Mal ganz offen
Partyfotos, Kundendaten, Street View: Das digitale Zeitalter löst die Privatsphäre auf. Der US-Professor Jeff Jarvis findet das völlig in Ordnung.
Mr. Jarvis, wie geht es Ihrem Penis?
Wie man es halt erwarten kann.
Inwiefern?
Er ist nicht mehr, was er mal war - und wird es auch nie mehr sein.
Sie sind eigentlich Journalistikprofessor, aber bekannter sind Sie
als Autor und Blogger - Sie führen nämlich ein sehr öffentliches Leben.
Zum Beispiel haben Sie über Ihren Prostatakrebs und die anschließende
Impotenz gebloggt. Warum?
Ich hatte das schon einmal gemacht, als ich unter Herzrhythmusstörungen
gelitten hatte: Ich habe darüber geschrieben und fand Unterstützung. Als
dann bei mir der Prostatakrebs entdeckt wurde, war es ein Reflex.
Wieder habe ich großartige Hilfe bekommen.
In der Dauerdiskussion um Internet, Privatsphäre und Datenschutz
gehören Sie zu den wenigen Menschen, die nicht dauernd mahnen und
warnen. Sie haben auch ein Buch über die Vorteile von Öffentlichkeit
geschrieben. Wollen Sie, dass alle Informationen über alle Menschen so
öffentlich sind wie Ihr Krebs?
Nicht ganz. Ich habe ja auch noch ein Privatleben, und meine Familie ist
etwas Privateres als ich. Aber wir reden so viel über Privatsphäre,
dass wir die Öffentlichkeit und ihre Vorteile aus den Augen verlieren.
Was sind denn diese Vorteile?
Erstens: Öffentlichkeit zeitigt und verbessert Beziehungen. Ich habe
online Freunde in Deutschland oder dem Irak gefunden, die ich sonst
nicht hätte kennen lernen können. Zweitens: Öffentlichkeit stellt
Vertrauen her, besonders zwischen Firmen und ihren Kunden. Drittens:
Öffentlichkeit macht Zusammenarbeit möglich. Dass Google etwa Produkte
veröffentlicht, bevor sie fertig sind, ist ein Weg, Kunden in die
Entwicklung eines Produktes einzubinden. Viertens: Öffentlichkeit
entkräftet Stigmata. Die beste Waffe, die Schwule und Lesben gegen die
Bigotterie hatten, war, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Trotzdem machen sich viele Menschen Sorgen. Etwa darüber, was mit den Informationen geschieht, die man online über sie findet.
Eine neue Technik führt immer zu Ungewissheit, das war schon beim
Buchdruck so. Eine andere große Diskussion über Privatsphäre gab es,
nachdem die Kodak-Kamera erfunden worden war. Ein Essay von 1890 fragt,
wie man damit nun umgehen solle, dass jeder jeden fotografieren und sich
solch ein Bild dann in den Zeitungen wiederfinden kann. Derzeit
versuchen wir, uns mit unseren Normen und unserer Moral an das Internet
anzupassen.
Die Angst ist doch die gleiche: Man fürchtet zum Beispiel, beim Popeln
in der U‑Bahn fotografiert zu werden - und zwei Tage später machen sich
im Internet fünf Millionen Leute über einen lustig.
Es könnte Sie immer jemand sehen und der Welt davon erzählen. Das
Internet verbreitet es bloß schneller und weiter. Letztlich ist das
keine Frage der Technik, sondern eine unserer Sitten und Moral. Wenn
mich jemand in der U-Bahn beim Popeln erwischt und ich darum von der
Gesellschaft geächtet werde, ist das ein Problem, über das sich die
Gesellschaft Gedanken machen sollte.
Aber eine neue Technik ist deutlich rascher eingeführt, als eine Gesellschaft sich ändert.
Wir durchlaufen eine gewaltige Veränderung. Ich weiß auch noch nicht,
wie groß sie sein und wie lange sie dauern wird. Es dauerte etwa hundert
Jahre, bis man die Auswirkungen des Buchdrucks wirklich spüren konnte.
