Beobachtung der Tendenz ist das eine, die Bewertung das Andere. Mr. Jarvis würde als Opfer einer Kampagne sicher einiges anders sehen.

    Meine Meinung sagte ich bereits hier

    13.01.2012, 19:43 von LudwigMartin
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