Orang 18.03.2005, 13:16 Uhr 61 2

Ich habe 8.000 Stunden meines Lebens verspielt.

Ein Bekenntnis zum Spieltrieb

Seit ich zum ersten Mal die Griechischen Sagen gelesen habe, war Odysseus mein Lieblingsheld. Aber nicht wegen dem Trojanischen Pferd, das er bauen ließ. Mal ehrlich – die Idee ein Holzpferd zu zimmern und darin ein paar Männer zu verstecken, die eine Großstadt vernichten, ist nicht wirklich brillant und klingt irgendwie wenig authentisch. Nein, Odysseus fasziniert mich wegen einer ganz anderen Geschichte. Es ist die Episode aus der Illias, wo sein Schiff an den Sirenen vorbei segelt. Die Sirenen sitzen auf einem Felsen im Meer und singen. Und zwar mit solch reizenden Stimmen, dass jeder Reisende, der sie hört, den unweigerlichen Drang verspürt, sich diesen Felsen zu nähern. Dort zerschellt sein Schiff und er stirbt. Der kluge Held musste also an dieser Stelle vorbei segeln bzw. rudern. Er war sich der Gefahr bewusst, wollte aber trotzdem auf das Vergnügen nicht verzichten. Also befahl er seiner Mannschaft, sich die Ohren mit Wachs zu versiegeln, so dass sie die Sirenen nicht hören konnten. Sich selbst ließ er an den Mast binden und instruierte seine Männer, ihn unter keinen Umständen loszubinden. Und so ward Odysseus der einzige Grieche, der den betörenden Stimmen lauschen konnte, ohne dabei zu sterben. Er hat sich selbst überlistet.

Dafür bewundere ich Odysseus, denn ich muss mich auch oft selbst überlisten. Zum Beispiel immer dann, wenn ich spiele. Meine Strategie funktioniert mit ein bis zwei Weckern. Wenn ich anfange zu zocken, muss ich mir vorher mein Handy stellen und es in einer anderen Ecke des Zimmers auf volle Lautstärke stellen. Manchmal benutze ich zur Sicherheit auch noch meinen Radiowecker. Ohne diese Selbstbindung bin ich verloren in einer anderen Welt. Zurück in der vermeintlichen Realität fühle ich mich dann sehr schlecht. Ich komme mir nutzlos, unproduktiv, kindisch und undiszipliniert vor, habe ein diffuses schlechtes Gewissen

Ich spiele Computergames, seit ich sieben Jahre alt bin. Damals schafften sich meine Eltern einen C64 an mit dem Hintergedanken, dass sich mein Bruder und ich mit diesem neuen Medium vertraut machen. Der Schuss ging nach hinten los.
Ich habe nie eine Programmiersprache gelernt, geschweige denn könnte ich ein Betriebssystem selbst installieren. Ich kann auch kein Netzwerk in meiner WG einrichten. Ich beherrsche Word und finde mich im Internet zurecht. Das wars auch schon.
Aber ich bin ziemlich gut im Spielen, denn ich perfektioniere mein Hobby seit beinahe 20 Jahren. Jeden Tag mindestens eine Stunde, meistens zwei bis drei. Keine Ego-Shooter (obwohl ich mich mit Fans dieser Gattung durchaus solidarisch verbunden fühle), nur Strategiespiele. Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich einen Amiga 500 und „Pirates!“ von Sid Meier. Einige Zeit später „Civilization 1“, welches zu den ersten zehnstündigen Exzessen führte. Gut erinnere ich mich auch noch "Civilization 2", das ich von 1997 bis 2000 leidenschaftlich täglich mehrere Stunden spielte. Von 2001 bis 2002 war „Age of Empires 1 und 2“ dran. Bis vor einigen Monaten war dann „Civilization 3“ mein Highlight, wieder von Sid Meier (mein Gott, wie ich diesen genialen Programmierer bewundere!). Zwischendrin machte ich einige Exkurse zu der Panzergeneral-Reihe und landete schließlich bei meinem aktuellen Favoriten „Total War: Rise of Rome“. Das Spiel versetzt mich in den Mittelmeerraum im 2. Jahrhundert vor Christus. Ich kann Schlachten führen, dynastische Politik betreiben und wirtschaften. Ich bin Feldherr, König und Herr über Leben und Tod, kann mit karthagischen Kriegselefanten römische Legionen überrennen, Plänkler verheizen, neue Söldner anheuern, Städte wahlweise plündern, versklaven oder annektieren – kurzum alles, was ich schon immer einmal tun wollte. Ich tauche ein in eine andere Welt und bleibe dort, bis mich irgendetwas (d.h. ein Wecker oder Kopfweh) in die Realität zurückholt.