Stellen Sie sich vor, es wäre 1472, und Sie sollten mir glauben, dass
diese Erfindung die katholische Kirche entmachtet, eine
wissenschaftliche Revolution auslöst und die Bildung auf den Kopf
stellt. Sie würden sagen: Blödsinn.
Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt hat gesagt: Wenn man nicht
will, dass etwas, das man tut, öffentlich wird, dann sollte man es gar
nicht erst tun. Aber hat der Mensch nicht das Recht, im halb
öffentlichen Raum privat zu bleiben?
Ich hoffe, wir werden als Gesellschaft lernen zu sagen: Ich habe meine
Peinlichkeiten, du hast deine Peinlichkeiten, belassen wir es dabei. Das
Zweite ist die Frage, ob man in der Öffentlichkeit überhaupt so etwas
wie Privatsphäre erwarten darf. In Deutschland gibt es diese Diskussion
zum Beispiel bei Google Street View und dem »Verpixelungsrecht«. (Jarvis
verwendet das deutsche Wort.)
Wieso?
Ilse Aigner, die deutsche Verbraucherschutzministerin, hat 244 000
Deutsche überzeugt, von Google zu verlangen, dass sie ihre Gebäude
verpixeln. Es ging um Bilder, die von öffentlichen Straßen aus gemacht
wurden. Das war ein gefährlicher Präzedenzfall. Könnte die Regierung
also auch Journalisten verbieten, Bilder von Häusern zu veröffentlichen?
Oder Bürgern? Und wer darf umgekehrt bestimmen, wer ein Foto von einem
Gebäude machen darf: Der Besitzer? Der Bewohner? Der Architekt?
Versuchen Sie mal, daraus ein Gesetz zu machen.
Trotzdem müssen wir uns als Gesellschaft darauf einigen, wie solche Daten geschützt werden.
Ja, aber es ist schon überraschend schwierig zu definieren, was
Privatsphäre und Datenschutz überhaupt sind. Eine verbreitete Definition
lautet: Es geht um Kontrolle von Informationen. Das stimmt, aber es
reicht nicht. Ich bin heute so weit, »privat« als Ethik zu definieren:
eine Ethik des Wissens und der Verantwortung. Wir reden, und die
Verantwortung, was Sie mit meinen Informationen machen, liegt bei Ihnen.
Dieser Verantwortung muss sich jeder stellen, der etwas über andere
weiß.
Haben Firmen und Staaten das gleiche Recht auf Privatsphäre wie Menschen?
Regierungen sollten grundsätzlich transparent sein - und nur dann
Geheimnisse haben dürfen, wenn es wirklich nötig ist: in
Sicherheitsfragen, im diplomatischen Dienst oder wenn es um die Daten
ihrer Bürger geht. Heute ist das leider meistens andersherum:
Regierungen sind nur dann transparent, wenn sie gezwungen werden. Und
Personen? Genau umgekehrt: Sie sollten Kontrolle über ihre Daten haben
und nur dann öffentlich sein, wenn sie sich dazu entscheiden. Die Formel
für Firmen ist noch einmal anders. Auch Firmen dürfen Geheimnisse
haben, aber sie lernen gerade erst, dass sie besser werden, wenn sie
sich öffnen.
Darf eine Firma verschweigen, was sie mit unseren Daten macht?
Nein. Allerdings haben zum Beispiel die Medien und die Werbung bislang
alle Versuche versaubeutelt, uns zu sagen, welche Daten sie sammeln,
warum, und was sie damit machen. Das hat zu einem Vertrauensverlust
geführt. Dabei ist das Sammeln von Kundendaten im Netz nichts Böses. Man
kann ja inkognito surfen, aber dann muss man immer wieder sein Passwort
eingeben und bekommt immer wieder die gleiche blöde Werbung.
Große Datensätze werden auch dazu genutzt, die Kreditwürdigkeit eines
Menschen zu bestimmen. Es besteht das Risiko, diskriminiert zu werden,
bloß weil man im falschen Viertel wohnt.
Die Frage ist, was wir da regulieren sollten: das Datensammeln - oder
die Nutzung der Daten? Wenn ich in Ihr Büro komme, um mich für einen Job
zu bewerben, sehen Sie sofort, dass ich graue Haare habe und ein weißer
Mann bin. Außerdem kriegen Sie einige Hinweise, was für einen
Bildungsstand ich habe und so weiter. Manche dieser Informationen dürfen
Sie gar nicht in Ihre Entscheidung einfließen lassen, ob Sie mich
anstellen oder nicht.
Es dürfte ziemlich schwerfallen, einem Arbeitgeber so etwas nachzuweisen.
Ja. Willkommen im Leben. Aber wenn Sie das immer wieder machen, wird Sie
irgendwann jemand verklagen. Genauso kann man Firmen immer wieder dazu
zwingen, ihre Daten und deren Gebrauch offenzulegen. Und indem man
Firmen die Auswertung von Daten verbietet, kann man sie auch davon
abhalten, sie zu sammeln – sie nützen dann nichts.
In Finnland gibt es ein Gesetz, das es Arbeitgebern verbietet, ohne
deren Einverständnis Infos über Bewerber zu googlen. Funktioniert das?
Durchaus. Allerdings sollten wir uns fragen, was das für Informationen
sind, die einem online zum Nachteil gereichen können. Das klassische
Beispiel aus den USA: Ein Schuldirektor findet online ein Foto einer
Lehrerin mit einem Bier in der Hand und feuert sie. Wer aber hat in
diesem Beispiel etwas falsch gemacht? Die Lehrerin, weil sie als
Erwachsene ein Bier getrunken hat? Facebook, weil es dort das Foto gab?
Oder vielleicht doch der Blödmann von Direktor, der sie gefeuert hat?
Das Problem ist nicht die Technik oder die Information, sondern wie sie
verwendet wurde.
Sie haben in Artikeln und Büchern über das »deutsche Paradoxon« geschrieben. Was ist das?
Die Diskussion über Privatsphäre und Datenschutz wird in Deutschland
viel leidenschaftlicher geführt als überall sonst. Als ich aber das
erste Mal in Deutschland in der Sauna war, fand ich es als Amerikaner
verblüffend, dass man dort gemischt und nackt war. Die Deutschen sorgen
sich extrem um ihre Privatsphäre - außer bei ihren »private parts«.
Haben Sie noch mehr Unterschiede zwischen den Ländern festgestellt?
Wenn man sich etwas weiter umschaut, entdeckt man etwa, dass in
Skandinavien die Steuererklärungen und damit auch die Höhe jedes
Einkommens veröffentlicht werden.
Was verdienen Sie eigentlich so?
Größtenteils können Sie das selbst herausfinden: Als Professor einer
öffentlichen Universität bekomme ich etwa 90 000 Dollar im Jahr. Sie
können mich für eine Rede anheuern und werden sehen, dass ich zwischen
nichts und 45 000 Dollar dafür bekomme. Aber ich veröffentliche mein
Einkommen nicht komplett, weil es nicht nur meines ist, sondern auch das
meiner Frau. Das gehört zu den wenigen Dingen, die ich unter Verschluss
halten möchte.
Eine andere Sache, die Sie nicht veröffentlichen, ist Ihre
iTunes-Playliste. Warum? Der Musikgeschmack ist normalerweise das Erste,
was Menschen im Netz veröffentlichen.
Weil es mir peinlich ist. Ich höre zu viel Norah Jones.





Kommentare
Genau da unterschreibe ich.
31.01.2012, 16:02 von Tanea
Wer aber hat in diesem Beispiel etwas falsch gemacht? Die Lehrerin, weil sie als Erwachsene ein Bier getrunken hat? Facebook, weil es dort das Foto gab? Oder vielleicht doch der Blödmann von Direktor, der sie gefeuert hat?
Die Beobachtung der Tendenz ist das eine, die Bewertung das Andere. Mr. Jarvis würde als Opfer einer Kampagne sicher einiges anders sehen.
Meine Meinung sagte ich bereits hier
13.01.2012, 19:43 von LudwigMartin