JungeJunge 30.11.-0001, 00:00 Uhr 82 3

Leben aus Glas

Soll man Leuten sagen, dass man sie im Internet nachgeschaut hat?

Es war wie jedes Jahr nach Weihnachten: Wir waren für ein paar Tage alle wieder in unserer Heimatstadt, in der wir gemeinsam zur Schule gegangen waren, und am zweiten Weihnachtsfeiertag trafen wir uns alle in unserer Stammkneipe, in die wir zu unserer Oberstufenzeit jeden Freitag und Samstag gegangen waren. Man würde sich austauschen über das, was im vergangenen Jahr so passiert ist im eigenen Leben, wovon die anderen nichts mehr mitbekamen. Ob man noch an seiner Abschlussarbeit säße oder einen Job gefunden hatte und wo man inzwischen lebte.
Und als ich dann neben Tom saß, an meinem ersten Bier nippte und mich geistig darauf vorbereitete, meinen jährlichen Rechenschaftsbericht abzuliefern, meinte dieser plötzlich zu mir:
“Ich habe dich übrigens neulich gegooglet...”
Und er ließ den Satz so im Raum stehen, als solle ich mir selber überlegen, was er da wohl gefunden hatte.

Das kam unerwartet. Und es leitete einen neue Dimension in diesem alljährlichen Treffen ein. Eine, für die es noch keine Regeln gab. Nicht, dass man den anderen gegooglet hatte - sondern dass man es ihm offen ins Gesicht sagte.
Denn Leute-Googlen ist ja schon lange Volkssport geworden. Eine von den Tätigkeiten, die viele ausüben, aber kaum jemand zugibt. Wie Ben-Stiller-Filme gucken oder Harry Potter lesen.
Seit mit Google vor ein paar Jahren das erste Mal eine wirklich effiziente Suchmaschine das Internet zu strukturieren begann, ist es leichter möglich, zu erfahren, was aus ehemaligen Klassenkameraden wurde, wo der Typ inzwischen wohnt, mit dem man mal Praktikum gemacht hat, oder was für exotische Sportarten die neue Bekanntschaft ausübt. Das betrifft nicht den engsten Bekanntenkreis, wo man das eh schon alles weiß. Sondern eher den weiteren Bekanntenkreis – die Leute, die man früher aus den Augen verloren hätte. Oder eben neue Bekannte, die man noch nicht so gut kennt.

Als ich meine neue Arbeitsstelle antrat und sich mir meine neuen Kollegen vorstellten, hätte ich manchmal am liebsten gesagt „Weiß ich schon. Weiß ich schon“ – denn ich hatte mich vorher im Internet darüber informiert, mit wem ich es zu tun bekam. Stattdessen aber nickte ich interessiert und versuchte, aufmerksam zu erscheinen.
Denn Leute-Googlen hat etwas unheimliches an sich, fast wie Stalking. Genaugenommen sind wir durch das Internet alle ein bisschen wie Stars geworden: Fremde Leute können leicht etwas über einen erfahren, ohne dass man dies selber mitbekommt.

Das Leben als Star muss so sein, dass es einen nicht verwundert, wenn man Leute erstmals kennenlernt und diese beim ersten Treffen vieles über einen wissen. Das ist eine der Schattenseiten des Star-Daseins. In einem NEON-Interview berichtete die Schauspielerin Claire Danes darüber, dass sie es konsequent vermeidet, sich selbst zu googlen. Weil sie es zu unheimlich findet, was die Leute alles über sie erfahren und wissen könnten, einfach so, aus dem Internet.
Nun betrifft das inzwischen nicht nur Stars, sondern weite Teile der Bevölkerung – ohne dass diese die neue Situation schon ganz verinnerlicht hätte, unbeabsichtigt ein größeres Publikum zu haben, als sie wissen. Es gibt kaum jemanden, der konsequent seine eigene Nennung im Internet verfolgt und bei Bedarf einschreitet. Es fehlt ein Sinn dafür, das ganze Ausmaß des möglichen Publikums zu verarbeiten. Wir sind in unsere Informationsverarbeitung schlicht nicht darauf vorbereitet, dass Informationen, die wir in einem begrenzten Rahmen preisgeben, potenziell ein großes Publikum erreichen. Das betrifft all die kleinen Spuren, die man im Internet hinterlässt, häufig ohne es zu wissen. Das betrifft aber auch die aktive Informations-Preisgabe in Blogs, virtuellen Netzwerken wie OpenBC oder Online-Communities wie NEON. Ist jeder Teilnehmer hier wirklich ein Exhibitionist? Oder einfach nur unvorsichtig? Und ist man automatisch ein Voyeur, wenn man das liest? Die sozialen Regeln für den Umgang damit bilden sich gerade erst heraus. Vor allem ein Gespür dafür, dass das Internet auch nur eine verzerrte Wirklichkeit ist und Informationen außerhalb des Kontextes abbildet. Man mag viel von dem sehen, was an der Oberfläche passiert. Aber man erfährt kaum etwas darüber, was dabei im Kopf vorgegangen ist.

Der Abend mit meinem Klassenkameraden nach Weihnachten ging übrigens so weiter: Tom musste grinsen, als er meine Irritation sah. Und dann sagte er:
"Du arbeitest jetzt also in Stuttgart. Aber jetzt erzähl mir mal das, was nicht im Internet steht."

