herb 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Kanzler, Kaiser oder Papst

Wussten Sie, dass vor den Merkellen eine Ölbohrinsel gebaut werden soll oder Gran Novara als Favorit bei der nächsten Fußball-WM gilt?

Wenn Ihnen das bekannt ist, sind Sie ein Kenner der Szene und sollten sich lieber um den Antrag auf Verfassungsänderung im Unionsparlament kümmern, als hier weiter zu lesen.

Wenn Sie jetzt aber ein großes Fragezeichen über dem Kopf haben, können Sie vielleicht noch etwas lernen.

Das Stichwort: Virtuelle Nation. Fälschlicherweise wird auch oft Micronation gesagt. Es handelt sich hierbei um ausgestaltete Staaten, die nur im Internet existieren und keinerlei reale Gebietsansprüche stellen. Grundlage des Staates sind vor allem Websites und Foren.

Die Websites geben einen Überblick über das Staatssystem, beschreiben die einzelnen Regionen des Landes oder listen alle beschlossenen Gesetze auf. Das eigentliche Leben findet aber im Staatsforum statt. Hier werden Parlamentsdebatten abgehalten, Staatsbesuche simuliert oder einfach nur Fußballspiele, natürlich virtuelle, in einer Hafenkneipe kommentiert.

Im Prinzip kann jeder, der sich für eine schnelle Karriere in der Politik ohne reale Konsequenzen interessiert, bei einem solchen virtuellen Staat mitmachen. Man meldet sich in der Regel einfach im Forum an, nennt an geeigneter Stelle, die zwischen den Nationen variiert, seinen (virtuellen) Namen, seinen (virtuellen) Wohnort und bittet um die Erteilung der Staatsbürgerschaft.

Dann kann es losgehen. Man tritt zum Beispiel einer bestehenden Partei bei, wird in den Adelsstand erhoben oder etabliert sich als ewiger Nörgler, um an politischer Macht zu gewinnen. Auf die Weise könnte man im Land immer mehr zu sagen haben. Doch Vorsicht, auch hier gibt es Kritiker und Leute, die an Ihrem Stuhl sägen. Jedes politische System ist denkbar. Fantastische ebenso wie reale. In den virtuellen Nationen sind aber Demokratie, Monarchie, Sozialismus und Diktatur vertreten.

Neben den ernsthaften Staaten, die vor allem detailreich Politik simulieren, gibt es auch andere Konstruktionen, die ihren Fokus auf die gesellschaftliche Simulation legen. Hier werden in Forenthemen Kaffeekränzchen abgehalten oder man fiebert mit der eigenen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft mit. Im Grunde ist da alles möglich, aber es sollte im Rahmen bleiben.

Auch ausgefallene Geschmäcker finden neben der klassischen Jetztzeitsimulation virtuelle Staaten aus dem Fantasy-Genre, der Science Fiction oder der Vergangenheit. Die meisten Staaten orientieren sich jedoch an tatsächlich existierenden Staaten, ohne sie einfach zu kopieren. Es gibt auch so genannte Spaßnationen, die es nicht ganz so ernst nehmen mit Politik oder gesellschaftlichem Leben.

All diese Staaten sind vornehmlich auf einer der zwei Weltkarten platziert. Ja, richtig gelesen, es gibt sogar Kartenwerke der virtuellen Nationen. Derzeit sind das die Organisation für Internationale Kartographie (OIK) und die CartA. Untereinander agieren Staaten unterschiedlicher Weltkarten in der Regel nicht, ansonsten herrscht aber durchaus ein geographischer Kontext bei der Wahl von Bündnispartnern. Natürlich gibt es auch kartenübergreifende Veranstaltungen wie etwa die jährliche Fußballweltmeisterschaft und die jährliche Weltausstellung (vEXPO).

Und es geht sogar noch weiter: Sowohl die Geschichte der Staaten als auch die Sprachen werden zum Teil abgestimmt (besonders auf der Karte der CartA), es gibt UN-Derivate, Welthandelsorganisationen und Fußballligen.

Spieler können Vereine gründen oder Firmenimperien aufbauen, sie können Menschenrechtler sein oder fieser Diktator, alles ist möglich. Und das macht die virtuellen Nationen zu einem sehr komplexes Hobby, mit dem man sich lange beschäftigen kann - besonders dann, wenn man gerne Gesetzestexte entwirft und als Richter interpretiert.

Es gab auch so genannte Blogstaaten, die von einem oder zwei Personen betrieben wurden. Die Aktivitäten dieser Staaten wurden nur durch News-Beiträge bekannt. Etabliert hat sich dieses Modell bisher aber noch nicht. Der Grund: Eine virtuelle Nation lebt von der Lebendigkeit des Forums und der Leidenschaft seiner Mitspieler - übrigens bisher alles unentgeltlich.

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