Ich vergesse lieber selbst
Im Leben kann viel passieren. Zum Beispiel: nichts. Und das vergisst man auch schnell wieder. E-mails dagegen konservieren das Belanglose.
Bevor ich morgens aus dem Bett falle, trete ich mit dem Fuß gegen meinen PC. Der fährt dann widerwillig hoch und liefert mir im besten Fall einen guten Grund zum Aufstehen: "You've got mail!" Ich bekomme Newsletter. Die Europäische Union schreibt über neue Richtlinien, der ots-Pressedienst über eigentlich alles. "Die Welt" schickt pünktlich ihre Schlagzeilen und mein alter Schulfreund Stefan - ganz ungefragt - PowerPoint-Präsentationen zum Lachen, fast jeden zweiten Tag. Meistens kommt nur Schrott. Der wandert direkt per Mausklick in den Mülleimer.
Dazwischen aber liegen die vierblättrigen Kleeblätter. Ich bewahre sie auf, in einem alten Gitarrenkoffer unter dem Bett. Dort lagern sie wie alter Wein. Die Gedanken werden mit den Jahren nicht besser, aber ich genieße sie immer wieder. Am Sonntag habe ich den Koffer geöffnet, Zigaretten geraucht und alte Post gelesen. Darunter auch eine kurze Nachricht vom 20. September 1998. "Komm mal morgen um halb drei vorbei. Ich liebe dich, Anne!" Keine Ahnung, ob ich bei ihr war. Ich habe es mir vorgestellt. Fünf Minuten lang. Dann habe ich weitergestöbert.
Ich fand Belangloses, nicht Erwähnenswertes, längst Vergessenes. So etwas schreibt man in kein Tagebuch, auch nicht in Briefe. Und wenn, die hat jetzt ein anderer. Versandte E-mails bleiben. Die muss man nur ausdrucken und man kann das Destillat des gelebten Alltags in einem kleinen Koffer verstauen. Ich habe darüber nachgedacht, warum mein Gehirn all das aussortiert hat? Dann habe ich den Stapel mit den E-mails in den Müll geworfen. Warum? Weil es belanglos ist, nicht erwähnenswert. Weil man es einfach vergessen sollte.


Kommentare
Das hab ich auch bei SMS-Nachrichten.. hab heute mal einfach alle glöscht.. ist wohl besser so óÔ
15.07.2008, 23:50 von MordaWie wahr...
13.01.2008, 23:13 von talentfreiweil man es einfach vergessen sollte.
Ich habe gerade all meine E-mails gelöscht, darunter sind einige bedeutungsvoll, die ich bekam als ich länger von zuhause weg war, die der einzige Kontakt mit dem Zuhause war, die mich zum weinen und lachen brachten. nun gelöscht, unwiederruflich.
20.07.2006, 17:57 von flanNewsletter lösche ich immer sofort, ohne sie mir anzugucken. Steht eh nur belangloses Zeug drinne, das ich schon in der Zeitung lesen durfte. -.-
07.01.2006, 20:24 von resignierterManchmal, ja manchmal, habe ich wirklich das Gefühl, dass eMails unüberlegter sind. Doch wie definiert man unüberlegt? Nicht viel darüber nachgedacht, was man eigentlich übermitteln möchte? Oder sich des ,,Verwendungszweckes`` durchaus bewusst und nur nicht an den Formulierungen gepfeilt?
19.08.2005, 21:52 von HanniklickEigentlich egal. Aber ich muss eingestehen doch manchmal das Gefühl zu haben, dass eMails peinlich sind. Dann sitze ich Jahre später vor dem Computer und werde rot, weil ich eine eMail lese, die ich an einen Menschen geschrieben habe, der mich wahrscheinlich gar nicht mehr kennt.
Inzwischen habe ich mein eMail-Programm umgestellt. Die neue Funktion heißt für mich "Bitte alles vergessen". Manchmal schäme ich mich auch dafür. Kann löschen nicht auch mit verdrängen interpretiert werden? Ist mir auch egal, ich bin glücklicher damit - vielleicht auch weil ich mich an manch verletzende eMail, die ich bekommen haben mag, nicht mehr erinnern werden kann. Das einzig wichtige ist doch die Stimmung beim Lesen und nicht der genaue Wortlaut. Das Postfach kann keine Stimmungen speichern. Und ich muss auch eingestehen, dass meine Festplatte einseitig ist. Mein Kopf überschreibt die alte Stimmung beim erneuten Lesen der eMail. Gelöscht - unauffindbar.
Und doch gibt es sie noch. Die eMails, die mir etwas bedeuten und die in meiner Schatztruhe liegen. Das sind dann die Reaktionen auf eMails bei denen ich mich bemüht habe nicht "unüberlegt" zu formulieren...
Für mich sind Sammler schwache Menschen, die sich an den Materie gewordenen Gedanken, Gefühlen, etc. festklammern wollen, nie wieder los lassen und eine Energie daraus zu ziehen versuchen, die nicht existiert. So als würde man mit einem Strohhalm in einem leeren Glas rumsaugen. Ich lösche alles, hebe keine Erinnerungen auf. Es gibt so genug, das mich inspiriert.
18.08.2005, 12:16 von GettingThereSo einen Koffer hatte ich auch mal!
18.08.2005, 10:20 von goldi1973Jetzt bin ich aber lieber für das, was Jean Paul einst sagte:
"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können"...
Und für mich ist Erinnerung das, was in meinem Kopf und in meiner Seele übrig geblieben ist.