LostIdeal 25.04.2009, 23:34 Uhr 1 2

Facebook fickt dein Gehirn

Machen soziale Netzwerke wirklich doof? Eine Analyse.

Meine Freundin hat einen neuen Boyfriend. Das wusste ich interessanterweise schon vor unserem täglichen Telefondate. Weil ihr Profil auf meiner studiVZ-Freundesliste ganz oben steht.

Das bedeutet: Daten aktualisiert – und was nochmal genau, liebe “studiVZ Datum und Status”-Erneuerungs- Anzeige? Ooooh. (Persönliches). Ein Klick und die Sache war klar: Anstelle von solo prangt jetzt ein fettes vergeben neben Beziehungsstatus Doppelpunkt.

Spontan beschloss ich, meine Freundin auf der Stelle anzurufen.

“Was muss ich da auf deinem Profil lesen?!”, beginne ich enthusiastisch.
“Hmm ja, es ist zwar noch ganz frisch, aber er hat den Beziehungsstatus auf seinem Profil sofort geändert und dann konnte ich bei mir ja nicht einfach solo stehenlassen.” Klingt einleuchtend.

Wir reden über das letzte alles entscheidende Date und analysieren dabei auch die Wie-ernst-ist-die-Ex-noch-zu-nehmen-Situation. Das hat meiner Freundin Kopfzerbrechen bereitet. Bis jetzt.

“Weißt du”, meint sie enthusiastisch. “Ich hab den Namen seiner Ex jetzt rausbekommen und sie mal auf seiner Freundesliste gesucht. Jetzt bin ich total erleichtert: Guck sie dir mal schnell an, also ich finde, besser als die sehe ich auf jeden Fall aus.”

Ich klicke mich durch die virtuelle Clique des neue Boyfriends und nehme mir das besagte Ex-Freundinnen-Profil vor. Die Aussage meiner Freundin kann ich nach einer schnellen Runde durch das Abifahrt-Fotoalbum der Lady nur bestätigen. Körpermaße: Kelly Osbourne-mäßig. Gruppe: ‘Scheiß Party, holt meinen Schubkarren und fahrt mich heim!’ Keine Konkurrenz.

“Aber was natürlich klar war …”, meint meine Freundin gleich darauf resignierend. “Er kennt die dumme xy. Die, die mit uns in der Siebten war. Und jetzt rate mal, was sie ihm auf seine Pinnwand -" Das muss ich natürlich nicht, weil ich da schon längst rumsurfe. Es handelt sich um ein hey :-* "– geschrieben hat: Einfach ‘hey’ und so ‘nen knutschenden Smiley oder was das auch immer darstellen soll.”

“Boah, die Bitch.”, füge ich bekräftigend hinzu, weil ich die dumme xy wirklich unerträglich finde. “Ich sag’ nur – Lieblingsgruppen: ‘Suche Mann mit Pferdeschwanz: Haare egal’ oder wahlweise auch ‘Wenn’s mich dreimal geben würde, würd ich mir beim Sex mit mir selbst zugucken’ und ‘Ich bin Luxus und Luxus kann nicht jeder haben’.“
Diese eindeutige Charakterbeschreibung ist keine Mutmaßung, sondern durch einen kurzen Profilcheck der dummen xy belegt und somit eine offiziell bestätigte Tatsache.

“Aber egal. Wie geht’s eigentlich zz?”, wechsle ich irgendwann das Thema. zz ist einer unserer alten Partykumpel, den wir in der realen Welt ein bisschen aus den Augen verloren haben.
“Hm, keine Ahnung.”, meint meine Freundin. “Aber er hat doch letztens im studi Fotos hochgeladen, hast du das neue Album noch nicht gesehen? Er war doch mit aa, ab und ac im Urlaub, ich frag’ mich echt, warum der jetzt nur noch mit diesen komischen Tussen abhängt …”

Ich hoffe, dass euch dank diesem Auszug aus meinem Privatleben etwas aufgefallen ist.

Richtig: Die 14- bis 30-Jährigen legen beim Thema Soziale Netzwerke ein Nutzungsverhalten an den Tag, das diese "Facebook, studiVZ & Co. machen doof"-Studien ganz klar widerlegt. (Diese andere Studie, die ergeben hat, dass erhöhte Web 2.0-Aktivität gleichgültig macht, wird in diesem Artikel nicht berücksichtigt, weil mir das echt scheißegal ist. Entschuldigt. Der musste sein.).

Hallo? Ist diese Geschichte nicht der eindeutige Beweis dafür, wie anspruchsvoll social networking sein kann? Ein paar Stunden studiVZ-Surferei bringt mehr als jedes Psychologie-Modul, Bewerbertraining und Soft Skills-Übung inklusive.
Was man dort nicht alles lernt: Multitasking (Telefonieren plus Tippen plus Informationen auf Profilen sammeln und verarbeiten), Persönlichkeitsanalyse (siehe Gruppe: ‘verlinkte fotos stellen mich dar als hätte ich ein alkoholproblem’), Networking (“Okay, ich mag den eigentlich gar nicht wirklich, aber wenn ich ihn als Freund hinzufüge, ist sein Profil wenigstens nicht mehr eingeschränkt sichtbar”), Selbstvermarktung (siehe Gruppenliste von 90% der studiVZ-Nutzer), das Zehn-Finger-System (im Plauderkasten ist Schnelligkeit, auf Pinnwänden und in Nachrichtenfeldern eher Ausdauer gefordert) undundund …

Ganz zu schweigen von den vielen (sich positiv auf die Gesundheit auswirkenden!) sozialen Bindungen mehr oder weniger alter Bekannter, die schon längst abgebrochen wären, würden sie auf ihrer Freundesliste nicht regelmäßig ‘… echt immer noch dicht’ als “Ist gerade”-Status eintragen.

Wir fassen zusammen: Ein Großteil der User sieht sich heimlich die Profile anderer Nutzer an. Und mindestens die Hälfte tauscht sich währenddessen am Telefon aus. Behaupte ich jetzt einfach mal. Neben Social Skills, Soft Skills und anderen Super-für’s-Leben-Skills vermitteln Soziale Netzwerke möglicherweise den Hang zum Stalker oder das Gefühl, auf einer virtuellen Hausfrauenparty zu sein. Nur eins verursachen Facebook, studiVZ & Co. wirklich nicht: Dummheit. Die wird meistens schon aus dem realen Leben mit eingebracht."Wichtige Links zu diesem Text"
Macht Facebook dumm?
StudiVZ: Alles sehen wollen, aber anonym bleiben

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1 Antworten

Kommentare

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    Guter Text.
    Zum Thema StudiVZ, SchülerVZ und Co. - meiner Meinung nach FÜHRT das nicht zur Verdummung, sondern manches Machwerk dort RESULTIERT aus Verdummung. Wer so blöd ist, sich in Unterwäsche und BH (ja, schon erlebt) im SchülerVZ aller Öffentlichkeit zu präsentieren, ist selbst Schuld.
    Andererseits darf es auch nicht zu sehr ausarten (siehe Gruppe "real life? ey gib mal link!")...

    26.04.2009, 17:42 von MyaBeer
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