Kwenda, meine Perle
„Ich kenne sie eigentlich nur von Neon“, sage ich und lächle ein bisschen nervös. Dann sitze ich schon im Flugzeug nach Hamburg.
Als ich neben dem Förderband stehe, das langsam alle Koffer ausspuckt, fangen meine Handflächen an zu kribbeln. Ich spüre, wie es meine Mundwinkel nach oben zieht, sicher grinse ich grenzdebil in meine Grübchen. Nur noch wenige Schritte trennen mich von Hamburg und Kwenda. Seit über einem Jahr hegen und pflegen wir unsere virtuelle Freundschaft bei Neon, aber gesehen haben wir uns noch nie. Ich weiß noch nicht mal, wie ihre Stimme klingt. Ich fasse mir ein Herz und meinen Trolley und marschiere in die Ankunftshalle.
Während ich die wartenden Menschen mit meinen übermüdeten Augen scanne, zerfällt mein Grübchengrinsen. Die wertvollen Sekunden, in denen Kwen auf mich zustürmen und laut Endlich bist du da! hätte schreien können, verstreichen.
Sie ist nicht da.
Rasende Gedanken hüpfen in meinen Kopf – was, wenn sie gar nicht existiert? Wer ist schon so brunzblöd und fliegt einfach nach Hamburg zu einer Wildfremden? Und wo soll ich heute Nacht schlafen?
Als sie um die Ecke flitzt, in einem lila Mantel und mit einer weißen Tasche, vergesse ich vor lauter Erleichterung, darüber nachzudenken, ob ich sie nun auch in echt sympathisch finde. Ich falle ihr um den Hals und bin dankbar, dass sie da ist, dass sie mich abholt, dass ich nicht allein in einer fremden Stadt unter einem Flughafenförderband übernachten muss. Und zu ihrer Verteidigung erwähne ich, dass mein Flug zehn Minuten früher gelandet ist als geplant. Die hatten wohl mein Körpergewicht überschätzt.
Aber nach dieser Worst-case-Ankunft, die das Adrenalin durch mich hat sausen lassen, verläuft alles geradezu widerlich harmonisch. Kwenda, die mich schon so oft zum Lachen gebracht hat und die meine halbe Lebensgeschichte kennt, bekommt nun eine Stimme, eine ruhige, norddeutsche, sie bekommt eine graziöse Figur, tolle Schuhe und die gleiche Augenfarbe wie ich. In der ersten Nacht reden wir bis zwei Uhr morgens. Und es ist abartigerweise tatsächlich so, als hätten wir das immer schon gemacht. Oder zumindest drei bis vier Mal.
Kwens Wohnung liegt im definitiv schönsten Viertel der Stadt, in Otto seinem, und alles, was man braucht, gibt es bei ihr ums Eck. Meinem Landeiblick gefallen die von Altbauhäusern gesäumten Straßen, die individuellen Läden, das Kleinstadt-in-der-Großstadt-Flair, das so schick wie hip ist. Ich könnte mir vorstellen, jeden Morgen hier aufzuwachen, und überlege spontan, eine Villa an der Elbe zu kaufen. Mit Terrasse.
Ich habe die Sonne nach Hamburg mitgebracht und wir sehen dabei zu, wie sie sich in der Alster spiegelt, ich mag Städte am Wasser und Hamburg wird in meiner Favourite-places-to-be-Liste ziemlich weit nach oben gereiht. Wir spazieren und reden, ich fotografiere alle zwei Meter ein Haus, einen Baum oder Kwen, wir denken das Gleiche und lachen beim Italiener wie zwei pubertäre Gehirnamputierte. Es ist, als hätte jemand das schimmernde Klischee-Abziehbild eines perfekten Treffens über uns geklebt und noch Sonnenschein darübergestreut. Vier Tage lang genießen wir die Idylle in unserer Seifenblase.
Abends beim Einschlafen überlege ich, ob Kwenda mir wohl am nächsten Tag auf die Nerven gehen wird. In manchen Augenblicken ist sie mir merkwürdig fremd und ich weiß noch nicht, wie ihr Gesicht aussieht, wenn sie wütend ist, aber dann wache ich am Morgen auf und bin immer noch gerne bei ihr. Vermutlich, weil ich zum Frühstück Goldjungs mit Nutella kriege.
Als wir zum Hafen fahren, lässt sich gerade die Queen Mary 2 – als hätte sie nur auf uns gewartet – ins Dock schleppen. Das Schiff ist ebenso groß wie hässlich, aber eine Attraktion, die Touristen und Einheimische gleichermaßen fasziniert. Ich bin weder noch. Ich bin ein Besuch. Und als solcher werde ich von Kwen zu den besten Ecken der Stadt geführt.
Ich verliere mich gern in historischem Ambiente, und Hamburg bietet mir dafür eine Fülle an Gelegenheiten. Die Speicherstadt entlockt mir ein zufriedenes Nicken, während ich der neuen Hafencity wenig abgewinnen kann. Ich will durch Straßen gehen, in denen ich die bauschenden Röcke der korsettgeschnürten Damen und die dreckigen Knie der Arbeiterkinder vor meinem geistigen Auge sehe. Ich mag die rostroten Backsteinhäuser und den kupfergrünen Stolz, mit dem Hamburg sich präsentiert.
Als wir in der S-Bahn sitzen und uns klar wird, dass alle Wege nach Poppenbüttel führen, bin ich froh, dass ich brunzblöd genug war, in ein Flugzeug zu steigen und jemanden zu besuchen, den ich nur von Profilfotos, Neon-Artikel und skype-Nachrichten kannte. Die Fusion von virtueller und realer Welt hat funktioniert. Und entweder, sie überspielt geradezu meisterhaft, dass sie mich nicht ausstehen kann, oder sie mag mich auch. Ich tendiere natürlich zu zweiterem. Ich lache übermütig und bilde mir ein, dass wir etwas Besonderes haben, sie und ich. So eine deutsch-österreichische Freundschaft ist ja auch nichts Alltägliches.
Kwendas Programm bringt mich dazu, mich in Hamburg zu verlieben, wie man sich in Städte verliebt, in denen man nie wohnen wird – überschwänglich und mit rosaroter Brille auf der Nase. Wir essen Heringsbrötchen in Blankenese, lassen uns von der Menge über die grell blinkende Reeperbahn schieben, wir finden das perfekte Nachtkästchen für Kwen, essen die größten Kuchenstücke der Stadt und sitzen abends gemütlich vor dem Fernseher. Ich fange an, mir zu wünschen, ich könnte Kwenda in der Realität so oft sehen wie online. Und dann bin ich ein fuzibisschen wehmütig.
Denn bei Kwenda liegt alles ums Eck. Nur ich leider nicht.


Kommentare
Sehr cool! Ich hab das gleiche mit Wien-Karlsruhe gemacht und bin seit über 9 Monaten sehr verliebt....
16.12.2008, 12:46 von kokosbusserlHaha! Wenn Kwenda norddeutsch spricht, spreche ich dänisch :D
08.11.2008, 23:23 von frolleinmueller@[Benutzer gelöscht] glow, wir haben uns schon getroffen. schreib einen text über mich!!!!!!!
14.11.2008, 13:45 von NeonBlondwie schön erzählt.
05.11.2008, 23:51 von sophietrauerich will auch zu kwenda.
04.11.2008, 21:24 von NeonBlond@NeonBlond Das hab ich mir beim Lesen aber auch gedacht ;)
10.11.2008, 12:06 von elixaUnd Mariki ich mag es einfach wie du schreibst..
Und auch wenn ich Hamburg und auch Kwenda schon kenn, so will ich das auch auch auch ;)