3

Diesen Text mochten auch

82 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Toller Text. Musste echt tief in mich grinsen beim Lesen... Und an alle die denken, die ich so in letzter Zeit gegoogelt hatte *schäm* Mal schauen, was aus allen so geworden ist...
    Dramatischer finde ich die Aussage, die ich einmal bei einem neuen Freund um die Ohren kriegte:
    "Du, man weiß ja immer nichts über den anderen, wenn man ihn gerade so kennenlernt... verstehste ja bestimmt... ich hab Dich neulich von einem Bekannten polizeilich prüfen lassen, aber das ist doch bestimmt in Ordnung, oder? Steht ja nichts drin..."
    Nein. DAS fand ich dann doch nicht in Ordnung... :)

    25.01.2007, 14:12 von Juli.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Interessanter Beitrag!
    Ich googele fast jede neue Bekanntschaft, hab es noch nie den betreffenden gesagt und dachte es wäre total verrückt das zu tun, bin froh zu wissen dass ich nicht die einzige verrückte bin...
    Hat aber nix mit stalken zu tun, nur mit etwas Neugier
    (nicht immer ist alles extrem)

    25.08.2006, 12:58 von Letzelise
    • Kommentar schreiben
  • 0

    oah, jetzt kann man einen 3-jahre alten forenbeitrag von mir finden, verdämmt peinlich! da hab ich mi 13 meine politischen ansichten in einem forum namens "lieber Herr Kanzler" gepostet. die etwas radikal waren sag ich mal^^. na ja hätte schlimmer sen können auf jeden fall bin ich jetzt vorsichtiger!!!

    19.04.2006, 13:21 von Fiona_kb
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    man kann niemanden im internet nachschauen

    (Soll man Leuten sagen, dass man sie im Internet nachgeschaut hat?)

    10.02.2006, 04:20 von ayla
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schöner Artikel. Macht mir direkt ein schlechtes Gewissen, dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Nun, wie es die Ironie will, hab ich die Spur zu meiner verflossene Liebe ausgerechnet über die Neon-Usersuche aufgenommen - mehr durch Zufall, so nach dem Motto: jetzt tippste mal den Namen rein. Und tatsächlich: Treffer, versenkt. Ich krieg erstmal große Augen, meine Neugier ist geweckt.
    Hab ich zuvor schon - meist aus Langeweile und ohne Erfolg ihren Namen gegoogelt, kenn ich jetzt ihren Nick.
    Ihr Nick: Passt irgendwie zu ihr, denk ich, und gleich mal auf Google und: bingo! Jetzt wird mir nun doch ein bisschen komisch zumute, aber... wenn man schon mal dabei ist.
    Ich klick den Link. Lande auf einer HP einer regionalen, anscheinend gar nicht mal so schlechten Newcomerband. Saug mir ihre Lieder runter, lass sie laufen, während ich das Gästebuch durchforste und mir die Bilder ihrer Gigs anschaue. Nebenbei: Schöne Musik.
    Und da: ER. Mein Nebenbuhler, der Ar..., der sie mir "weggenommen" hat. Scheint immer noch mit von der Party zu sein, es klingt, als sei er nach Berlin gezogen, ich weiß nicht, was ich davon halten soll, es interessiert mich nicht, ich klick mich durch, und dann: SIE. Ich lese ihren Eintrag. Einmal, zweimal.
    "Afrika"- steht doch da tatsächlich "Schöne Grüße aus AFRIKA." Ich muss schmunzeln, das sieht ihr ähnlich, gleichzeitig krieg ich Bauchschmerzen. Was mach ich eigentlich? Die Sache mit uns liegt 5 Jahre zurück und hat ein böses Ende gefunden. Seitdem herrscht Funkstille. Jetzt kommt alles wieder hoch. Der Schmerz, das Verlangen, die Wut. Ich weiß, sie würde es nicht dulden, wenn sie wüsste, was ich täte. Mir ist es egal. Ich will es wissen. Ich will wissen, wie sie aussieht, ob sie sich verändert hat, will nur ein Mal ihr Gesicht auf den unzähligen Fotos wiedererkennen. Ich weiß, dass ich will, weiß nicht, warum, es ist mir egal.
    Klick.
    Die Musik rockt.
    Ich halte inne.
    Sie ist noch genauso schön wie damals.
    Ich lass´ sie und mich in Ruhe.

    06.02.2006, 20:37 von subbacultcha
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Also wenn man nicht in irgendeiner Sache sonderlich gut ist (Sport, ......) oder eine eigene Homepage hat, dann sollte man, hält sich seine Netzaktivität in Grenzen, auch nicht so oft gefunden werden. Was sollte auch schon gefunden werden? Haue ich meinen Namen in google ein, dann bekomme ich Forenbeiträge über Hodenhochstand! Hey, weißt bescheid! Also nicht alles glauben! Die Informationen müssen definitiv selektiert werden, man darf halt nicht vergessen, dass jeder in der Lage ist, über jemanden anderen was zu hinterlassen! Auch gibt es Namen ja bekanntlich doppelt und dreifach...

    Ach ja... ich google auch!

    28.01.2006, 09:21 von MPunkt
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ja, ich muss es zugeben, ich stalke gern; aber dennoch hatte ich im letzten Absatz ein gruseliges Gefuehl

    27.01.2006, 20:26 von comfortzone
    • Kommentar schreiben
  • 0

    finde ich auch... mit gewissen vorsichtsmassnahmen kann man dem entgehen, wenn man für foren sich einen speziellen namen anlegt. kennt man aber den vollen namen, dann kann es wirklich unangenehm werden, landet man als soziales wesen ja zwangsläufig irgendwo im internet (uni, arbeit etc.). und da ist es mir manchmal ein bisschen blöd.

    26.01.2006, 13:35 von GIC
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 9

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare