Freundschaft 2.0
Was wären wir heute nur ohne das Internet? – Ein Beitrag zur Diskussionsanregung.
Ich habe gestern mit einer Freundin geskypt, die ich seit längerer Zeit nicht mehr gesehen oder gesprochen hatte. Ich hab mich gefreut, dass wir es endlich – trotz beidseitigem Termin-Stress – schaffen konnten für eine Weile so zu reden, als wären wir wieder im Studium und säßen in unserer Lieblingskneipe.
Wir hatten beide ein Bier vor uns und sie erzählte mir von ihrem Traum eine Kneipe zu eröffnen, wo genau das möglich sein soll, was wir beide gerade hier tun. Eine Kneipe, in der PCs mit Headsets bereit stehen und Leute kommen, um gemütlich Bier zu trinken und per Konferenzschaltung mit ihren Freunden zu reden, die sie so kaum noch zu Gesicht bekommen.
In Zeiten der Globalisierung und des verstärkten Kampfes um Arbeitsplätze ist es vollkommen normal dass die Freunde von einst oder auch von heute nicht mehr mal eben so erreichbar sind. Mit Skype, ICQ, MSN, Facebook, Twitter etc. ist es aber kein Problem trotzdem in Kontakt zu bleiben.
Zusätzlich ist es auch nicht mehr unbedingt notwendig sich mit der realen Welt auseinanderzusetzen. Man nimmt die alten Freunde mit in die neue Welt, die neue Stadt, das neue Leben. Nichts muss sich verändern, alles bleibt beim Alten. Doch ist das wirklich so?
In der Neon-Ausgabe vom Mai 2009 gab es einen Artikel über Einsamkeit von Menschen, die wegen des Job in eine neue Stadt zogen. Trotz des Internets und den verschiedenen Möglichkeiten den Kontakt aufrecht zu erhalten: Am Wochenende sind die meisten dann doch lieber feiern anstatt vor dem PC zu hocken. Das ist der Zeitpunkt, wo man sich eingestehen muss, dass man vielleicht doch ein wenig allein ist.
Aber auch hier hilft das Internet dank diverser Blogs, Foren, Chats und sonstiger Kommunikationsplattformen. Ich habe mich – momentan selbst in der Situation der neu zugereisten – dabei erwischt, wie ich Samstag Abends alle zur Verfügung stehenden Kanäle zur Kontaktaufnahme offen hatte: ICQ, Skype, Facebook, Neon, MSN.
Man lernt über das Internet neue, teilweise auch verrückte, Menschen kennen. Man plaudert, man tauscht sich aus, manchmal verliebt man sich auch. Dank des Internets braucht man nicht mehr wirklich vor die Tür gehen und versuchen „da draußen“ „echte“ Menschen kennenzulernen.
Auch im Arbeitsalltag werden die virtuellen Kommunikations-Netzwerke immer wichtiger. Da gibt es Konzern-Wikis, Konzern-Tagging, Konzern-Live-Messenger und Plattformen für den gegenseitigen Wissensaustausch. Wer da nicht als Unternehmen mitzieht, verliert wichtige Wissens-Ressourcen – so die Botschaft von Stefan Schmidt, Kaufmännischer Direktor des Berliner Institutes of Electronic Business.
Man kann sich also diesem Sog des Web 2.0 und seiner Kommunikationsformen gar nicht entziehen. Verlagern sich die Kontakte und Freundschaften der Zukunft sowieso einfach mehr aufs Virtuelle und diese Entwicklung ist ganz normal?
Vielleicht ist die Vision meiner Freundin gar nicht so abwegig. Vielleicht kommunizieren wir in Zukunft alle nur noch ausschließlich über diverse Kommunikations-Plattformen. Es wäre eine andere Art der Freundschaft und eine andere Lebensform. Zwangsläufig auch eine schlechtere?


Kommentare
Diese Vorstellung will mir ganz und gar nicht schmecken und die Herangehensweise an die stete Weiterentwicklung ist ebenso wenig genießbar. Ständig und am liebsten jeden Tag, jede Stunde, ja sogar jede Minute einen neuen Trend zu erfinden ist ein suchtähnliches Verhalten, wie ich finde, als Folge dessen, was schon im Umlauf ist.
31.01.2011, 23:44 von CAPRE10Als Nebeneffekt des ständigen Wettbewerbs.
Meinen seit 21 Jahren besten Freund kann ich nicht virtuell beim Wiedersehen in die Arme schließen und möchte es mir auch nicht vorstellen.
Ich verschließe mich den Neuen Medien aber nicht, sondern habe, schon alleine durch die Fotografie, mehr oder weniger intensiv mit ihnen und der Entwicklung zu tun. Es ist schon interessant.
@CAPRE10 Is das nich die neue Art der Evolution und gehört nunmal dazu? Sich und und anderes neu zu erfinden? ;)
31.01.2011, 23:46 von PinzepuAber was Fotografie jetzt zwingend mit der Kommunikation im Web 2.0 zu tun hat musste mir nun doch nochmal erklären. :P
Eine äusserst brilliante Idee!!!
10.03.2010, 20:14 von LellopWenn sich dann die Eletroautos durchsetzen, dann haben wir etwas geschaffen, was wir vor jJahrzehnten verfilmt haben. Heute sogar als Digitalfilm. Auf in die Zukunft! (o:
Die Idee mit der Bar könnte funktionieren, gerade unter dem Aspekt der Mobilität, da viele in fremde Städte ziehen und so gerade Kontakt zu Freunden aufrecht erhalten werden könnte, mit denen man sich sonst auch am Wochenende auf ein Bier verabredet hat.
16.12.2009, 13:47 von DiasamGrundsätzlich ersetzt es aber nicht ein reales Treffen.
Auch wenn sich die Form der Kommunikation verlagert, ist und bleibt der Mensch ein Lebewesen, das auf lange Sicht die Nähe zu ihm liebgewonnenen Personen sucht.
schlechter? hmmmm, diese frage hab ich mir auch schon oft gestellt. ich habe gemerkt, dass man sich solchen online bekanntschaften und freundschaften gegenüber oft sehr schnell öffnet und unter dem zunächst anonymen deckmantel dinge preisgibt, die einen sehr schnell verletzbar oder angreifbar machen. onlinefreunde die mir am herzen liegen möchte ich auch unbedingt gern treffen, damit sie real werden.
27.09.2009, 21:34 von petuniaaa