Computerspiele werden langsam salonfähig. Es gibt internationale Wettbewerbe. Manche Spieler verdienen sich so sogar ihren Lebensunterhalt. Auch Spiegel Online berichtet mittlerweile regelmäßig über Neuerscheinungen und die Werbeindustrie hat diesen Markt längst entdeckt. Der Umsatz der Branche übertrifft mittlerweile den der amerikanischen Filmindustrie.
Ein, zwei Stunden Zocken entspannt. Alles andere um mich herum blende ich vollkommen aus, bin hoch konzentriert, kenne nur Provinzen, Feldherrn und Sklaven. Was das mit Entspannung zu tun habe, mag man nun einwenden. Entspannung aber ist für mich genau das: Konzentration, Tunnelblick. Computerspiele bilden. Ego-Shooter fördern Reaktionsvermögen, Strategiespiele schulen, genau wie Schach, den Blick auf das Wesentliche.

Trotzdem stehe ich als „Gamer“ noch immer unter Rechtfertigungsdruck, insbesondere gegenüber meinem weiblichen sozialen Umfeld, wenn auch längst nicht ausschließlich. „Irgendwann wird er schon damit aufhören...“, dachte sich früher meine Mutter und denkt sich heute meine Freundin. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich kann mir gut vorstellen, eines Tages mit meinem Sohn „Civilization 4“ über LAN zu zocken. Freilich, die Attentäter von Erfurt und Littleton waren angeblich von Shooter-Spielen inspiriert und die Gefahr besteht, sich in dieser Welt zu verlieren. Deswegen werde ich ihm vorher die Odyssee vorlesen. Vielleicht aber gibt es die dann schon als Computerspiel.

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61 Antworten

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    Wer am Computer sitzt und zockt, kann wenigstens keinen anderen Blödsinn machen (Kriege führen Menschen vergewaltigen, Politik).

    04.08.2008, 02:33 von SirMCPedta
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    toller text. und naja... ob die 8000h nun "verspeilt", "gespielt" oder sonstwas wurden ist ansichtssache... so ergibig wie die frage nach dem sinn des lebens ;)

    23.07.2008, 00:27 von dvux
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    da bist du nicht alleine. ich bin auch exessiver mmorpg und ego-shooter spieler. Spiele haben mich mit der Zeit immer mehr fasziniert und es ist nicht beim spielen geblieben... ich habe mich soweit mit spielen jeglicher art von Spielen auseinander gesetzt und habe mich behühn den hintergrund wie alles so funktioniert wie es funktionier . das ich jetzt in den jahren an den punkt gekommen das ich anfange eigene spielmodifikationen zu programmieren, zwar alles noch im frühen stadium. ich hoffe ich kann irgend wann vieleicht mein geld damit verdienen.

    11.12.2007, 18:38 von Joker87
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    Hmm parallele Welten. Und Rechtfertigung vor allem im weiblichen Umfeld. Ich muss mich gleich mal vor beiden Geschlechtern verantworten, weil ich es wage als weiblcihes Wesen in diese "Bastion" einzudringen.
    Vor den meisten weiblichen Wesen muss ich mich rechtfertigen warum ich zocke (Was findest du daran, ist doch langweilig und stupide bla) und männliche Spieler schauen dich erstmal schief an, wenn ich auf LANs unterwegs bin werde ich grundsätzlich erstmal gefragt "Hat deiN Freund dich gezwungen mit her zu kommen?". Es ist nicht einfach sich zu verteidigen und sich als Mädel zu behaupten aber nach einiger Zeit wenn gesehen wird, dass du das ganze ernst betreibst schwinden die Vorurteile.

    Ich wünsche dir jedenfalls noch viele schöne Stunden mit deinem PC, vergess über allem dein RL nicht...

    Liebe Grüße
    lrm

    20.07.2007, 10:30 von LilaReggaeMuffin
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    "Zurück in der vermeintlichen Realität fühle ich mich dann sehr schlecht. Ich komme mir nutzlos, unproduktiv, kindisch und undiszipliniert vor, habe ein diffuses schlechtes Gewissen"

    Dieses Gefühl kann ich gut nachvollziehen, seit ich wieder nen zeitgemäßen Rechner hab, hab ich acuh recht viel gespielt, v.a. Oblivion und Pro Evolution Soccer, und gerade PES spiele ich dann manchmal stumpf vor mich hin, rege mich auf, wenn ich nur 1:0 statt 4:0 gewinne, und wenn man aufhört, wird einem klar, dass man statt mal eben ein Spielchen zu machen schon wieder den größten Teil seiner Freizeit "vergeudet" hat, und die Übungen für die Uni mal wieder abschreiben muss. Es macht zwar schon irgendwie Spaß, was zu zocken, aber irgendwie stumpf tman ab, weil man doch nich timmer nur aus purer Begeisterung zockt, sondern aus Gewohnheit. Als ich letztens mal Oblivion starten wollte, hab ich mich in PES wiedergefunden, weil der Griff zur Maus so fest mit dem Doppelklick auf das PES-6-Icon verbunden ist. Aber momentan hab ich wieder mehr Motivation, was anderes zu machen, weil ich gemerkt hab, dass das Glücksgefühl, mal irgendwas aus meinem Studium verstanden zu haben, das Glücksgefühl, nen Hattrick mit Poldi geschafft zu haben, momentan übertrifft ;).

    10.12.2006, 19:58 von hape
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    Ich finde wir spielen noch viel zu wenig! :)

    In letzter Zeit werde ich immer mehr Fan von "mobil gaming" ... Also Nintendo DS kaufen und rausgehen ... :)

    28.08.2006, 02:14 von fquadrat
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    mein sohn ist 16 und ich hab eigentlich gehofft, das diese kriegsspielereien am rechner irgendwann mal aufhören, aber das klingt bei dir nicht ganz soll.
    schade eigentlich.

    23.03.2006, 12:48 von mm4
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    So von wegen Girls & Games: Also es gibt da diese tolle Frau in meinem Leben & das schon ziemlich lange. Sie hat einen bezaubernden Humor, kann respekteinflössend rülpsen und ist einfach jemand zum Pferde sprengen.

    Nun teilt man ja deshalb nicht zwangsläufig gleich alle Interessen: Videogames sind beispielsweise nicht so ihr Ding. Wer mag auch schon als ungeübter Spieler z. B. bei Tekken andauernd einen auf'n Deckel kriegen, dann mal zuuufällig "ganz allein" gewinnen oder - wie ganz, ganz früher - nur zugucken?

    Nun haben ich vor einem Monat "ObsCure" entdeckt, wo man "The Faculty"-mäßig Monster auf der High School trifft - aber eben zu zweit. Ich also die Holde überzeugt, es mal mit mir zu probieren & siehe da: Die nächsten Tage freuten wir uns gemeinsam auf die Nächte um wieder virtuell in der Schule nach unserem Kumpel Kenny zu suchen.

    Nun frage ich mich: Warum nur läßt uns die Spieleindustrie miooonenmal aufeinander, aber nur alle Jubeljahre miteinander auf die anderen los? Ist ja kein Wunder, dass dann vergleichsweise so wenig Frauen spielen. Und komm mir jetzt nicht mit Online-Multiplayer-Krempel & so'n Kram. Erstens haben wir nur einen Rechnier mit Schneckenmodem und zweitens holt man sich eine Konsole ja schließlich, weil man's einfach haben will ...

    PS: Hab diesen Text übrigens auch als Forumsbeitrag veröffentlicht, in der Hoffnung mal 'n paar hilfreiche Tipps zu bekommen, aber mehr als "Lego Star Wars" hat's auch nicht gebracht :-(

    18.03.2006, 13:30 von Corto_Maltese
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    Ohja, ich teile die Leidenschaft für die Spielerei. Ich lasse die Stunden lieber ungezählt, habe mich in der Vergangenheit manchmal dafür geschämt, dass ich, statt mich zu betrinken oder mir Rauch durch die Lungenflügel pumpen zu lassen, mich lieber in fantasievolle Welten gestürzt habe.
    Spiele regen meine manchmal verstörende Fantasie an, sie inspirieren mich und verändern ab und zu meine Sichtweise gegenüber anderen Dingen. Wenn ich beispielsweise an Silent Hill 3, Thief oder Eternal Darkness denke, die mich in andere, brutal surreale Welten versetzt haben, dann erschauere ich.
    Interessant fand ich den Beitrag von einer Vorrednerin, die berichtete, sie habe von Spielen geträumt. Das kam bei mir auch zwei- oder dreinmal vor, stellenweise hatte ich sogar Angst, mich würden intensive Spielerlebnisse zu sehr in Beschlag nehmen. Denn gerade emotionale Geschichte beeinflussen das (jedenfalls das meine) Gemüt sehr stark und aufeinmal träume ich davon, ich würde mit ein paar Sagengestalten rollenspielmäßig einen riesigen Drachen bekämpfen. @NormaGee, du bist also nicht die Einzige! :-)
    Geschichten sind für mich das treibende Element, das ein Spiel antreiben muss. Nicht immer, Pro Evo Soccer hat mich auch schon viel Zeit gekostet, nicht zu vergessen die alten N64-Rareshooter.

    05.07.2005, 23:35 von klaus
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